Sollen Priester heiraten, um nicht einsam zu sein?

"Zölibat gleich Missbrauch ist zu simpel"

Neu ist das Thema nicht, doch durch ein Interview von Kardinal Reinhard Marx hat die Debatte um den Pflichtzölibat wieder Tempo aufgenommen. Der Psychiater Eckhard Frick hat sich Lebensform und Fragen nach Einsamkeit angeschaut.

Ein graues und ein weißes Collarhemd / © Cristian Gennari (KNA)
Ein graues und ein weißes Collarhemd / © Cristian Gennari ( KNA )

DOMRADIO.DE: Mehrere Tausend Priester haben sich vor sechs Jahren an Ihrer Seelsorge-Studie beteiligt. Das Ergebnis hinsichtlich der Lebenszufriedenheit war doch recht positiv. Dürfte sich das angesichts der gegenwärtigen Ereignisse in unserer Kirche vielleicht geändert haben?

Prof. Dr. med. Eckhard Frick SJ (Professor für Anthropologische Psychologie in München): Wir haben nicht nur Priester befragt, sondern Seelsorgende - ungefähr 20.000. Wir hatten einen Rücklauf von vier Fünfteln. Die Zufriedenheit hat uns damals sehr erstaunt. Die ging durch alle Berufsgruppen. Etwas zufriedener waren diejenigen, die in einer spezialisierten Seelsorge-Einrichtung arbeiten. Gleichwohl haben wir damals schon in puncto Lebensform, zum Beispiel Zölibat und Einsamkeit, ein sehr gemischtes Bild gefunden, das in Teilen zufrieden war und ein Teil war überhaupt nicht zufrieden. 

DOMRADIO.DE: Kardinal Marx sagt jetzt in dem Interview, es sei falsch, die Möglichkeit, den Zölibat zu leben, einfach auf den Einzelnen abzuladen. Was ist da Ihre Erkenntnis? Fühlen Sie sich als Priester durch diese Lebensform wirklich einsam? Oder kennen Sie vielleicht Leute, denen das so geht in Ihrem Umfeld?

P. Eckhard Frick SJ

"Es gibt Priester, die unter der Einsamkeit leiden, und wenn sie zum Beispiel in einem riesengroßen Pfarrhaus, das für viele gebaut worden ist, dann ganz alleine sitzen."

Frick: Letzteres ganz sicher. Es gibt Priester, die unter Einsamkeit leiden. Wenn sie zum Beispiel in einem riesengroßen Pfarrhaus, das für viele gebaut worden ist, dann ganz alleine sitzen. Das gibt es. Für uns als Ordensleute ist das etwas anders. Wir haben eine Gemeinschaft um uns herum. Ich muss Ihnen auch gestehen, ich bin auch deshalb in den Jesuitenorden eingetreten, weil ich nicht irgendwo in einem Pfarrhaus alleine sitzen wollte. Das war eine der Motivationen.

DOMRADIO.DE: Nun wird in der Kirche und Gesellschaft viel darüber diskutiert, ob und wie der Zölibat auch sexuellen Missbrauch eventuell begünstigen kann. Da gehen die Meinungen bekanntlich sehr weit auseinander. Wie ist da Ihre Einschätzung als Psychiater?

Frick: Nun, auch die MHG Studie, also die große Studie von 2018 zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche, die sich vorwiegend auf die Straftäter bezieht, behauptet nicht, dass der Zölibat als solcher den Missbrauch begünstigt. Es gibt bestimmte Risikogruppen, die sich vielleicht auch durch den Zölibat angezogen fühlen. Wir müssen das untersuchen, wenn Sie das zum Beispiel mit der anglikanischen Kirche, die kein Pflichtzölibat hat, nur leider ganz ähnliche Missbrauchszahlen, vergleichen. Die Sache muss also viel differenzierter angeschaut werden, es muss ein Klima entstehen, gefördert werden oder wieder entstehen, in dem Kinder und Menschen, die schutzbedürftig sind, eben geschützt werden. Und wenn das die Lebensform ist, die sich negativ auswirkt, dann muss natürlich auch über die Lebensform geredet werden. Aber diese einfache Gleichung Zölibat gleich Missbrauch ist zu simpel.

P. Eckhard Frick SJ

"Diese einfache Gleichung Zölibat gleich Missbrauch ist zu simpel."

DOMRADIO.DE: Vergangene Woche haben sich ja viele Menschen, die in und für die katholische Kirche arbeiten, als queer geoutet. Darunter auch einige Priester, die ihre Sexualität bislang geheim gehalten haben. Mit einer Aufhebung des Zölibats wäre denen allerdings weniger geholfen, solange sich die Sexualmoral der Kirche nicht auch ändert. Greift das von Kardinal Marx wieder aufgegriffene Thema Zölibat doch noch etwas weiter?

Frick: Nun, die Sexualmoral als solche ist es ja nicht, sondern die Art und Weise, wie wir mit Lebensformen umgehen. Moral ist ja zunächst mal eine Beschreibung und die Ethik ist die Anwendung von bestimmten Werten. All das ist im Fluss und entwickelt sich. Aber was auf jeden Fall immer schon gegolten hat, ist, dass wir mit Respekt anderen Menschen begegnen sollten. Das gilt auch in der Kirche. Also dass wir schauen, da gibt es verschiedene Lebensentwürfe, dass wir niemanden verurteilen, niemanden beeinträchtigen, niemanden ausschließen, sondern mit Respekt jedem und jeder begegnen.

DOMRADIO.DE: Seit gestern tagt in Frankfurt wieder der Synodale Weg. Die Teilnehmenden dort stehen unter großem Erwartungsdruck. Was denken Sie, wird am Ende dabei herauskommen? Vielleicht auch rund um den Themenblock Zölibat?

Frick: Ja, zunächst einmal ist ja der Tonfall ein anderer geworden. Wenn Sie sich das Interview von Kardinal Marx vor Augen führen, das ist sehr nachdenklich, auch in gewisser Weise verwundet. Er spricht dann auch davon, ob wir jetzt nur noch an ein Abriss- oder Abwicklungs-Kommando sind. Und da gibt es auch, finde ich, das Gute am Bösen - was nicht heißt, dass das Böse nicht böse ist. Aber diese Situation birgt auch Chancen, dass die Menschen auf eine neue Weise miteinander reden. Also nicht in einer Wagenburgmentalität irgendwelche Strukturen verteidigen, sondern dass sie schauen: Ist da nichts Neues möglich? Können wir nicht von den Betroffenen des Missbrauchs lernen, aber auch inhaltlich mehr aufeinander zugehen und einander zuhören?

Das Interview führte Michelle Olion.

Zölibat

Das Wort "Zölibat" kommt von dem lateinischen Ausdruck caelebs, was so viel bedeutet wie ehelos. Der Begriff "Zölibat" bezeichnet die von Priestern und Mönchen zahlreicher Religionen geforderte Ehelosigkeit und den Verzicht auf jede Form der sexuellen Betätigung. Begründet wird der Zölibat in erster Linie mit dem Hinweis darauf, dass Jesus Christus selbst ehelos war und die Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen" für diejenigen empfahl "die es erfassen können" (Mt 19,12).

Zölibat: Debatte dauert an / © Katharina Ebel (KNA)
Zölibat: Debatte dauert an / © Katharina Ebel ( KNA )

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