Prälat Kossen zur Situation von Werkvertragsarbeitern

"Brauchen Label 'Faire Arbeit'"

Seit Monaten prangert er öffentlich die teils menschunwürdige Situation ausländischer Werkvertragsarbeiter an - und wurde dafür schon nach Mafia-Manier bedroht: der Vorsitzende des Landescaritas-Rates für Oldenburg, Prälat Peter Kossen.

In der Fleischindustrie arbeiten viele Werkvertragsarbeiter (dpa)
In der Fleischindustrie arbeiten viele Werkvertragsarbeiter / ( dpa )

Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur spricht der katholische Priester über die sich abzeichnende Tarifeinigung in der Fleischbranche, den "Runden Tisch" der Caritas zum Thema am Dienstag (27.08.2013) in Vechta sowie Willensbekundungen von Politik und Unternehmen.

KNA: Herr Kossen, die Einführung eines Mindestlohns in der fleischverarbeitenden Industrie steht offenbar bevor.

Kossen: Darüber bin ich sehr froh. Ebenso wichtig ist natürlich, dass eine Übernahme dieser Branche ins Arbeitnehmerentsendegesetz erfolgen kann, so dass auch die vielen Werkvertragsarbeiter davon profitieren. Das wäre bei einer anderen Regelung wie etwa einem Branchenmindestlohn nicht der Fall. Die Leistung der Menschen, die teils aus Rumänien oder Ungarn kommen, wird zwar per Werksvertrag eingekauft, doch profitieren sie nicht von unseren tariflichen Regelungen.

KNA: Wo muss sich noch etwas ändern, damit die Lebensbedingungen der Werkvertragsarbeiter verbessert werden?

Kossen: Zum Beispiel beim Thema Unterbringung: Arbeitsministerin von der Leyen hat gefordert, in die Tarifeinigung zusätzlich die Standards für die Unterkünfte einzubeziehen. Auch die niedersächsische Landesregierung hat die Einführung einheitlicher Standards angekündigt, um einen Unterbringungstourismus in die Landkreise mit den niedrigsten Standards zu verhindern. Das sind alles Felder, wo man bisher Werkvertragsarbeiter regelrecht abgezockt hat: Da wurden mitunter Transport zur Arbeitsstelle, Unterkunft, Arbeitsgeräte und Arbeitskleidung nochmal in Rechnung gestellt. All das ist jetzt immerhin auch auf Bundesebene Thema.

KNA: Also ein messbarer Erfolg für die Betroffenen?

Kossen: Noch hat sich de facto nicht viel getan, so dass ich vorsichtig wäre mit Erfolgsmeldungen. Die Landkreise kontrollieren zwar stärker, wodurch manche Missstände abgestellt werden konnten. Aber dass die Menschen jetzt mehr Geld verdienen, ist mir noch nicht zu Ohren gekommen.

KNA: Haben Sie derzeit Kontakt zu Werkvertragsarbeitern?

Kossen: Sporadisch. Die Leute sind eingeschüchtert. Viele stehen unter Druck und sagen nichts aus Angst um ihren Arbeitsplatz. Reden tun nur jene, die etwas Besseres gefunden haben.

KNA: Im Juni kamen in Papenburg zwei Werkvertragsarbeiter in ihrer Unterkunft durch einen Brand ums Leben. Braucht es erst solche Unglücksfälle, damit die Öffentlichkeit aufmerksam wird?

Kossen: Offenbar. Die Bevölkerung ist schon stärker sensibilisiert, das ist mein Eindruck. Die Leute sagen, wir wollen nicht, dass diese Menschen unter diesen Bedingungen unter uns leben und arbeiten müssen. Insofern hat die Diskussion der letzten Monate etwas gebracht. Aber man wird weiter aufklären und die Dinge an die Öffentlichkeit bringen müssen. Man kann nur hoffen, dass es nicht solcher Unglücksfälle bedarf, um die Politiker zum Handeln und die Bevölkerung zum Nachdenken zu bringen.

KNA: Die Caritas veranstaltet am Dienstag einen Runden Tisch zum Thema. Warum?

Kossen: Weil die Caritas die Fachkompetenz dazu hat, unter anderem durch 20 Jahre Erfahrung in der Migrationsberatung. Wir haben Politiker, Gewerkschaften, Diakonie, verschiedene Verbände und Unternehmen eingeladen. Insgesamt ist die Resonanz sehr befriedigend, auffällig ist allerdings, dass von den 13 eingeladenen Unternehmen bislang nur eines zugesagt hat. Das ist schon ein Affront.

KNA: Welche Erwartungen haben Sie an den Runden Tisch?

Kossen: Wir wollen die positiven Entwicklungen und Willensbekundungen der letzten Monate bestärken und die Möglichkeit für Netzwerkbildungen schaffen. Und: Als Kirche und Caritas fordern wir ein dezentrales Beratungsangebot dort, wo die Menschen leben und arbeiten. Viele Werkvertragsarbeiter kennen - auch aufgrund sprachlicher Hürden - ihre Rechte gar nicht. Das darf nicht sein. Dazu muss ein Impuls von unserem Runden Tisch ausgehen.

KNA: Woher beziehen Sie persönlich Ihr Schnitzel?

Kossen: Zumeist von regionalen Schlachtern. Aber ich frage mich schon im Alltag, wo sehe ich als Verbraucher auf einem Produkt, unter welchen Umständen es hergestellt worden ist? Wir brauchen ein Label «Faire Arbeit». Tierschutz ist eine wichtige Sache, aber wie kann man feststellen, ob die Menschen, die in dem Produktionsprozess stehen, vernünftig bezahlt werden und unter anständigen Bedingungen arbeiten und leben? Es gibt seriöse Berechnungen, wonach ein Kilo Fleisch, bei dem garantiert wäre, dass alle an der Produktion beteiligten Personen wenigstens 8,50 Euro Stundenlohn bekämen, den Verbraucher nur 5,7 Cent mehr kosten würde. Das ist doch nicht zu viel verlangt.

Das Gespräch führte Sabine Kleyboldt.


Quelle:
KNA