Auf Pilgertour mit den Barmherzigen Brüdern in Corona-Zeiten

Raum für Lebens- und Glaubensfragen

In Corona-Zeiten sind auch beim Pilgern kreative Angebote gefragt. Vier Ordensleute der Barmherzigen Brüder haben sich mit einer Gruppe Pilger auf den Weg gemacht - mit Abstand, Mundschutz und fast vor der Haustür.

Autor/in:
Anna Fries
Pilgergruppe vor einer Kirche / © Harald Oppitz (KNA)
Pilgergruppe vor einer Kirche / © Harald Oppitz ( KNA )

Vier Tage wandern, neue Impulse erhalten und über Gott und die Welt nachdenken: Sechs Frauen und sieben Männer haben sich am Rhein gemeinsam auf den Weg zu einer Pilgertour unter Corona-Bedingungen gemacht. Vier der Männer sind Ordensleute - auch wenn sie in Wanderschuhen, Regenjacke und Funktionshose anstatt im Habit nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind. Worum es gehen soll? "Ein paar Tage gemeinsam unterwegs sein und ins Gespräch kommen", beschreibt Organisator Bruder Antonius die Idee.

Kurze Impulse zum Weg

Der Weg führt die Pilger von Weitersburg am Rhein über Andernach, Niederdürenbach und Ahrweiler zurück nach Koblenz. Morgens, mittags und abends setzt Bruder Peter kurze Impulse mit je einem Lied, einem Psalm und einer Lesung zum Leitgedanken: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Dazu gibt der Ordensmann für jeden Abschnitt der Tour Fragen mit, angefangen mit: "Was liebe ich an mir?" und "Bin ich mir meiner Einmaligkeit bewusst?"

Wenige Meter neben dem Startpunkt in der Marienkirche Weitersburg steht das Geburtshaus von Peter Friedhofen (1819-1860), dem Gründer der Barmherzigen Brüder von Maria-Hilf. Von dort führt Bruder Antonius die Gruppe entlang der Autobahn über die Rheinbrücke ans linke Rheinufer, auf dem Fahrradweg flussabwärts nach Urmitz, von dort nach Weißenthurm zum Tagesziel Andernach; weitgehend über Teerwege, vorbei am Hafen, an Güter-Containern und Zäunen durchs Industriegebiet.

Pilger wachsen zu einer Gemeinschaft zusammen

Zunächst kein idyllischer Weg - und doch wachsen die einzelnen Pilger, von denen die meisten einander vorher nicht kannten, zu einer Gemeinschaft zusammen; erzählen von ihren Jobs und Familien, plaudern mit den Brüdern oder gehen eigenen Gedanken nach. Monika - Pilger und Brüder sprechen sich mit Vornamen an - überlegt, sich beruflich weiterzuentwickeln. Christiane arbeitet im Bundesfamilienministerium und bei der Bundeswehr und hofft in den vier Tagen auf Ideen, wie es gelingen kann, mehr Frauen für Politik und Landesverteidigung zu gewinnen.

Edgar will "in der Natur Kraft tanken", wie er sagt. Der 52-Jährige arbeitet im Krankenhaus in Wittlich in der Palliativpflege, zusätzlich in Trier im Hospiz. Es komme vor, dass er Menschen beim Sterben begleite, die er vorher nicht kannte, erzählt Edgar. Auch begegne er in seinem Job Patienten, die mit Diagnosen hadern, und Angehörigen, die Sinnfragen stellen. "Das bringt mich manchmal an Grenzen. Und für manche Fragen habe ich keine Worte", sagt er.

Brüder hoffen auf Nachwuchs

Auch die Brüder nutzen die Wanderung, um über Fragen und Entwicklungen in ihrem Orden nachzudenken. Ein Gedanke sei gewesen, mit der Tour junge Männer auf das Leben als Barmherziger Bruder aufmerksam zu machen, sagt Bruder Antonius. Der karitative Männerorden kümmert sich seit 1850 um kranke, alte und sozial benachteiligte Menschen. Heute verantworten die Brüder die BBT-Gruppe, die in Deutschland etwa 100 Krankenhäuser und Sozialeinrichtung mit rund 14.000 Mitarbeitenden betreibt.

Doch wie viele Ordensgemeinschaften haben auch die Barmherzigen Brüder Nachwuchssorgen. Weltweit gehören noch etwa 50 Männer der Gemeinschaft an, zwei Drittel von ihnen leben in Deutschland. Wie es gelingen kann, die Anliegen der Brüder dennoch zu bewahren, damit beschäftigt sich Bruder Alfons Maria als Aufsichtsratsvorsitzender der BBT-Gruppe. Gemeinsam mit Mitarbeitenden haben die Brüder "unverrückbare Werte" für die Unternehmensgruppe formuliert, darunter Ehrlichkeit, Offenheit, Gerechtigkeit, Verantwortung, Mut und Teamarbeit.

"Wichtig ist, dass unsere Mitarbeitenden diese Werte erleben. Dann mache ich mir keine Sorgen, dass es künftig auch ohne Brüder funktionieren kann", sagt Bruder Alfons Maria. Die Wanderung nutzt er als Ausgleich: "Ich vermisse seit Corona den Kontakt zu unseren Gästen", betont er. Im Koblenzer Gästehaus der Brüder übernachteten zwar weiterhin Besucher. Gespräche würden sich mit den Corona-Auflagen, Abstand und Mundschutz aber kaum ergeben.

Zweiter Pilgertag

Der zweite Pilgertag startet mit einem Morgengebet in einer Parkanlage am Rhein in Andernach. Pflastersteine und Gras sind noch nass vom Regen, in den Bergen links und rechts des Flusses steigen Nebelschwaden hoch, während am Horizont die Sonne aufgeht. Die 13 Pilger stehen auf Lücke in einem Kreis und singen: "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr". Währenddessen spaziert ein Mann mit Hund durch den Kreis, ein Jogger läuft vorbei, und etwa 20 Kinder im Grundschulalter fahren auf Rollern mitten durch die Gruppe.

Anders als am Vortag führt die Tagesetappe 26 Kilometer durch den Wald und über Feldwege. Während die Pilger einen Waldweg den Berg hochgehen, fragt sich Bruder Bernhard, wie sie wohl bei Außenstehenden ankommen. "Ich bin froh, dass wir als Gruppe und ich als Bruder Zeugnis von unserem Leben und Glauben abgeben", meint er. Zwar sei die Gesellschaft christlich geprägt, Kirche und Orden inzwischen öffentlich aber wenig sichtbar. "Vielleicht zu wenig", gibt Bruder Bernhard zu bedenken. "Es gibt zwar große Events wie Katholikentage, aber danach geht jeder wieder in seine Hütte."

Raum, neue Gedanken zuzulassen

Bruder Bernhard konnte zwei Kolleginnen aus dem OP im Krankenhaus in Trier für die Tour motivieren. Beide nutzen die Wanderung auch als Ausgleich zum stressigen Job. Eigentlich wollten sie zwei Wochen auf dem Jakobsweg unterwegs sein, änderten die Pläne aber wegen Corona und ließen nun in der Nähe der Heimat "die Seele baumeln", sagt Elisabeth.

Den Rahmen der Pilgerwanderung setzen die Brüder, die Mitpilger füllen ihn. "Echt sein - wenn uns das gelingt, ist viel gewonnen", betont Bruder Antonius. Sich selbst annehmen, für Mitmenschen da sein und "der freie Mensch werden, von dem Gott will, dass ich es bin" - dem wolle er auf der Tour näher kommen. Einem konkreten Ziel solle die Wanderung gerade nicht dienen, sondern abseits des Alltags Raum geben, neue Gedanken zuzulassen.


Quelle:
KNA