Pflegekräfte werden dringend gebraucht und zu wenig wertgeschätzt

"Schwester, wo ist die Serviceklingel?"

In Deutschland gibt es 1,7 Millionen Pflegekräfte, viele kommen aus dem Ausland. Sie waschen den Patienten, messen Blutdruck und müssen auch einschätzen, wann ein Arzt zu holen ist. Ein Blick zum Tag der Pflege an diesem Dienstag.

Autor/in:
Nina Schmedding
Symbolbild Altenpflege / © Ground Picture (shutterstock)
Symbolbild Altenpflege / © Ground Picture ( shutterstock )

Eigentlich mag Adela Lame ihre Arbeit. "Die meisten Patienten sind freundlich, manche bringen mir als Dankeschön sogar Süßigkeiten oder Blumen mit", erzählt die 25-jährige Pflegefachfrau, die auf der Orthopädie- und Unfallstation einer Berliner Klinik arbeitet. Aber es gebe auch andere: "Ein junger Mann hat einmal gesagt: 'Schwester, hier sehe ich nur die Notfallklingel.
Wo ist denn die Serviceklingel?'" 

Pflegefachfrau Adela Lame, Praxisanleiterin in der Caritas-Klinik Maria Heimsuchung, am 4. Mai 2026 in Berlin / © Nina Schmedding (KNA)
Pflegefachfrau Adela Lame, Praxisanleiterin in der Caritas-Klinik Maria Heimsuchung, am 4. Mai 2026 in Berlin / © Nina Schmedding ( KNA )

Er habe von ihrer Arbeit als Pflegerin offenbar ein falsches Bild gehabt. So wie andere Patienten, die mitunter auf den roten Knopf drücken, damit Adela das Fenster schließt oder sie zudeckt, obwohl sie selbst durchaus dazu in der Lage sind.

1,7 Millionen Pflegefachkräfte gibt es in Deutschland, die meisten sind Frauen. Schwester Adela, wie auf dem Namensschild an ihrem weißen Kittel zu lesen ist, kam vor drei Jahren aus Albanien nach Deutschland, um sich an der Caritas-Klinik Maria Heimsuchung in Berlin-Pankow als Pflegefachkraft ausbilden zu lassen.

Sieben von zehn Stellen nicht besetzt

Fachkräfte aus dem Ausland sind in der Pflege Alltag. Fast jede fünfte Pflegekraft in Deutschland besitze inzwischen eine ausländische Staatsangehörigkeit, erklärte die Bundesagentur für Arbeit am Freitag in Nürnberg. Und dennoch gibt es hierzulande immer noch nicht genug Menschen in dem Beruf. 

Nach Zahlen des Instituts der Deutschen Wirtschaft fehlten im Jahresdurchschnitt 2025 bundesweit 33.018 qualifizierte Fachkräfte in der Pflege. Damit konnten mehr als sieben von zehn aller offenen Stellen in diesen Berufen nicht besetzt werden, weil nicht ausreichend qualifizierte Arbeitslose zur Verfügung standen.

Die größten Engpässe bestanden demnach zuletzt bei ausgebildeten Fachkräften in der Altenpflege (15.233 fehlende Fachkräfte) sowie in der Gesundheits- und Krankenpflege (13.390 fehlende Fachkräfte).

Wie kann der Beruf attraktiver werden? Am Gehalt liegt es nicht unbedingt. Laut Caritas sind die tarifvertraglichen Gehälter in der Pflege in den vergangenen drei Jahren um bis zu 19 Prozent gestiegen. Eine erfahrene Pflegekraft kann demnach – inklusive Zulagen – heute ein Jahresbrutto von über 62.000 Euro erreichen.

Ein Beruf auf der Schattenseite des Lebens?

Für Klaus Müller, Professor an der Frankfurter University of Applied Sciences, liegt die mangelnde Wertschätzung auch daran, dass der Beruf Situationen ins Bewusstsein holt, die zwar Teil jedes Lebens sind, die viele aber am liebsten verdrängen:

"Pflege ist ein Beruf auf der Schattenseite des Lebens, da, wo wir alle nicht gerne hinschauen. Nicht mehr autonom über seine eigenen Grundbedürfnisse entscheiden zu können, das ist etwas, was wir alle nicht haben wollen", berichtet Müller beim Deutschen Pflegenetzwerk, einer Austauschplattform für Menschen aus Praxis und Forschung.

Eine Krankenpflegerin schiebt ein Krankenbett durch einen Krankenhausflur. / © Marijan Murat/dpa (dpa)
Eine Krankenpflegerin schiebt ein Krankenbett durch einen Krankenhausflur. / © Marijan Murat/dpa ( dpa )

Mediziner dagegen würden in der Gesellschaft anders wahrgenommen: "Während die ärztliche Disziplin quasi der Gesunderhaltung dient und dieses Heilen als große Überschrift hat, hat die Pflege eine solche Überschrift eben nicht", so der Pflegewissenschaftler, der selbst seine Karriere als Krankenpfleger begann.

Anders vom Job erzählen

Er plädiert dafür, dass Pflegerinnen und Pfleger selbstbewusster von ihrem Job sprechen sollten –  etwa, dass sie durch ihre Tätigkeiten erst "die Autonomie" von hilfsbedürftigen Menschen ermöglichten oder auch Veränderungen bei kranken Menschen richtig beurteilen müssten, also für deren Sicherheit verantwortlich sind. 

"Das sind Formulierungen, für die wir in der Gesellschaft mehr Anerkennung bekommen, als wenn wir sehr tatkräftig berichten, dass wir Menschen bei der Körperpflege unterstützen", stellt Müller fest.

Geduldig, fürsorglich, empathisch

Was sollte eine Pflegefachkraft mitbringen? "Man sollte geduldig, fürsorglich und empathisch sein", zählt Adela auf. "Manche Patienten weinen auch und erzählen mir von ihrer Situation. Dass sie alleine sind, zum Beispiel." Andere kritisieren dagegen, dass sie aus dem Ausland kommt: "Gibt es hier keine deutschen Pfleger?", heißt es dann etwa. Viele ihrer Kollegen auf der Station stammen wie sie aus anderen Ländern, etwa aus Kamerun oder den Philippinen.

Die Anerkennung von Kompetenzen, die im Ausland erworben wurden, ist schwierig. Auch bei Adela, die ein ganzes Pflegestudium in Albanien absolviert hat, war das so. Sie kann das insoweit verstehen, weil die Arbeit einer Pflegefachkraft in Deutschland die Grundpflege beinhaltet, was sie aber bei ihrer Ausbildung in Albanien nicht gelernt habe. Andererseits: "Auf der einen Seite will man unsere Arbeit im deutschen Gesundheitssystem, aber auf der anderen Seite macht man es uns so schwer", gibt sie zu bedenken.

Sprachprobleme lösen

Kürzlich hat die junge Frau, die ein Medizinstudium anstrebt, sogar die Prüfung zur "Praxisanleiterin" bestanden. Das heißt, sie darf jetzt selbst angehende Pflegerinnen und Pfleger ausbilden. Eine Idee von ihr im Zuge dieser Weiterbildung hat sich an ihrem Arbeitsplatz bereits etabliert: Gängige Fragen wie "Haben Sie Schmerzen?" oder "Können Sie sich bewegen?" wurden auf ihre Initiative hin in mehrere Sprachen übersetzt und auf laminierte Karten gedruckt, die man sich in die Kitteltasche stecken kann.

Damit es neuen Kollegen nicht so geht wie ihr: "Ich hatte bei dem deutschen Intensivsprachkurs in Albanien keine Vokabeln einer Alltagssituation im Krankenhaus gelernt. Entsprechend konnte ich an meinem ersten Tag im Krankenhaus mit dem einfachen Wort 'Klo' nichts anfangen. Ich hatte es noch nie zuvor gehört", erzählt Adela lachend.

Beruf der Zukunft

Kranke und alte Menschen pflegen und ihnen zur Seite stehen: Das ist ein Beruf, ohne den die Gesellschaft langfristig zugrunde gehen wird. Noch werden von den 5,7 Millionen Pflegebedürftigen die allermeisten Menschen hierzulande zu Hause von Angehörigen gepflegt – laut Zahlen des Statistischen Bundesamts von 2024 sind das 3,1 Millionen. Wegen des demografischen Wandels zeichnet sich aber ab, dass in der Zukunft noch viel mehr Pfleger gebraucht werden – aus dem In- wie Ausland, wie die Arbeitsagentur betont.

Caritas Deutschland

Der Deutsche Caritasverband (DCV) ist der größte Wohlfahrtsverband Europas. Die Dachorganisation katholischer Sozialeinrichtungen setzt sich für Menschen in Not ein. Mit rund 700.000 hauptamtlichen Mitarbeitern - 80 Prozent sind Frauen - ist die Caritas zudem der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Der Begriff "caritas" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Nächstenliebe. Der 1897 in Köln gegründete Verband unterhält Geschäftsstellen in Freiburg, Berlin und Brüssel.

Hinweisschild der Caritas / © Michael Althaus (KNA)
Hinweisschild der Caritas / © Michael Althaus ( KNA )
Quelle:
KNA