So stehen die US-Christen zu ihrem Präsidenten

Trump, und dann?

Die USA sind gespalten wie lange nicht, und das liegt nicht nur an Präsident Trump. domradio.de-Reporter Renardo Schlegelmilch hat zwei Wochen in den USA recherchiert und hat nachgefragt: Wie stehen die Christen zu ihrem Präsidenten?

Amerika ist ein gespaltenes Land / © Frank May (dpa)
Amerika ist ein gespaltenes Land / © Frank May ( dpa )

domradio.de: Amerika unter Trump: Was hast Du für ein Land erlebt?

Renardo Schlegelmilch (domradio.de-Reporter): Ein Beispiel: Ich bin in Miami Taxi gefahren, und habe den Fahrer gefragt: "Haben Sie für Trump oder Clinton gestimmt?" Der Fahrer, ein Einwanderer aus Kuba, antwortete: "Natürlich für Trump! Was ist das für eine Frage?" Im ersten Moment war ich schockiert, dann aber hat der Taxifahrer mir erklärt, was dahinter steckte: "Ich komme aus Kuba. Und Obama hat mit Castro verhandelt; das ist der Mann, vor dem meine Familie geflohen ist. Natürlich kann ich nicht für dessen Partei stimmen." Was ich damit sagen will: Wenn man den ersten Schock verdaut hat, haben die meisten Trump-Wähler sogar recht plausible Argumente geliefert, die ich irgendwie auch nachvollziehen konnte.

domradio.de: Also stehen die Amerikaner ihrem Präsidenten nicht so negativ gegenüber, wie wir in Deutschland?

Schlegelmilch: Das muss man vom Thema abhängig machen. Ich glaube, die wenigsten sind krasse Trump-Fans. Viele finden in der Politik der Republikaner Punkte, denen sie zustimmen. Dabei haben sich Republikaner und Demokraten in den vergangenen Jahrzehnten extrem nach rechts und links auseinander bewegt. Als Wähler findet man bei beiden Parteien Punkte, die man einfach nicht akzeptieren kann. Die Gesundheitsreform "Obamacare" zum Beispiel: Als Deutscher hält man das für eine super Sache, denn Krankenversicherungen haben wir auch, warum dann nicht in Amerika genauso? Dabei übersehen wir aber einen wichtigen Punkt: "Obamacare" ist keine gesetzliche Krankenversicherung, sondern eher eine Pflicht zur Privatversicherung. Das günstigste Modell kostet etwa 300 Dollar im Monat. Für Geringverdiener ist das unter Umständen schon der halbe Monatslohn. Eine ähnliche Diskussion wird beim Thema Abtreibung geführt. Wenn es also um die Argumente für oder gegen Trump geht, dann geht es oft weniger um die Person, als um die Sache.

domradio.de: Macht es denn einen Unterschied, ob man mit den Menschen in der Stadt oder auf dem Land spricht?

Schlegelmilch: Absolut! Die Menschen in den Städten sind tatsächlich liberaler, haben ähnliche politische Ansichten, wie wir in Europa. Die Menschen auf dem Land haben ganz andere Probleme. Ich hatte auch den Eindruck, die Leute in den ländlichen Gebieten, suchen sich bei der politischen Diskussion die Argumente raus, die ihnen in den Kram passen. Ich war in einer Autofabrik in Michigan, wo die Chefs gesagt haben: "Klimawandel ist ein großes Problem, da müssen wir nicht diskutieren". Geht man dann aber ans Fließband und spricht mit den Arbeitern, heißt es dann: "Wir als Menschen sind so klein, die Sonne ist so groß. Da können wir ja keinen Einfluss haben. Oder schau Dir die ganzen Tiere auf der Welt an. Wir sind nicht die einzigen, die das Klima beeinflussen." Die Spaltung in den USA zeigt sich deutlicher am Unterschied zwischen Stadt und Land und mehr als zwischen Rechts und Links oder Nord und Süd.

domradio.de: 70 Prozent der Amerikaner sind Christen, davon sind die Katholiken die größte Einzelgruppe. Wie stehen die zu ihrem Präsidenten Donald Trump?

Schlegelmilch: Auch das muss man vom Thema abhängig machen. Der größte Diskussionspunkt ist das Thema Abtreibung. Die Abtreibungspolitik der Demokraten macht es für viele Christen unmöglich, die Demokraten zu wählen. Die Abtreibungsgesetze sind in den USA viel liberaler als bei uns. In den USA kann eine Frau nämlich bis zum siebten Monat abtreiben; je nach Begründung und Fall soll es sogar noch später möglich sein, die Schwangerschaft straffrei zu beenden. Wer nun aber als Christ für Lebensschutz steht, kann eine Partrei nicht wählen, die diesen Status Quo aufrecht erhalten möchte. Vor der Wahl hat die US-Bischofskonferenz in einem Schreiben dazu aufgerufen, als Christ keine Partei zu unterstützen, die einen Standpunkt vertritt, der "inherently evil" ist, also "von Grund auf böse", oder besser "moralisch nicht vertretbar". Gleichzeitig sagt die Bischofskonferenz aber, dass man seine Wahlentscheidung nicht von einem einzigen Argument abhängig machen soll. Sprich: Wenn es jede Menge Argumente für Christen gegen einen Präsidenten Trump gibt, dann ist es auch in Ordnung eine andere Partei zu unterstützen.

domradio.de: Du hast auch Juden, Muslime, Transsexuelle und andere Randgruppen getroffen. Wie stehen die zu ihrem Präsidenten?

Schlegelmilch: Das ist sehr interessant: Einige haben zwar Angst, aber die meisten finden Trump und seine Politik sogar gut, weil durch ihn die ganzen Probleme jetzt endlich ans Licht kommen und diskutiert werden. Die sagen: "Hass, Verachtung, Abwertung haben wir in der Gesellschaft immer schon erlebt. Jetzt wird das aber erstmals ans Licht gebracht und in der Öffentlichkeit diskutiert. Das gleiche mit der Rassenproblematik. Wir waren da, als die Übergriffe in Charlottsville passiert sind. Auf uns als Deutsche sind sehr viele zugekommen und haben gefragt: "Wie ist das bei Euch mit den Rechtsradikalen? Wie geht Ihr damit um?" Das Problem gab es in Amerika vorher genau so, nur hat niemand wirklich darüber gesprochen.

domradio.de: Wie denkst Du geht es weiter mit dem Land und mit seinem Präsidenten?

Schlegelmilch: Die Frage ist schwer zu beantworten. Das konnten mir auch die meisten Menschen nicht eindeutig sagen. Selbst Politiker von Republikanern und Demokraten haben gesagt: "Unser Land ist so gespalten. Wir müssen wieder zusammenkommen. Wir wissen nur einfach nicht wie." Ich habe auch mit Fabrikarbeitern gesprochen: Die befürchten, dass sich das Land auf den nächsten Bürgerkrieg zubewegt. Die Meinungen gehen immer mehr auseinander und gleichzeitig bewaffnen sich die Amerikaner stärker. Ich persönlich sehe das nicht ganz so, aber es sagt viel über den Zustand des Landes aus. Keiner weiß, wohin es geht. Das Land ist so gespalten wie schon lange nicht mehr und hat noch dazu einen populistischen Präsidenten, den man nicht wirklich ernst nehmen mag. 

Das Interview führte Carsten Döpp.

Renardo Schlegelmilch in Washington (DR)
Renardo Schlegelmilch in Washington / ( DR )
Quelle:
DR
Mehr zum Thema