Spekulationen über vatikanischen Fragebogen an die Bischöfe

Eine Umfrage unter allen Katholiken?

Die Schlagzeilen klingen nach einer der größten und spektakulärsten Umfragen der Geschichte: "Der Vatikan befragt Katholiken weltweit zu Ehe und Sexualität". So oder ähnlich lauten die Meldungen, die seit Donnerstag weltweit großes Aufsehen verursachen.

Autor/in:
Thomas Jansen
 (DR)

Erstmals in der Geschichte wende sich der Vatikan an jeden einzelnen Gläubigen, um dessen Überzeugungen zu erfahren, hieß es. Viele Berichte erweckten den Eindruck, als könne demnächst in jeder Kirche oder sogar im Internet auf vatikanischen Fragebogen angekreuzt werden, ob man künstliche Empfängnisverhütung, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften oder den kirchlichen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen "gut" oder "schlecht" findet. Besonders brisant scheint der Vorgang deshalb, weil alle Anzeichen dafür sprechen, dass gerade in Fragen von Familie, Ehe und Sexualität die Diskrepanz zwischen kirchlicher Lehre und Einstellungen der Gläubigen beträchtlich ist.  

Auslöser der Spekulationen war ein Bericht der US-amerikanischen Zeitschrift "National Catholic Reporter". Sie hatte am Donnerstag (Ortszeit) gemeldet, dass die nationalen Bischofskonferenzen vom Vatikan einen Fragebogen zur Vorbereitung der Sonderbischofssynode über die Familienseelsorge im Oktober 2014 erhalten hätten. Die Zeitschrift zitierte zudem aus einem Begleitschreiben des Generalsekretärs der Bischofssynode, Erzbischof Lorenzo Baldisseri.

Darin bittet Baldisseri die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen darum, den Fragenkatalog an die Diözesen weiterzuleiten und ihn "umgehend so weit wie möglich an Dekanate und Gemeinden" weiterzureichen. Man wolle aus "örtlichen Quellen" Beiträge zu den Themen erhalten, so das Schreiben weiter. Bis Ende Januar solle dem Vatikan eine Zusammenfassung der Antworten werden.

Dass der Vatikan zur Vorbereitung einer Bischofssynode Fragebögen an die Teilnehmer verschickt, ist nichts Ungewöhnliches. Dass er hierzu alle Gläubigen befragt, wäre jedoch tatsächlich neu. Doch von einer solchen Umfrage im engeren Sinne sagt das zitierte Schreiben nichts.

Auch ein Blick auf den vom "National Catholic Reporter" veröffentlichen "Fragebogen" selbst macht deutlich, dass dieser schwerlich zur Verteilung an alle Gläubigen gedacht ist. Die erste Frage zum Thema "gleichgeschlechtliche Partnerschaften" lautet etwa: "Gibt es in Ihrem Land eine zivile Gesetzgebung, die Verbindungen von Personen desselben Geschlechts anerkennt und damit in etwa der Ehe gleichstellt?"

Auch die Frage nach der Akzeptanz des kirchlichen Verbots künstlicher Empfängnisverhütung ist nicht so formuliert, wie man dies bei einer Umfrage vielleicht erwarten würde: "Wird diese Morallehre akzeptiert? Welches sind die problematischsten Aspekte, die die Akzeptanz bei der großen Mehrheit der Ehepaare erschweren?"

Viele weitere Fragen sind ähnlich formuliert. Und so liegt die Annahme nahe, dass der vom Vatikan selbst verschickte Fragebogen sich in erster Linie an die Bischöfe richtet und kaum für jeden Katholiken gedacht ist. Die Gemeinden und die einzelnen Gläubigen sollen in einem weiteren Sinne einbezogen werden. Wie das konkret aussieht, bleibt den Bischofskonferenzen überlassen.

Auf der Internetseite der Bischofskonferenz von England und Wales etwa findet sich bereits seit vergangener Woche ein Onlinefragebogen zu den Themen Familie, Ehe und Sexualität. Mit den Worten "Sie können sich aktiv an der Vorbereitung der Synode beteiligen" wirbt die britische Bischofskonferenz um Teilnahme an der Onlinebefragung. Die Deutsche Bischofskonferenz will nach eigenen Angaben bis Ende November entscheiden, wie sie verfährt.

Der Vatikan informiert am Dienstag in einer Pressekonferenz über den Stand der Planungen für die Bischofssynode. Fest steht bislang nur, dass die Ergebnisse der Befragung vom Generalsekretariat der Bischofssynode ausgewertet werden und in das vorbereitende Dokument der Bischofssynode, das sogenannte "Arbeitsinstrument", einfließen sollen. Sie sind somit im Oktober 2014 Teil der Gesprächsgrundlage. Welchen Einfluss der "Fragebogen" am Ende auf die Bischofsversammlung hat, muss sich zeigen.
 


Quelle:
KNA