Nun hat Dirschauer einen Trauer-Knigge geschrieben, um der Gesellschaft, die sich seiner Ansicht nach inzwischen in Trauerbräuchen nicht mehr so gut auskennt, einen Ratgeber und Verhaltensregeln an die Hand zu geben.
In Dirschauers Büchlein, das nach seinen Wünschen demnächst erscheinen soll, geht es um Fragen wie: Was ziehe ich zu einer Beerdigung an? Reicht "irgendwas Dunkles" oder muss es ein "schwarzer Schleier sein"? "Früher wurden solche Regeln innerhalb der Familie oder Gesellschaft weitergetragen. Heute aber wissen viele einfach nicht mehr, wie sie sich im Trauerfall verhalten sollen", sagt der 72-Jährige. Viele fühlten sich dadurch verunsichert.
Dirschauer will die Leser seines Buches auch wieder zum Kondolieren ermutigen. Dabei sollte man nicht zum Telefonhörer greifen, wenn man von dem Tod eines Bekannten erfährt, sondern lieber einen Brief schreiben, sagt er. "Die Briefe werden meist nochmal gelesen und geben den Trauernden dann Kraft." Schließlich sei Trauer auch Arbeit und ein "mühsamer Prozess", in dem solche kleinen Dinge hilfreich sein könnten.
Generell geht es Dirschauer darum, dass sich die Menschen wieder mehr mit Tod und Trauer auseinandersetzen. Wer lerne, wie er sich am besten verhalte, bereite sich auf die Situation auch gezielter vor. Natürlich, sagt Dirschauer, gebe es zahlreiche Ratgeberbücher zum Thema Trauern. Davon habe er selber einige geschrieben. Doch sie fragten meist danach, wie der Mensch Tod und Trauer innerlich bewältigen könne. In seinem "Trauer-Knigge" aber gehe es um das "Betragen".
"Es geht mir nicht um Belehrung"
Dirschauer beschäftigt sich schon lange mit dem Trauern. Als Pastor nahm er schon mal zwischen fünf und sieben Beerdigungen am Tag vor. Später untersuchte er rund 10 000 Traueranzeigen in einer Zeitung und stellte fest, dass sich in der Sprache der Trauernden vieles geändert habe. Meist werde darin nicht von "sterben" gesprochen, sagt Dirschauer. Es finden sich eher die Formulierungen, jemand sei "heimgegangen" oder "entschlafen". Laut dem Bremer ein Indiz dafür, dass der Ritus des Sterbens, der sich einst in vertrauter Umgebung zu Hause vollzog, heute zu einer fast schon klinischen Routine geworden ist.
Häufig sei niemand dabei, wenn der Tod eintrete, und so werde gerne die barmherzige Standard-Version der Ärzte übernommen, jemand sei "entschlafen", erklärt Dirschauer. Durch diesen Abstand hätten viele auch verlernt, mit der Trauer angemessen umzugehen. "Ich habe schon viele Trauerfeiern gesehen, bei denen die Besucher in Jeans und Pulli aufgetaucht sind und bis kurz vor der Feier vor der Kirchentür Zigaretten rauchten", sagt Dirschauer. Doch der Pastor will durch solche Äußerungen keine Vorwürfe erheben. "Es geht mir nicht um Belehrung. Ich will den Menschen einfach nur etwas an die Hand geben."
Und so hat Dirschauer sein Buch ganz bewusst "Trauer-Knigge" genannt. Denn auch Adolph Freiherr von Knigge, der die Menschen des 18. Jahrhunderts den Umgang mit Ihresgleichen lehrte, wollte den Menschen Orientierung geben.
Knigge war wie Dirschauer Bremer. Und in Fragen nach des "Betragens" liegt Dirschauer gar nicht so weit von seinem Vorbild entfernt. Denn auch Knigge hat schon vor 300 Jahren festgestellt, dass es mit den Trauer-Riten nicht zum Besten stand: "Bei Sterbebetten, Geburtsfesten und andern solchen Gelegenheiten enthalte Dich aller steifen, feierlichen Akte, prunkvollen Deklamation und Theaterszenen", empfahl der Freiherr in seiner berühmten Schrift "Über den Umgang mit Menschen". Dirschauer will diese Empfehlungen nun aufgreifen und weitergeben.
Pensionierter Bremer Pastor schreibt Trauer-Knigge
Irgendwas Dunkles?
Wenn Klaus Dirschauer früher an offenen Gräbern Trauerreden hielt, erlebte er oft, dass Trauernde sich nicht zu benehmen wussten. Einmal war es das laute Klingeln eines Mobiltelefones, das die Zeremonie störte. Nach seiner Pensionierung hat der Bremer Pfarrer das Thema nun aufgreifen.
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