Pell, Putin und die wiederverheirateten Geschiedenen

"Barmherzigkeit ist nicht alles"

Das hat es so in Rom noch nicht gegeben: ein Kardinal, der ein Buch vorstellt, das sich offen gegen den Vorschlag eines anderen Kardinals wendet.

Autor/in:
Thomas Jansen
Kardinal George Pell (dpa)
Kardinal George Pell / ( dpa )

"Das Evangelium der Familie in der synodalen Debatte jenseits des Vorschlags von Kardinal Kasper" lautet der italienische Titel des Werks, das am Freitag, kurz vor Beginn der Weltbischofssynode, in der Lateran-Universität von Kurienkardinal George Pell vorgestellt wurde. Darin kritisieren ein deutscher und ein spanischer Professor des "Päpstlichen Instituts Johannes Paul II.für Studien zu Ehe und Familie" Kaspers Plädoyer für eine behutsame Änderung des kirchlichen Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen. Der Andrang war ungewöhnlich groß: Rund 100 Journalisten und Interessierte kamen.

Für Pell geht es an diesem Abend ums Eingemachte. Das Buch sei ein Beitrag zur Verteidigung der "christlich-katholischen, monogamen und unauflöslichen Ehe", sagt er. Manche erwarteten von der katholischen Kirche, dass sie "Rettungsboote" für jene auswerfe, die durch eine Scheidung Schiffbruch erlitten hätten. Doch "Barmherzigkeit ist nicht alles", so Pell. Wenn die Unauflöslichkeit der Ehe infrage gestellt würde, wäre dies aus seiner Sicht "desaströs". Solle all das, was das Trienter Konzil, Johannes Paul II. und Benedikt XVI. über Familie gesagt haben, etwa "unnütz gewesen" sein?, fragt er rhetorisch. Pell spricht höflich im Ton, aber kompromisslos in der Sache. Die Namen "Franziskus" und "Kasper" kommen in seiner vorbereiteten Stellungnahme nicht vor.

Ob denn da nicht ein Gegensatz zwischen ihm und dem Papst bestehe, der doch die Barmherzigkeit zu seinem Programm erklärt habe, will ein Journalist von Pell wissen. Der kontert: Er treffe den Papst alle zwei Wochen. Irritiert sei der noch nie gewesen, als er ihn gesehen habe. Franziskus wolle den freien Meinungsaustausch. Worüber die Synode nach Pells Willen vor allem sprechen sollte, ist, dass die Leute wieder mehr Kinder bekommen sollen. Russlands Präsident Wladimir Putin habe das schon erkannt, der Westen aber nicht.

Der 73-jährige Pell ist nicht irgendein Kardinal: Der vormalige Erzbischof von Sydney hat einen direkten Draht zum Papst. Er gehört dem Kardinalsrat zur Kurienreform ("G8") an, der Franziskus berät, und er ist Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariates. Kasper (81) bekleidet zwar kein Kurienamt mehr, gilt jedoch oft als "Theologe des Papstes". Franziskus hat ihn mehrfach öffentlich für seinen Vortrag über die Lage der Familie gelobt, den er auf seinen Wunsch im Februar vor den Kardinälen gehalten hatte. Darin regte Kasper auch eine Änderung der kirchlichen Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen an.

Das renommierte, nach Johannes Paul II. benannte Institut an der Lateran-Universität gilt als Hochburg der reinen katholischen Morallehre. Dass unter den 16 Fachleuten, die der Papst zur Bischofssynode berufen hat, kein Vertreter des Instituts war, deuteten manche Beobachter daher als programmatische Entscheidung des Papstes. Der Organisator der Synode, Kardinal Lorenzo Baldisseri, erklärte hingegen, die Bischofskonferenzen hätten die Fachleute vorgeschlagen.

In der deutschen Fassung des Buches hat der Verlag zwar auf eine Nennung Kaspers im Titel verzichtet. Die verdeckte Spitze gegen den emeritierten Kurienkardinal ist dafür umso schärfer. "Das wahre Evangelium der Familie" heißt das Buch hierzulande: eine Anspielung auf Kaspers Vortrag vor dem Kardinalskollegium. Er trug die Überschrift: "Das Evangelium von der Familie".

Und der Papst? Franziskus schweigt zu der Debatte. Oder doch nicht? Italienische Medien zumindest registrierten aufmerksam, was der Papst vor einer Woche vor Jesuiten sagte: Ebenso wie das Schiff des Ordens im 18. Jahrhunderte in Seenot sei, könne es heute auch dem Schiff Petri ergehen, so Franziskus mit Blick auf Verbot und Vertreibung der Jesuiten. Und vor der vatikanischen Gendarmerie warnte er kürzlich, das "Gerede" im Vatikan sei gefährlicher als jede richtige Bombe.

Fest steht: An diesem Sonntag hat die Synode begonnen. Und zumindest ein Wunsch des Papstes hat sich bereits erfüllt. Es gibt eine offene Debatte.

 


Quelle:
KNA