So machen Assistenzhunde ein unabhängiges Leben möglich

"Kira spürt meine Nervosität sofort"

Ohne seine Hündin Kira könnte Detlef Sander nicht an der Supermarktkasse stehen. Aufgrund seiner posttraumatischen Belastungsstörung benötigt er stets ausreichend Abstand zu anderen Menschen. In solchen Situationen schafft Kira Platz.

Autor/in:
Johanna Manger
Detlef Sander mit seinem Assistenzhund Kira in einem Drogeriemarkt in Berlin. / ©  Johanna Manger (epd)
Detlef Sander mit seinem Assistenzhund Kira in einem Drogeriemarkt in Berlin. / © Johanna Manger ( epd )

Eine ruhige Handbewegung nach unten reicht aus. Der Goldendoodle reagiert sofort und setzt sich mitten in den Gang des Drogeriemarkts. Während Detlef Sander mit vorsichtigen Schritten am Waschmittelregal entlanggeht, dient die Hündin als Barriere. Ohne jede Regung bleibt sie sitzen, ganz auf den mittelgroßen Mann mit Turnschuhen, dunkler Jeans und verwaschener Regenjacke fixiert. So schafft sie Raum für jemanden, der sich unter vielen Menschen schnell unwohl fühlt. Kira trägt ein neongelbes Geschirr mit der Aufschrift "Assistenzhund" und dem Hinweis "bitte nicht streicheln". "Das ist wichtig", sagt Sander, "sie ist hier gerade bei der Arbeit und darf nicht abgelenkt werden".

Sander kennt den Drogeriemarkt und das Einkaufszentrum im südlichen Potsdam gut. Trotzdem bewegt er sich sehr vorsichtig durch den Laden. Sein Blick ist geradeaus gerichtet. "Ich ertrage es gar nicht mehr, wenn mir Menschen zu nahe kommen", sagt der 55-Jährige. Ohne Kira könne er zum Beispiel nicht an der Kasse stehen.

"Sie musste lernen, dass ich die Nummer eins bin"

Während er mit zittrigen Fingern in seinem Geldbeutel sucht, sitzt die Hündin hinter ihm. Kein Schnuppern, kein Schwanzwedeln, kein Knurren. Um dieses eigentlich hundeuntypische Verhalten zu erlernen, hat Sander zweieinhalb Jahre mit ihr trainiert. Im Supermarkt, auf Gehwegen, an der Ampel, begleitet von einer Hundetrainerin. "Kira musste lernen, dass ich die Nummer eins bin", sagt Sander. Die neongelbe Weste durfte sie erst nach bestandener Prüfung der Ausbildung zum Assistenzhund tragen.

Assistenzhunde wurden 2021 in das Behindertengleichstellungsgesetz aufgenommen. Sie sollen dazu beitragen, dass Menschen mit Behinderung der Zugang zum öffentlichen Leben erleichtert wird. Seitdem dürfen diese Hunde Menschen mit körperlichen und psychischen Einschränkungen in Geschäfte, Arztpraxen oder Museen begleiten. Das ohnehin komplizierte Verfahren bis zur behördlichen Anerkennung eines Tieres ist jedoch seit fast zwei Jahren zum Stillstand gekommen. Seitdem gibt es keine offizielle Zertifizierungsstelle für Assistenzhundeprüfer mehr.

Betroffene müssen die Kosten selbst tragen

Katharina Lorenz vom Sozialverband Deutschland (SoVD) in Niedersachsen sieht großen Bedarf für eine möglichst schnelle Lösung. Denn "Assistenzhunde sind ein Hilfsmittel, um eine Teilhabe am Alltag zu ermöglichen", sagt die Leiterin der Abteilung Sozialpolitik bei dem Landesverband. Derzeit wird im Bundestag über einen neuen Gesetzentwurf und eine Übergangsregelung für die Prüfung von Assistenzhunden beraten. Mit einer Neuregelung sei im Herbst dieses Jahres zu rechnen, heißt es beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Große Hürden sieht Lorenz auch bei der Finanzierung. Denn mit Ausnahme von Blindenführhunden bekommen Betroffene derzeit keine finanzielle Unterstützung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Dabei sei allein die Anschaffung eines geeigneten Hundes teuer, da er am besten von einem zertifizierten Züchter stammen sollte, sagt Lorenz. Zusammen mit der Ausbildung "können die Kosten schon mal bei bis zu 25.000 Euro liegen". In manchen Fällen könnten Betroffene allerdings Unterstützung durch Stiftungen bekommen.

Hilft bei PMS

Detlef Sander zum Beispiel wurde von der Deutschen Opferhilfe finanziell unterstützt. Als er 2021 den Goldendoodle bekam, war der gelernte Konditor und Restaurantfachmann schon seit 13 Jahren Frührentner. Wie es dazu kam, erzählt er hastig, während eine Hundezunge über seine zitternden Finger fährt. "Kira spürt meine
Nervosität sofort", sagt er. Das Schlecken beruhige ihn. Mehr als 20 Jahre habe er in der Gastronomie gearbeitet und sich komplett verausgabt. "Bis ich irgendwann zusammengebrochen bin", sagt Sander. Erst dann sei zum Vorschein gekommen, was sein Gehirn bis dahin verdrängt habe: sexueller Missbrauch in der Kindheit, der zu einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung führte.

"Manchmal, wenn mir alles zu viel wird, bleibe ich einfach wie erstarrt stehen", sagt Sander. Sein Gehirn schalte dann in einen Blackout-Modus, er könne nicht mehr sprechen. Ohne Kira wäre er in solchen Momenten komplett hilflos. "Sie zwickt mich dann leicht in die Hand oder ins Bein, damit ich wieder zu mir komme."

Draußen vor dem Einkaufszentrum löst Sander die Klettverschlüsse der neongelben Weste und krault Kira am Kopf. "20 Minuten Arbeitreichen", sagt er. "Jetzt darf sie wieder Hund sein."

Tag der Menschen mit Behinderungen

Weltweit kann jeder siebte Mensch wegen eines Handicaps sein Alltagsleben nur mit Einschränkungen bewältigen. Bis zu 190 Millionen von ihnen sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO wegen besonders schwerer körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderungen dringend auf Hilfe von anderen angewiesen. Allerdings gehen laut UN nur wenige Staaten angemessen auf die Bedürfnisse von Behinderten ein. Der 1992 von den Vereinten Nationen ausgerufene Tag der Menschen mit Behinderung (am 3.

Mensch mit Sehbehinderung  / © Monika Skolimowska (dpa)
Mensch mit Sehbehinderung / © Monika Skolimowska ( dpa )
Quelle:
epd