Der maronitische Patriarch Kardinal Bechara Rai wird 80

Politisch und streitbar für den Libanon

Ein Drittel seiner 3,1 Millionen Christen lebt im Libanon. Da ist es fast selbstverständlich, dass der Patriarch der Maroniten auch viel politisches Gespür braucht. An diesem Dienstag wird Kardinal Bechara Rai 80 Jahre alt.

Kardinal Bechara Boutros Rai / © Paul Haring (KNA)
Kardinal Bechara Boutros Rai / © Paul Haring ( KNA )

Bechara Boutros Rai trat im März 2011 in große Fußstapfen, als er als Nachfolger des religiös und politisch hoch angesehenen Patriarchen Nasrallah Sfeir zum 77. Oberhaupt der maronitischen Kirche gewählt wurde.

Selbstbewusst definierte sich der damalige Bischof von Jbeil/Byblos in seinem Regierungsprogramm als "geistiger Vater aller Libanesen" und Patriarch aller Christen des Orients. Sein Amt trat Rai mit dem erklärten Vorsatz an, die libanesischen Christen zu einen, die Ökumene sowie den Dialog mit den Muslimen zu stärken und seine Kirche zu reformieren. Am kommenden Dienstag (25. Februar) wird Rai 80 Jahre alt.

1940 im Bergdorf Himlaya östlich von Beirut geboren, trat Rai nach der Schulzeit dem Mariamitischen Maroniten-Orden der seligen Jungfrau Maria bei. Er wurde 1967 zum Priester geweiht und 1986 zum Patriarchalvikar im Rang eines Bischofs berufen.

Von 1990 bis zu seiner Wahl als Patriarch leitete er als Bischof Jbeil, das antike Byblos im Libanon. Im November 2012 nahm ihn Papst Benedikt XVI. als Kardinalbischof ins Kardinalskollegium auf. Als solcher nahm Rai am Konklave 2013 teil, das Papst Franziskus wählte.

Religiöses Oberhaupt für rund 3,1 Millionen Maroniten

Der Patriarch ist religiöses Oberhaupt für rund 3,1 Millionen Maroniten weltweit. Von diesen leben mehr als eine Million im Libanon selbst. Die mit Rom verbundene Kirche ist die größte christliche Gemeinschaft im Land und stellt laut einer Übereinkunft bei der libanesischen Unabhängigkeit 1943 stets den Staatspräsidenten. Diesen "Nationalpakt" zwischen den Religionsgemeinschaften, der die Beteiligung der Glaubensgemeinschaften an Staatsämtern und Behörden regelt, gelte es zu schützen, so Rai.

Durch die enge Verbindung von Religion und Politik kommt dem maronitischen Patriarchen auch politisch eine große Bedeutung zu.

Wenn auch mit anderen Akzenten, steht Rai in dieser Rolle seinem Vorgänger Nasrallah Sfeir (1920-2019) wenig nach - und muss sich ähnlich häufig dem Vorwurf politischer Einmischung stellen. Zu Beginn des Syrien-Kriegs etwa äußerte Rai bei seinem ersten offiziellen Besuch in Frankreich "Angst vor dem Interim und vor dem, was danach kommt, falls die syrische Führung gestürzt wird" - und verärgerte die antisyrischen Kräfte im Libanon.

2012 besuchte Rai als erster maronitischer Patriarch seit der Unabhängigkeit 1943 Syrien, wo er ein Ende der Gewalt sowie Reformen forderte. Kritiker warfen ihm vor, dass sein Besuch vom syrischen Regime instrumentalisiert werden könnte und den Eindruck erwecke, die maronitische Kirche beziehe Position in dem Konflikt.

Für heftige Debatten gesorgt

Erneut für heftige Debatten im Libanon sorgte der Kardinal im Mai 2014, als er Papst Franziskus bei dessen Nahost-Reise in Jerusalem traf und die dortige maronitische Gemeinde besuchte. Die Stadt gehöre zu seiner Diözese, begründete Rai den als historisch bewerteten Besuch in feindlichem israelischem Staatsgebiet. Rais Vorgänger Sfeir hatte Benedikt XVI. 2009 im jordanischen Amman getroffen, um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden.

Im Libanon wiederholt Rai seit seiner Amtsübernahme seine Aufrufe zu Versöhnung der Religionsgemeinschaften und politischen Lager.

Spaltungen und Streit trübten das Bild des Libanon als Land von Vielfalt, Koexistenz und Demokratie. Dabei sei der Libanon "seit jeher Opfer" eines seit 1.300 Jahren andauernden regionalen Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten sowie seiner internationalen Implikationen, so Rai 2014 im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

In der seit Jahren anhaltenden Regierungskrise warnte er vor Stillstand und Machtvakuum. Zuletzt stellte sich der Patriarch deutlich hinter das libanesische Volk, das seit Oktober in Massen gegen die Missstände im Land demonstriert. Eine Hauptforderung der Demonstranten hatte der Kirchenführer schon vor mehr als einem Jahr ausgesprochen: eine unparteiische Notstandsregierung, die Wirtschafts-, Sozial- und Verwaltungsreformen anstoßen solle.

Autor/in:
Andrea Krogmann
Quelle:
KNA
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