Greta hat sich freiwillig gemeldet. Denn sie hat eine Idee, was zu tun ist, wenn ein Mitschüler sein Pausenbrot achtlos in den Mülleimer wirft. "Andere Kinder wären froh, wenn sie etwas zu essen hätten", argumentiert sie. Nahrungsmittel seien schließlich etwas Wertvolles. Dafür würden viele Tiere geschlachtet, fügt die Neunjährige noch hinzu und erntet damit die Zustimmung ihrer Klassenkameraden.
Auch sie sollen ein solches Verhalten mangelnder Wertschätzung einordnen und überlegen, wie sie darauf angemessen reagieren würden. Die einvernehmliche Lösung: Den Jungen zur Rede stellen, ihre Beobachtung nicht für sich behalten - in der Hoffnung, etwas zu bewirken.
Auch Peter bekommt von Schulseelsorger Burkhard Hofer eine Aufgabe gestellt: Du findest auf der Straße ein Portemonnaie. Was tust Du? Zu einem weiteren Gedankenspiel streckt Ivana den Zeigefinger in die Luft. Sie soll sich vorstellen, dass eine Mitschülerin in ihrem Beisein von anderen gehänselt und ausgelacht wird.
Und schließlich konstruiert Hofer das Fallbeispiel, dass der Fußball von Philipp unbeabsichtigt in der Wohnzimmerscheibe des Nachbarhauses landet. Welche Reaktion wäre da angemessen? "Eine persönliche Entschuldigung und dass ich anbiete, mit meinen Eltern zu sprechen, um zu versuchen, den Schaden wieder gut zu machen", schlägt Johann vor.
Einen "Lebenskompass" zur Orientierung
Hofer ist für den Erstkommunionunterricht an der Kölner Domsingschule in Köln-Lindenthal verantwortlich, zu dem auch die Vorbereitung auf die Erstbeichte gehört, die bald ansteht. Dann werden die Kinder der dritten Schuljahre, die im Mai im Kölner Dom die Erste Heilige Kommunion empfangen, mit einem Priester ein Gespräch führen, bei dem sie am Ende das Sakrament der Versöhnung empfangen.
Worum es dabei inhaltlich geht und welche Chance in diesem Gespräch liegt – dass man sich danach besser, entlastet, glücklicher fühlt – hat Hofer den Drittklässlern an mehreren Rollenspielen klar gemacht oder von Beispielen erzählt, bei denen die Acht- und Neunjährigen selbst herausfinden sollten, wo jemand Schuld auf sich geladen hat und was Versöhnung bewirken kann.
Einen "Lebenskompass", bei dem es darum geht, zu fragen, was macht begangenes Unrecht mit mir, mit meiner Beziehung zu Gott, zu meinen Mitmenschen oder im Hinblick auf den Umgang mit der Schöpfung, hat er ihnen dabei als grundlegendes Instrument an die Hand gegeben. Denn immer habe das, was man tue – an Gutem, aber vor allem auch an Schlechtem – Auswirkungen, betont der Theologe. "Alles hängt miteinander zusammen. Schließlich ist niemand allein auf der Welt. Mein Fehlverhalten beeinträchtigt auch andere."
In der Reue liegt Stärke
In die aktuelle Kommunionstunde hat Hofer diesmal die Geschichte "Bitterschokolade" mitgebracht, in deren Überschrift schon die beabsichtigte Zwiespältigkeit mitschwingt und mit der er das Kernthema "Schuld und Versöhnung" nochmals vertiefen möchte: Ein Junge - Ralf - soll in einem Geschäft eine Tafel Schokolade klauen. Als "Mutprobe" - um "dazuzugehören" - deklarieren seine Kumpel diese Tat, zu der sie ihn anstacheln.
Zunächst macht Ralf mit, doch am nächsten Tag beschleicht ihn das ungute Gefühl, etwas Unrechtes getan zu haben. Ihn quält das schlechte Gewissen, denn eigentlich weiß er, dass das ein Fehler war. Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen, gesteht dem Ladeninhaber den Diebstahl und will die Schokolade bezahlen. Doch dieser belohnt Ralfs ehrliches Geständnis, indem er ihn lobt: "Deine Mutprobe hast Du nicht gestern, sondern heute bestanden!" Statt mit Ralf zu schimpfen, verzeiht er Ralf und gibt ihm zu verstehen, dass seine eigentliche Stärke darin liegt, Reue gezeigt und den schwierigeren Weg - nämlich den der Konfrontation - gewählt zu haben.
"Ich will die Kinder dafür sensibilisieren - wie der Junge in dieser Geschichte – zu ihren Fehlern zu stehen und angstfrei mit dem Eingeständnis von Schuld umzugehen", erklärt Hofer. "Gleichzeitig ist mir wichtig, sie dazu anzuleiten, ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln, um klar benennen zu können, was richtig und was falsch ist. Zumal es uns da die Gesellschaft, in der unser Wertesystem zunehmend mit dem Recht des Stärkeren nivelliert wird, nicht gerade leicht macht. Schwäche zeigen ist unpopulär und wird als defizitär wahrgenommen. Inzwischen sind wir vielmehr darauf gepolt, zu verdrängen, zu verharmlosen, auszublenden und den eigenen Anteil an Versagen schnell zu relativieren."
Dabei müsse es ein zweifelsfreies Empfinden für Richtig und Falsch geben und keine Spielräume nach Gutdünken, wie sie manche – gerade auch führende Politiker – für sich reklamierten, weil in ihrem Denken nur Glanz und Erfolg zählten. "Dabei ist das beste Wertesystem für uns Christen immer noch die Lehre Jesu und nicht das derer, die diese Welt im wahrsten Sinne des Wortes mit maß-loser Politik beherrschen."
Schon Kinder seien für die Beschäftigung mit Ungerechtigkeit und Unfrieden, aber auch Versöhnung und Nachhaltigkeit sehr empfänglich, da diese Themen einen Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit hätten. "Auf der Suche nach Orientierung lassen sie sich durchaus ansprechen. Damit sie sich aber positionieren können, brauchen sie Vorbilder. Zum Beispiel ihre Eltern, die Familie oder Freunde, die ihnen vorleben, wie ein gelingendes Leben mit Respekt und Versöhnungsbereitschaft aussehen kann."
Dann ergäben sich auch Antworten auf die Frage "Was hilft mir, besser zu sein und ein Leben in Fülle zu haben?", wie von selbst. Ihm gehe es darum, unterstreicht der Schulseelsorger, den Kindern anhand des Lebenskompasses eine Mitverantwortung an gelingendem Zusammenleben zu vermitteln, sie zur Selbstreflektion zu animieren und ihnen immer wieder klarzumachen, dass das Erkennen und Eingestehen von Schuld kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke sei - gängiger Mutmaßung zum Trotz.
"Daher geht es beim Versöhnungssakrament auch nicht darum - wie wir es noch von früher kennen - angstbesetzt in einen Beichtstuhl zu gehen und einen Sündenkatalog systematisch abzuarbeiten, sondern eher zu erkennen, wie wenig man aus den von Gott geschenkten Möglichkeiten macht, um unter dieser Maßgabe die Fülle des Lebens, wie sie uns verheißen ist, neu zu erkennen." Der Umgang mit Schuld sei nie leicht, "aber unser Gott ist kein strafender, sondern ein barmherziger Gott, der uns auch dann liebt, wenn wir Fehler machen und für diese geradestehen."
"Wir haben es gar nicht nötig, uns größer zu machen, mehr scheinen zu wollen, als wir sind." Es sei eine Trugmeinung, dass vermeintlich nur der "überlebe" und sich in einer Ellenbogen-Gesellschaft durchsetze, der keine Schwäche zeige. "Umgekehrt gilt vielmehr: Wer seine Schwächen zugibt, ist stark und beweist eigentlich Größe. Und die ist ihm von Gott geschenkt, weil jeder auch in seiner Unvollkommenheit ein einmaliges und großartiges Geschöpf ist. Immer zeigt Gott mir seine Liebe, nimmt mir die Angst und führt mich zu wahrer Größe."
Nicht wegschauen, sondern Position beziehen
In der Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld liege daher eine großartige Chance, ist Hofer überzeugt. "Da kann ich ein Gefühl dafür bekommen, wo ich mir selbst im Wege stehe und mein gottgeschenktes Potenzial, gut zu sein und nach seinem Willen zu handeln, nicht voll ausschöpfe." Das versuche er auch, den Erstkommunionkindern erfahrbar zu machen und ihnen einen Vorgeschmack davon zu geben, wie zufrieden und glücklich es machen könne, sich für den anderen zu interessieren, das Gebot der Gottes-, Selbst- und Nächstenliebe zu achten und sich für Versöhnung, Wiedergutmachung und Frieden im Kleinen und Großen einzusetzen.
"Entscheidend ist", so Hofer, "nicht wegzuschauen, sondern etwas zu tun und Position zu beziehen." Im Kommunionunterricht erlebe er immer wieder, dass mit einer solchen Haltung auch die Jüngsten schon etwas anfangen könnten.