Scharfschützen statt Pilger: In Bethlehem bleiben Besucher aus

Angespannte Stille an der Krippe

"Kein Platz in der Herberge" - vor dieser Antwort muss sich diesmal in Bethlehem keiner fürchten. Zahlreiche Gewalttaten haben dafür gesorgt, dass an Weihnachten im Heiligen Land eine angespannte Stille herrschte.

Geburtskirche in Bethlehem (epd)
Geburtskirche in Bethlehem / ( epd )

Menschenmassen, glückliche Kinder und laute Musik: Wenig ist an diesem Heiligabend zu spüren von dem, was die "Stille Nacht" in Bethlehem traditionnellerweise ausmacht. Bescheidenheit hatten sich Palästinenser- und Kirchenvertreter im Vorfeld des Heiligabend für die Feiern ausgebeten. Etliche traditionelle Vorweihnachtsaktivitäten wurden abgesagt. Dass das wichtigste Fest Bethlehems allerdings so bescheiden ausfallen würde, damit hatten auch sie vermutlich nicht gerechnet.

Ausländische Gäste blieben mehrheitlich fern. Über der Weihnachtsstadt lag eine unheimliche Stille. Fast schon einsam leuchtete der Weihnachtsbaum auf dem Krippenplatz in den palästinensischen Farben. Um Punkt 19.00 Uhr dann gingen seine Lichter aus - fünf Minuten im Gedenken an die Opfer der Gewalt in Nahost und weltweit. Die angespannte Stimmung im Heiligen Land und die anhaltenden Gewalttaten warfen dunkle Schatten auf Bethlehem.

Seit Monaten Negativschlagzeilen

Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch in diesem Jahr. Zeitweilig scheint es, als dominierten Uniformierte das Bild auf dem Platz vor der Geburtskirche. "Ich bin glücklich", steht auf dem Schild, das der Clown einem jungen Palästinenser fürs gemeinsame Foto unter dem Baum in die Hand drückt - ein hilfloser Versuch, doch noch so etwas wie freudige Stimmung zu verbreiten an jenem Tag, der eigentlich in Bethlehem einem Volksfest gleicht.

"Wo sind all die Menschen?", fragt Khoulud, die mit ihrer Familie aus Jerusalem gekommen ist. Die Frage ist rhetorisch. Seit Monaten macht das Heilige Land Negativschlagzeilen. Mehr als hundert Menschen starben seit Oktober als Opfer der eskalierenden Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern. Sie machte auch an Weihnachten keinen Halt: Zwei palästinensische Attentäter und zwei jüdische Opfer starben am Mittwoch am Jaffa-Tor zu Jerusalems Altstadt bei einer Messerattacke. Trauerfeier statt Geburtsfest? Khouluds Reaktion klingt trotzig: "Weihnachten in Bethlehem ist trotzdem schön!"

Doch Palästina leidet. Die Zahl der Besucher sank nach den zum Weihnachtsfest veröffentlichten Statistiken von 2,53 Millionen im Vorjahr auf 2,23 Millionen. Über Nacht blieben nur noch 981.000, 230.000 weniger als im Vorjahr. Selbst zu Weihnachten - traditionell die Hochsaison, merkt man den Rückgang. Die Hotels sind gut besucht, sagen die Hoteliers. Ausgebucht sind nicht mal die Hälfte der Unterkünfte in Bethlehem, sagt Bürgermeisterin Vera Baboun. "Kein Platz in der Herberge" - vor dieser Antwort muss sich in diesem Jahr keiner fürchten.

40 statt 140 Messen

Bei jenen, die sich trotzdem auf den Weg zum Geburtsort Jesu gemacht haben, bleibt die Stimmung gedämpft. "Bethlehem Peace Center" steht auf dem Gebäude. Die Scharfschützen auf seinem Dach sprechen eine andere Sprache. "Scharfschützen sind nicht gerade weihnachtlich", formuliert es eine Passantin. Auch die junge Holländerin Eva, die mit einer Gruppe von Freunden auf Palästinabesuch ist, ist wenig begeistert. "Eigentlich habe ich keine Angst, hier zu sein, aber die Scharfschützen geben mir das Gefühl, dass ich beunruhigt sein sollte."

40 Messen statt wie noch vor zwei Jahren 140 Messen wurden in diesem Jahr auf den Hirtenfeldern gefeiert. Dabei mühten sich die Kirchenvertreter in den letzten Monaten immer wieder zu versichern, dass die Pilgerwege sicher sind. Haften geblieben scheint eine andere, allgegenwärtige Botschaft der jüngsten Zeit: die Sorge um die Lage in Nahost, dessen blutige Konflikte längst ihren Weg in den Westen gefunden haben. "Wir können mit Trauer sagen, dass wir unsere Menschlichkeit und unsere spirituellen Werte verloren haben", ließ ein gesundheitlich angeschlagener Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, seine Weihnachtspredigt verlesen. Religion werde zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht.

Die weihnachtliche Hoffnungsbotschaft, hatte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas noch tags zuvor betont, gelte auch "in den schwierigen Zeiten, denen unsere Nation und die Welt gegenüberstehen". In Bethlehem war davon an diesem Heiligabend wenig zu spüren.

Autor/in:
Andrea Krogmann
Quelle:
KNA