Vor zehn Jahren wurde die Al-Shabaab aus Mogadischu vertrieben

Somalia ist ein Land im Aufschwung, aber nicht für Christen

Somalias Christen sind eine Herde ohne Hirten. Dass der ostafrikanische Staat seit Jahrzehnten ohne funktionale Regierung ist, hat ihre Misere nur verstärkt. Doch am Sonntag könnte endlich ein Präsident gewählt werden.

Symbolbild: Christenverfolgung  / © nn (AFP)
Symbolbild: Christenverfolgung / © nn ( AFP )

Vor zehn Jahren feierten die Bewohner der somalischen Hauptstadt Mogadischu die Vertreibung der Al-Shabaab: Am 10. Oktober 2011 waren die "Gotteskrieger" von Soldaten der Afrikanischen Union (AU) in einem stundenlangen Gefecht aus ihrer letzten Bastion vor die Stadttore gejagt worden. Seither fand die Metropole am Indischen Ozean wieder zu brüchiger Stabilität zurück. Doch eine religiöse Minderheit muss sich weiterhin verstecken, wie Giorgio Bertin, Bischof von Dschibuti und Apostolischer Administrator von Mogadischu, berichtet: "Die Al-Shabaab hat ein Erbe von Hass und Misstrauen gegen Christen hinterlassen."

Situation für Christen weiterhin gefährlich

Weniger als 1.000 Christen leben in Somalia, die meisten davon in Städten wie Mogadischu. Mehr als 99 Prozent ihrer Landsleute sind Anhänger eines Islam, der als erstaunlich liberal galt - zumindest vor dem Siegeszug der Al-Shabaab. Gebetet und Gottesdienst gefeiert wird seither nur mehr hinter verschlossenen Türen. Bischof Bertin besucht Somalias Christen unregelmäßig; auch sein jüngster Besuch Mogadischus im August war bloß eine Kurzvisite bei einer Hilfsorganisation. Ein Hirte, der seine Herde besucht, das hätte laut Bertin "Probleme verursacht" und wäre einer "Provokation" gleichgekommen.

"Leider sehe ich nicht, dass sich ihre Situation gebessert hätte", klagt Bertin am Telefon. Dabei ging es in dem Bürgerkriegsland, in dem nach dem Sturz von Diktator Siad Barre 1991 Warlords, Piraten und Islamisten die Macht übernommen hatten, zuletzt eigentlich wieder bergauf: Im September fand in Mogadischu die erste Kinovorführung seit 30 Jahren statt. Seit 2020 können die Bewohner neben dem Theater auch wieder ihr Nationalmuseum und das Fußballstadion besuchen. Die meisten der Kulturbauten dienten während der Kampfjahre entweder den Islamisten oder den Friedenstruppen als Stützpunkt.

Behörden wollen Al-Shabaab beschwichtigen

Für die Somalier ist der Abzug ein Sieg, berichtet Mohamed Gaas, Experte am Institute for Security Studies (ISS) in Addis Abeba, denn: "Sie haben genug von kaputten Institutionen, Gewalt und nichtstaatlichen Akteuren wie der Al-Shabaab, die alle als Hindernis auf dem Weg zum Frieden gesehen werden."

Dass Christen immer noch verfolgt werden, erklärt sich Bischof Bertin so: "Die gegenwärtigen Behörden haben Sorge, anderen Religionen mehr Freiheiten einzuräumen." Dies diene dazu, die Al-Shabaab zu "beschwichtigen". Und ihr somit keinen Grund für einen weiteren Anschlag zu geben. Im Juli stürmte ein Selbstmordattentäter ein stark besuchtes Teehaus und sprengte 17 Menschen in den Tod. Solche Angriffe sind in Mogadischu nicht selten, wo die Al-Shabaab auf Guerilla-Kriegsführung umgestiegen ist. Außerhalb der großen Städte kontrollieren die Islamisten immer noch weite Gebiete.

Ob sich die Situation für Somalias Christen in Zukunft bessern könnte? "Nicht so bald", schätzt Bertin, "vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren." Nach Ansicht des Bischofs seien es nicht muslimische Glaubensführer, die den ersten Schritt dazu tun müssten, sondern Somalias Politiker. "Solange es keine Regierung gibt, die gewisse Gesetze und Prinzipien einführt, ein gewisses Maß an Menschenrechten, ist eine Besserung unmöglich", sagt Bertin. Somalia gilt seit dem Bürgerkrieg als gescheiterter Staat ohne wirksame Zentralregierung.

Präsidentschaftswahl in Somalia

Das Wichtigste sei daher der Übergang zu einem Rechtsstaat, der Respekt für Grundrechte pflegt. Eine neue Chance dazu könnte es am Sonntag geben. Dann sollen Vertreter, die zuvor von Clan-Führern ausgesucht wurden, einen neuen Präsidenten wählen.

Für Bischof Bertin ist klar, dass das Bistum Mogadischu mit einer handvoll Gläubigen und einer zerbombten Kathedrale nicht oberste Priorität für den Vatikan habe. Dennoch sei es entscheidend, Somalias Christen nicht allein zu lassen. Er diene in seiner Position des apostolischen Administrators als "Anhaltspunkt" in unmittelbarer Nähe. So will er mit den Exil-Christen Gottesdienst feiern, den Segen spenden und Seelsorge leisten - vorerst aber weiterhin via E-Mail und Mobiltelefon.

Autor/in:
Markus Schönherr
Quelle:
KNA