Staatschefs und Überlebende gedenken der Auschwitz-Befreiung

"Das Gedächtnis von Auschwitz muss bleiben"

Für ihn war es der erste Besuch des Todeslagers Auschwitz: Bundespräsident Steinmeier reiste nach seiner Visite in Israel nach Oswiecim und nahm dort am Gedenken zum 75. Jahrestag der Befreiung des Lagers teil.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender bei Holocaust-Gedenkfeier / © Britta Pedersen (dpa)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender bei Holocaust-Gedenkfeier / © Britta Pedersen ( dpa )

Mit eindringlichen Appellen gegen Gleichgültigkeit und das Vergessen haben Überlebende sowie Staats- und Regierungschefs an die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vor 75 Jahren erinnert. An dem offiziellen Gedenkakt nahmen am heutigen Montag mehr als 200 Überlebende und zahlreiche Politiker teil, unter ihnen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

"Auschwitz ist ein Ort des Grauens und ein Ort deutscher Schuld. Es waren Deutsche, die andere Menschen herabgewürdigt, gefoltert und gemordet haben. Wir wissen, was geschehen ist, und müssen wissen, dass es wieder geschehen kann", so Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er schrieb diesen Satz in das Gedenkbuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. 

Gemeinsam mit Juden, Sinti und Roma

Steinmeier, der die Gedenkstätte erstmals besuchte, zeigte sich tief betroffen nach seinem Rundgang durch das sogenannte Stammlager I. Zusammen mit einer Delegation - unter ihnen drei Überlebende, der Präsident des Zentralrats der Juden, Joseph Schuster, und der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose.

Der Tag hatte für Steinmeier früh angefangen: Bereits vor seinem Abflug nach Krakau hatten er und seine Frau Elke Büdenbender sich in Berlin auf Schloss Bellevue mit den drei Überlebenden getroffen, die ihn später auf dem Rundgang begleiten sollten.

Vernichtungswahn machte vor Kindern nicht halt

Einer von ihnen war der Tscheche Pavel Taussig, der mit gerade mal elf Jahren im November 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau kam. Er überlebte, weil die Nazis drei Tage zuvor begonnen hatten, Gaskammern und Krematorien zu zerstören. Er hielt seine Erinnerungen bei einem Krankenhaus-Aufenthalt in einem Tagebuch fest. Kindliche Erinnerungen, wie er selbst sagte, die davon ausgingen, die Barackenältesten seien für die Schikanen verantwortlich - und nicht die Nazis.

In das größte deutsche Konzentrationslager nahe der polnischen Kleinstadt Oswiecim in der Nähe von Krakau wurden zwischen 1940 und 1945 weit über eine Million Menschen aus ganz Europa deportiert. Der weit überwiegende Teil waren Juden, dazu kamen etwa 140.000 Polen, Zehntausende Sinti und Roma sowie Tausende politische Häftlinge anderer Nationalität. Die Zahl der Ermordeten wird auf etwa 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen geschätzt.

Zeitzeugen halten Erinnerung wach

Taussigs Vater, ein Bauingenieur, war ebenfalls dort interniert - er musste mit einer Rasierklinge die Gaskammern und Krematorien in den Plänen für das Vernichtungslager auskratzen. Als wäre die Vernichtung nicht passiert.

In seiner Rede bei der Gedenkstunde betonte der polnische Staatspräsident Andrzej Duda, dass genau das den Nazis nicht gelungen sei. "Die Zeugen wurden gerettet, der Ort wurde erhalten und zum Symbol des Holocaust." Dieses Gedächtnis von Auschwitz müsse bleiben, so Duda.

"Auschwitz nicht vom Himmel gefallen"

Mehr als 100 Überlebende waren zum Gedenken eingeladen, viele hatten Tränen in den Augen. Ihnen wurde bei der Gedenkstunde viel Platz eingeräumt, und einige konnten von ihrem Schicksal in Auschwitz erzählen. Marian Turski etwa, der vor rund eineinhalb Jahren Außenminister Heiko Maas (SPD) bei seinem Rundgang durch Auschwitz begleitet hatte, erinnerte daran, dass "Auschwitz nicht vom Himmel gefallen ist".

Er erzählte von seiner Zeit in Berlin in den 1930er Jahren, als auf den ersten Bänken im Park stand: "Juden dürfen hier nicht sitzen". Es sei ein gut bürgerliches Viertel gewesen, so betonte er, mit vielen Akademikern. Ähnlich sei es später mit den Schwimmbädern gewesen. Immer mehr sei den Juden verboten worden. Bis sie schließlich in Ghettos und Konzentrationslager geschickt wurden. "Sie wurden ermordet mit Zyklon B in den modernen Gaskammern."

Auftrag an die Nachkommen der Überlebenden

Turski mahnte in seiner Rede, die er auch an seine Enkelin richtete: "Wir müssen aufpassen, dass es nicht noch mal passiert. Wir müssen auf die Anzeichen achten, wir müssen die Gesetze verteidigen und die Gesetze von Minderheiten respektieren."

Steinmeier saß ebenfalls unter den Zuhörern, auch er hatte nach seinem Rundgang durch die Gedenkstätte betont, "die Last der Geschichte ist hier spürbar". Der Ort sei eine Mahnung, dass "wir erinnern, um im Hier und Jetzt vorbereitet zu sein". Und er wiederholte, was er bereits am vergangenen Mittwoch bei seiner Rede in Yad Vashem gesagt hatte: Die Zeiten, die Worte und die Taten seien heute andere. Aber "mehr als einmal haben wir den Eindruck, dass das Böse noch vorhanden ist".

Grausamstes Verbrechen der Menschheitsgeschichte

Polens Staatspräsident Andrzej Duda bezeichnete in seiner Rede den Holocaust als grausamstes Verbrechen der Menschheitsgeschichte. "Vor 75 Jahren endete hier der monströseste Albtraum, der fünf Jahre zuvor begonnen hatte." Zwar hätten sich die Nationalsozialisten bemüht, vor Kriegsende alle Zeichen des Vernichtungslagers zu zerstören - das sei ihnen aber nicht gelungen. "Die Zeugen wurden gerettet, der Ort wurde erhalten und zum Symbol des Holocaust." 

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, sprach von einer "fürchterlichen Narbe". Deutschland und Österreich hätten "dieses Übel" angerichtet; aber auch andere Länder in Europa hätten dabei geholfen, Juden loszuwerden. Zugleich erinnerte er an Menschen, die Juden retteten. Antisemitismus könne nicht ausgerottet werden. Aber die Menschen heute könnten umsichtiger und vorsichtiger werden. Worte allein reichten nicht: "Es braucht Gesetze", und die müssten auch durchgesetzt werden.

Angespannte israelisch-polnische Beziehungen

Mit Blick auf jüngste Unstimmigkeiten warnte Israels Präsident Reuven Rivlin davor, die israelisch-polnischen Beziehungen durch politische Interventionen in Fragen der Geschichtsdeutung zu schädigen. Der durch die schreckliche Geschichte geschaffene untrennbare Bund zwischen Polen und Israel müsse "die Reinheit der Geschichte heiligen" und die historische Forschung den Experten überlassen, sagte Rivlin laut Präsidialamt bei einem Treffen mit Duda in Krakau.

Rivlin nahm an dem Gedenken in Auschwitz teil. Duda hatte dagegen am Donnerstag nicht an der Holocaustgedenkfeier in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem teilgenommen und die Veranstaltung kritisiert.

Staatschefs beim Holocaust-Gedenken in Israel / © Abir Sultan (dpa)
Staatschefs beim Holocaust-Gedenken in Israel / © Abir Sultan ( dpa )
Die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano verdankt ihrem Akkordeon-Spiel ihr Leben / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano verdankt ihrem Akkordeon-Spiel ihr Leben / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Ein Überlebender nimmt an der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz teil / © Czarek Sokolowski (dpa)
Ein Überlebender nimmt an der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz teil / © Czarek Sokolowski ( dpa )
Autor/in:
von Birgit Wilke und Leticia Witte
Quelle:
KNA
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