Dreßing kritisiert kirchliche Missbrauchs-Aufarbeitung

"Sehr heterogen"

Der Mannheimer Psychiater Harald Dreßing hat Tempo und Methoden der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in den Kirchen kritisiert. Weder mit der evangelischen, noch mit der katholischen Kirche ist er in dieser Hinsicht zufrieden.

Akten in einem Archiv / © Julia Steinbrecht (KNA)
Akten in einem Archiv / © Julia Steinbrecht ( KNA )

In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) werden Ergebnisse einer interdisziplinären Studie erst für das Jahr 2023 erwartet, wie Dreßing in einem Gastbeitrag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Online Dienstag) betonte. In der katholischen Kirche habe es zwar die bundesweite MHG-Studie gegeben, aber eine bundesweite Aufarbeitungskommission sei nicht vorgesehen.

Katholische Kirche: Erste Schritte gemacht

"Als einen ersten Schritt in die richtige Richtung" bezeichnete der forensische Psychiater die gemeinsame Erklärung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und des Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen sexuellen Missbrauchs (UBSKM). Jedoch seien sowohl Tempo als auch inhaltliche Ausgestaltung der einzelnen Aufarbeitungskommissionen der Bistümer "sehr heterogen".

Evangelische Kirche weiß nichts über strukturelle Ursachen

Zur EKD bemerkte Dreßing, es fehle noch immer an einer breiten empirischen Datenbasis und an der Analyse der kirchenspezifischen Konstellationen, die sexuelle Gewalt begünstigten. Deshalb könne man in den evangelischen Kirchen noch nicht von einer wissenschaftlich fundierten Aufarbeitung sprechen.

Dreßing schlug vor, eine von der Kirche unabhängige Enquetekommission einzurichten, diese könne die öffentliche Wahrnehmung fördern, und sie wäre auch für Aufarbeitungsprozesse in anderen Institutionen hilfreich.

Leitung der MHG-Studie

Dreßing leitete die 2018 veröffentlichte MHG-Studie von Forschern aus Mannheim, Heidelberg und Gießen (MHG). Die Studie im Auftrag der Bischofskonferenz hatte in Personalakten der Jahre 1946 bis 2014 deutschlandweit 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe durch mindestens 1.670 Priester und Ordensleute ohne Namensnennung ermittelt.

Prof. Dreßing / © Dedert (dpa)
Prof. Dreßing / © Dedert ( dpa )
Quelle:
KNA
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