Kirchenvertreter zur Wahl in Sachsen-Anhalt

Raues politisches Klima erwartet

Bei Vertretern der Kirchen und Religionsgemeinschaften herrscht Erleichterung über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Sorge bereitet die AfD als zweitstärkste Kraft im Land, denn sie hat die Kirchen zum Feindbild erklärt.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Landtagswahl Sachsen-Anhalt / © Svea Pietschmann/ZDF (dpa)
Landtagswahl Sachsen-Anhalt / © Svea Pietschmann/ZDF ( dpa )

Friedrich Kramer, der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zeigte sich in einer ersten Reaktion erleichtert über das Ergebnis der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, auch wenn er nicht geglaubt habe, dass die AfD stärkste Kraft im Landtag werden würde. "Ich freue mich, dass Ministerpräsident Reiner Haseloff von der CDU für seine Arbeit gewürdigt wird und dass er als Person so viel Vertrauen genießt", sagte Kramer bei DOMRADIO.DE.

20,8 Prozent für die AfD ließen sich allerdings nicht wegdiskutieren, "das sind keine Protestwähler, sondern konservativ-nationale, damit muss sich Politik auseinandersetzen." Von Erklärungsversuchen, wie sie kürzlich der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz lieferte, als er sagte, ein Teil der Ostdeutschen sei auch nach 30 Jahren nicht in der Demokratie angekommen, hält der evangelische Bischof allerdings nicht viel: "Das finde ich abwegig, denn wir haben uns die Demokratie erkämpft und die Einheit Deutschlands vorangebracht!"

Kirchen als Feindbild der AfD

Der Leiter des Katholischen Büros in Sachsen-Anhalt Stephan Rether hingegen glaubt schon, dass die AfD in geradezu "kleinkindlicher Bockigkeit" Frustpotenziale in der Bevölkerung aufgegriffen habe, indem sie sich als "Dagegen-Partei" positioniert: Gegen Asylpolitik, gegen Umweltpolitik, gegen die EU. "Die AfD nimmt Gefühlswelten auf, wo Unzufriedenheit in der Bevölkerung herrscht, das bläst sie auf und macht das noch bedeutsamer", sagt Rether. "Mit diesem Populismus erreicht sie offensichtlich viele Leute."

Auch die Kirchen gehören zum Feindbild der AfD, der Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider nannte 2017 den "Austritt aus einer vom Christentum abgefallenen Kirche" "erste Christenpflicht". Der einstige Landes- und Fraktionschef André Poggenburg behauptete, es sei nicht im Sinne des Christentums, wenn sich "Völker in Multi-Kulti auflösen" würden.

"Klar gehören wir zum Feindbild“, sagt Rether bei DOMRADIO.DE. "Wir sind als Kirchen auch politisch, weil wir dem Gemeinwohl verpflichtet sind, spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Darum beteiligen wir uns am öffentlichen Diskurs und die Inhalte der AfD stehen im kompletten Widerspruch zum christlichen Menschenbild." Offenbar habe die AfD erkannt, dass sie die Kirchen nicht als Partner für ihre politischen Ziele gewinnen könne. "Und damit sind wir Feind!"

Bei jungen Leuten ist die AfD beliebt

Für den Diözesanjugendseelsorger und BDKJ-Präses im Bistum Magdeburg Christoph Tekaath ist vor allem das Wahlverhalten der jungen Menschen interessant. Laut Daten der Forschungsgruppe Wahlen war bei den Unter-30-Jährigen die AfD stärkste Kraft. Kinderarmut, eine gewisse Perspektivlosigkeit und geringere Zukunftschancen seien Themen, die die jungen Menschen in seiner Region bewegten, sagt Tekaath. "Und die AfD läuft ihnen hinterher. Viele Erstwähler haben persönlich Post von ihnen bekommen, das war die einzige Partei, die das gemacht hat. Man gibt sich interessiert und das kann bei Einzelnen ankommen."

Diffamierung von zivilgesellschaftlichem Engagement

Dass die AfD zweitstärkste Kraft bei den Landtagswahlen wurde, macht ihm jetzt Sorgen: Bereits in der vergangenen Legislaturperiode hat sie die Opposition im Magdeburger Landtag angeführt. Man könne aber eigentlich gar nicht von Politik reden, so Tekaath bei DOMRADIO.DE, sondern von "Randale und Stimmungsmache". Er selbst sei vor einigen Jahren bei der Wahl zum Landesjugendhilfeausschuss von der AfD als "nicht wählbar" bezeichnet worden, weil er sich zuvor kritisch über die Partei geäußert hatte.

Auch der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Mitteldeutschland und Oberkirchenrat Christoph Stolte hat der vergangenen Legislatur ein ständiges Infragestellen und Diffamieren der demokratischen Kräfte, des Strafwesens und der Medien beobachtet.

Bereits im Jahr 2018 hatte die Diakonie Mitteldeutschland als eine der ersten Institutionen eine Erklärung "Gegen ein Klima der Angst und Denunziation" in Sachsen-Anhalt unterzeichnet. "Wir erleben ein verbales Agieren der AfD, die durch ständig wiederholte Aussagen versucht, Meinungsbildung zu betreiben, indem sie zum Beispiel kontinuierlich von einem angeblichen Linksextremismus in Sachsen-Anhalt als zentrales Problem spricht", so Stolte im Interview mit DOMRADIO.DE. Dazu zählten aus Sicht der AfD auch zivilgesellschaftliche Bündnisse und Verbände wie die Diakonie. "Wir gehören ganz klar auch zum Feindbild der AfD, weil wir uns mit unseren Projekten für Demokratieförderung engagieren und weil wir uns als Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche für Vielfalt, die Würde des Menschen und die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzen."

Raues Klima erwartet

2018 wurde auf Betreiben der AfD im Landtag eine Enquete-Kommission eingesetzt, um vermeintliche Verbindungen von Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen mit Linksextremisten zu untersuchen. Viele Beobachter werteten das damals als Diffamierungskampagne. "Auch die Diakonie Mitteldeutschland wurde als Beispiel für Linksextremismus genannt", so Stolte, "das wiederholen die immer wieder, bis die Menschen das glauben." Im Februar 2021 wurde die Kommission allerdings wieder aufgelöst.

Stolte richtet sich daher in den kommenden fünf Jahren auf ein "raues politisches Klima" ein: "Die AfD hat sich etabliert, sie ist keine Protestpartei, die irgendwann wieder verschwindet. Wir müssen uns damit auseinandersetzen. Das ist die Herausforderung", sagt er. Und der Diözesanjugendseelsorger Tekaath ist überzeugt: "Gerade jetzt nach der Corona-Krise müssen wir die jungen Menschen in den Blick nehmen. Sie dürfen nicht nur als Schülerinnen und Schüler wahrgenommen werden, sondern als Menschen mit vielfältigen Bedürfnissen. Und da muss auch die künftige Landesregierung deutlich machen, dass da investiert wird."


Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland / © Peter Gercke (dpa)
Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland / © Peter Gercke ( dpa )

Stephan Rether, Leiter des Katholischen Büros im Magdeburg  / © Katholisches Büro Sachsen-Anhalt
Stephan Rether, Leiter des Katholischen Büros im Magdeburg / © Katholisches Büro Sachsen-Anhalt

Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt / © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild (dpa)
Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt / © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild ( dpa )
Quelle:
DR
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