Seit 25 Jahren ziehen die Sternsinger ins Bundeskanzleramt

Caspar, Melchior, Balthasar in Berlin

Koalitionsgespräch am Montagabend, Krisengipfel im Kanzleramt. Mal wieder. Doch der Jahresauftakt der Berliner Politik steht an gleicher Stätte bereits einige Stunden zuvor an. Als eine der ersten Amtshandlungen 2009 wird Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Amtssitz rund 110 Sternsinger begrüßen, in ihren farbenfrohen Gewändern, mit Weihrauchfässern und Pappsternen. Für Kamerateams ein Pflichttermin. Und für alle eine Win-Win-Situation: eine menschelnde Kanzlerin, Besinnlichkeit, bunte Bilder und hinterher heißer Kakao für die kleinen Caspars, Melchiors und Balthasars aus dem ganzen Bundesgebiet.

 (DR)

Kanzler kommen und gehen, Könige kommen immer wieder - in diesen Tagen ist es 25 Jahre her, dass erstmals Sternsinger ins Bonner Bundeskanzleramt Einzug hielten. Im Herbst 1983 hatte Prälat Paul Bocklet, Vertreter der Bischöfe im politischen Bonn, mit einer pfiffigen Initiative dafür gesorgt, dass sich die Gittertore des Kanzleramtes für die Sternsinger öffneten: "Dr. Kohl lädt ein", hieß es schließlich im Schreiben der Planer. Er habe, sagte der Altkanzler jetzt in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), dazu beitragen wollen, "diese Institution dauerhaft zu festigen". Das gelang ihm. Der Empfang, den Kohl selber ganz termingerecht auf den 6. Januar 1984, das Dreikönigsfest, legte, wurde zu einem Selbstläufer. Beim ersten Mal kamen 106 Jungen und Mädchen aus neun deutschen Diözesen. Bald waren es Abordnungen aus allen westdeutschen Diözesen, auch einige Belgier. Am 8. Januar 1990 zogen erstmals junge DDR-Katholiken aus Görlitz in die Zentrale der Macht am Rhein. Auch an diesem Montag singen Jungen und Mädchen aus allen 27 deutschen Diözesen und dem deutschsprachigen Ostbelgien im Bundeskanzleramt. "Ganz wichtige Stimme für die Rechte von Kindern weltweit"Ob Helmut Kohl (CDU), Gerhard Schröder (SPD) oder Angela Merkel. Bei keinem anderen Thema zeigen sich die drei so einer Meinung. Kohl nannte das Engagement "einfach großartig", Schröder fand die Idee toll, den Sternsingern den Friedensnobelpreis zu verleihen. Merkel lobte sie als "ganz wichtige Stimme für die Rechte von Kindern weltweit". Als sie Ende 2005 erstmals die jungen Gäste empfing, gestand sie, "schon ein bisschen aufgeregt" zu sein. Kein Wunder: Während ihrer damals erst kurzen Amtszeit hatte zwar manches Staatsoberhaupt, aber noch kein König den Weg ins Kanzleramt gefunden. Der Königsgipfel im Kanzleramt bietet einfach alles: In einer eher nüchtern-sachlichen Behörde zieht für gut eine Stunde leise Rührung und lauter Gesang ein. Kinder treffen souverän auf Politik. Kameraleute bekommen ungewohnt menschelnde Schnittbilder oder O-Töne. So trat Mitte der 90er Jahre Kohl aus dem Aufzug ins Foyer seines Amtes - und einer der Knirpse aus der wartenden Schar sank ohnmächtig vor seine Füße. "Geh doch mal einer hin", sagte der verdutzte Kanzler nach einer Schrecksekunde. Krach Anfang der NeunzigerAnfang 1994 gab es richtig Krach zwischen den beiden Hauptveranstaltern der Sternsingeraktion, dem Kindermissionswerk "Die Sternsinger" und dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Dessen damaliger Präses Rolf-Peter Cremer nutzte die Gunst der eher frommen Stunde, dem Kanzler Einsparungen bei der Jugendpolitik und der Entwicklungshilfe vorzuhalten. Der Chef des Kindermissionswerks, Prälat Arnold Poll, über viele Jahre Motor des Sternsingens und Kohl-Bewunderer, warf dem Mitstreiter öffentlich vor, den Kanzlertermin "missbraucht" zu haben. Protestant Schröder drückte ab 1998 aufs Tempo. Er empfing den Besuch der Weisen aus dem Morgenland meist bereits Mitte Dezember, also noch vor dem Geburtstag Jesu. Ein Jahr später öffnete Schröder - Ironie der Geschichte - die Pforten des früheren DDR-Staatsratsgebäudes für die frommen Sänger. Dort hatte der Kanzler vorerst Quartier bezogen. Seit 2001 kommen die Drei Könige nun ins große Bundeskanzleramt. Jetzt endlich wisse er, warum Architekt Axel Schultes "so eine Riesentreppe gebaut" hat, meinte Hausherr Schröder. 1995 begründete Roman Herzog eine weitere Tradition. Seitdem empfängt auch der Bundespräsident offiziell Sternsinger. Herzog legte zum Auftakt sogar Wert darauf, dass ein "richtiger Pfarrer" zum Segen mit dabei ist. Johannes Rau und, seit 2005, Horst Köhler, setzten die Tradition fort. Anders als die Politik achtet das Präsidialamt sehr auf Termintreue: Selbst wenn der 6. Januar wie 2008 auf einen Sonntag fällt, öffnet der Hausherr an diesem Tag die Pforten für die Drei Könige.

Autor/in:
Christoph Strack