KNA: Frau Früh, ein Roman über selbstbestimmtes Sterben ist keine leichte Kost. Warum war Ihnen das Thema dennoch wichtig?
Katja Früh (Regisseurin und Autorin): Es hat mich lange sehr beschäftigt, dass ich einen solchen Fall in meiner Familie erlebt habe: dass meine Mutter das so wollte und so gemacht hat. Was bedeutet ein solcher Tod für die Angehörigen und die Umgebung? Es hat mich nicht losgelassen, darüber nachzudenken.
KNA: "Ein Tod, der angekündigt wird, für den man einen Termin hat, ist nicht vorstellbar", heißt es einmal im Buch. Verschärft solch ein Termin das Mysterium Tod gewissermaßen?
Früh: Genau. Dieser Termin ist etwas, das ich sehr verrückt und eigenartig finde: "Am Donnerstag um vier werde ich tot sein." Das Gnädige am Tod ist doch, dass wir nicht wissen, wann genau er eintritt. Wenn wir das doch genau wissen und einen Termin abmachen, wird es banaler. Wir behandeln den Tod wie einen Friseurtermin.
KNA: Genauso geht die Mutter im Roman damit um und Hauptfigur Anja, ihre Tochter, stellt fest, dass sie sehr wenig über ihre Mutter weiß. Die beiden haben ein durchaus angespanntes Verhältnis.
Früh: Ein solches Verhältnis macht es nicht unbedingt leichter, jemanden gehen zu lassen. Ich weiß es nicht sicher, aber vielleicht wird es dadurch sogar schwerer - gerade weil man sich so sehr wünscht, noch etwas Gutes, Versöhnliches zu erleben. Zwischen Anja und ihrer Mutter bleibt eher Unfrieden.
KNA: In TV-Krimis ist der Tod omnipräsent. Wollen wir so dem realen Tod entkommen?
Früh: Das könnte durchaus sein. Man setzt sich so viel mit dem Tod in leichter Literatur oder im Fernsehen auseinander, dass man sich nicht mit dem eigenen Tod befassen muss – oder mit dem nahestehender Menschen. Beides ist unglaublich angstbehaftet.
Wenn es um irgendwelche Figuren in Krimis geht, ist das etwas anderes. Ich glaube allerdings nicht, dass das dabei hilft, besser über das Thema zu sprechen oder ihm näherzukommen.
KNA: Sie sind eigentlich Regisseurin für Film und Theater, nun haben Sie mit 72 Jahren Ihren ersten Roman veröffentlicht. Warum haben Sie das Genre gewechselt?
Früh: Das ist eine gute Frage. Mit einem Film zum Thema Sterbehilfe habe ich es schon versucht. Das Buch, das ich jetzt geschrieben habe, ist ganz anders. Ich habe schon einmal ein Drehbuch geschrieben, aber nirgends Geld für den Film dazu bekommen.
Die Leute wollten das nicht hören und nicht wissen. Die entscheidenden Gremien wollten das Thema nicht auf der Leinwand wissen. Das fand ich sehr schade, zumal es eine Komödie war. Jetzt bin ich froh, dass es ein Roman geworden ist. Da konnte ich noch viel mehr hineinlegen.
KNA: Wie sehr ähnelt sich die Arbeit an einem Roman beziehungsweise Film?
Früh: Das ist total unterschiedlich. In ein literarisches Werk steigt man ganz anders ein, viel freier. Das Schreiben kann so fließen, wie ich will. Bei einem Drehbuch muss ich an 1.000 Dinge denken - und nicht nur ich, sondern auch Schnitt, Kameraeinstellungen und vieles andere spielen eine Rolle.
Das bedeutet zugleich, dass 1.000 Leute reinreden: Dramaturgen, Fernsehleute, alle möglichen Gremien. Insofern empfinde ich die Arbeit an einem Roman als befriedigender und schöner.
KNA: Im Roman tritt einmal ein Pfarrer auf, der Mutter und Tochter aber eher ratlos wieder verlässt ...
Früh: ... er versucht es schon!
KNA: Stimmt. Ist das sinnbildlich für die Rolle der Kirche in öffentlichen Debatten um den Tod?
Früh: Ich weiß nicht wahnsinnig viel darüber. Allerdings verstehe ich die Skepsis der Kirchen und anderer Religionsgruppen beim Thema Sterbehilfe. Sehr gut sogar, denn ich bin selbst skeptisch. Zugleich kann die Kirche eine blockierende Wirkung haben. Sterbehilfe kann man nicht in jedem Fall ablehnen. Insofern gilt es, offen zu sein, sich aber eine große Skepsis zu bewahren.
KNA: Kann die Literatur zu einer differenzierten Sichtweise beitragen?
Früh: Ich weiß nicht, ob jemand ausgerechnet durch mein Buch zu solchen Überlegungen kommt. Dafür ist die Situation im Roman vielleicht zu speziell – die Figur der äußerst eigensinnigen Mutter, aber auch das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Tochter.
KNA: Gab es seit Ihrem Drehbuch, das nicht auf Gegenliebe stieß, einen Wandel? Ist das Thema Tod etwa durch die Pandemie-Erfahrungen präsenter geworden?
Früh: Man hat wohl mehr darüber gesprochen und nachgedacht. Vieles wird offener und das betrifft auch den Umgang mit Sterbehilfe. Auch wenn man modern denkt, muss man skeptisch bleiben. Wenn Sterbehilfe zu banal wird und sich zu stark verbreitet, könnte es sein, dass alte oder kranke Leute sagen: Ich bin zu nichts mehr nütze, ich bin im Weg, also muss ich das machen. Diese Tendenz finde ich gefährlich und schrecklich.
Dass Menschen sich selbst aus Rücksichtnahme aus dem Weg schaffen wollen, ist gar nicht so unüblich. Es kann auch Folge einer Depression sein. Das Gefühl, zu nichts zu gebrauchen zu sein, folgt letztlich einer kapitalistischen Logik, die den Menschen nach Leistungsfähigkeit und Nutzen bewertet.
KNA: Es gibt auch heitere und komische Momente im Buch. Welche Rolle spielt Humor angesichts der "letzten Dinge"?
Früh: Für mich spielt er eine sehr große Rolle. Ich könnte nicht ohne Humor leben. Ich kann mir nicht vorstellen, eine Partnerschaft oder andere wichtige Dinge im Leben ohne Humor zu durchleben. Auch in Krisen braucht man den Humor ganz dringend.
Er hilft dabei, Dinge von einer anderen Seite zu betrachten. Wenn man von einer tragischen Situation ein paar Schritte zurücktritt, kann man oft etwas Komisches entdecken. Insofern sollte der Humor in alles hineinfließen.
Das Interview führte Paula Konersmann.
Mehr Informationen zum Buch:
Titel: Vielleicht ist die Liebe so
Autorin: Katja Früh
Verlag: Diogenes
304 Seiten
erschienen am 22. Oktober 2025