Pekings Erzbischof wird im Bistum Hongkong erwartet

Treffen auf Augenhöhe oder "subtile Sinisierung"?

Selten ist ein Treffen zweier Bischöfe derart explosiv. Doch wenn der Pekinger Erzbischof Joseph Li Shan nun nach Hongkong kommt, wird es nur oberflächlich um reine Kirchenbelange gehen. Hinter allem droht Peking.

Autor/in:
Michael Lenz
Katholische Kirche St. Teresa in Hongkong / © Jack Hong (shutterstock)
Katholische Kirche St. Teresa in Hongkong / © Jack Hong ( shutterstock )

Was zunächst wie ein normales innerkirchliches Ereignis wirkt, hat es in sich: Mit Joseph Li Shan besucht erstmals seit der Rückgabe Hongkongs durch Großbritannien an China ein katholischer Erzbischof aus Peking die Sonderverwaltungszone. Er kommt auf Einladung des Hongkonger Bischofs, Kardinal Stephen Chow.

Zwar steht Chow als Kardinal in der kirchlichen Hierarchie über Li. Doch ist dieser nicht nur Erzbischof der chinesischen Hauptstadt, sondern auch Präsident der von der Kommunistischen Partei unterstützten "Chinese Catholic Patriotic Association" sowie Vizepräsident der vom Staat kontrollierten Nationalen Bischofskonferenz.

Visite in angespannter Lage

Die Visite erfolgt in angespannter Lage. Seit dem Erlass des repressiven Nationalen Sicherheitsgesetzes werden in Hongkong demokratische Freiheiten unterdrückt und die Demokratiebewegung zerschlagen. Zahlreiche prominente Demokratie-Aktivisten, darunter viele Katholiken wie der Verleger Jimmy Lai, sitzen in Haft.

Unterstützer des Hongkonger Medienunternehmers und Katholiken Jimmy Lai fordern immer wieder seine Freilassung, teils auch bei Straßenprotesten / © Ryan K.W.Lai (shutterstock)
Unterstützer des Hongkonger Medienunternehmers und Katholiken Jimmy Lai fordern immer wieder seine Freilassung, teils auch bei Straßenprotesten / © Ryan K.W.Lai ( shutterstock )

Gleichzeitig gibt es wegen des Geheimabkommens über die Ernennung katholischer Bischöfe Spannungen zwischen Volksrepublik und Vatikan.

Rom hat Peking kürzlich wegen der einseitigen Ernennung von Joseph Shen Bin zum Bischof von Shanghai eine Verletzung des Abkommens vorgeworfen.

Für Kardinal Chow ist der Besuch in erster Linie Ausdruck seiner Mission, Hongkong zur "Brückenkirche" nach China zu machen. "Wir können darüber reden, wie wir die Struktur stärken und wie wir einige politische Maßnahmen, sogar humanitäre Maßnahmen, langfristig umsetzen können. So können wir einander helfen, die Liebe Gottes zu bezeugen", sagte Chow Anfang November gegenüber Hongkonger Medien.

Freiheit zur Religionsausübung in Hongkong noch intakt

Benedict Rogers, Gründer der chinakritischen Organisation "Hong Kong Watch", befürchtet, diese "Brücke" könnte eine Einbahnstraße für "Pekings Expansionismus und Unterdrückung" werden. "Wie können das Bistum und Hongkong das sein, wenn ihre Grundlagen - Grundfreiheiten wie Meinungs-, Versammlungs-, Vereinigungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, Autonomie und Religions- und Glaubensfreiheit - ausgehöhlt und abgebaut werden?", sagte Rogers der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Der in London lebende Katholik weiß, wovon er spricht. Im März 2022 teilte die Hongkonger Polizei dem britischen Staatsbürger mit, sollte er jemals wieder in die Stadt kommen, drohe ihm eine Anklage wegen "Gefährdung der nationalen Sicherheit Chinas".

Feier der Heiligen Messe in Hongkong / © Francis Wong (KNA)
Feier der Heiligen Messe in Hongkong / © Francis Wong ( KNA )

Am 8. November stellte "Hong Kong Watch" in Brüssel den Bericht "Ausverkauf unserer Seele" über die "drohenden Gefahren für die Freiheit von Religion oder Überzeugungen" in Hongkong vor. Anders als in China sei in Hongkong die Freiheit zur Religionsausübung noch intakt, aber es gebe "deutliche Anzeichen für Verstöße gegen die Religions- und Weltanschauungsfreiheit" und "Frühwarnzeichen für Schlimmeres" auf Basis des Nationalen Sicherheitsgesetzes. Priester aller Konfessionen würden zunehmend Selbstzensur üben und der von China verordnete "Patriotismus" betreffe auch den Bildungssektor, einschließlich der vielen katholischen Schulen.

Damoklesschwert hängt über allem

Über allem hängt das Damoklesschwert der von Chinas Präsident Xi Jinping befohlenen "Sinisierung" der Religionen. Wie "Patriotismus" bedeutet auch "Sinisierung" nichts anderes als bedingungslose Unterwerfung unter die kommunistische Ideologie.

Chinas Staatspräsident Xi Jinping / © Wolfgang Kumm (dpa)
Chinas Staatspräsident Xi Jinping / © Wolfgang Kumm ( dpa )

Rogers sieht zwar noch keine offizielle Übertragung der Sinisierungskampagne auf Hongkong, hält es aber für wahrscheinlich, dass sie "eher subtil als de jure geschieht". "Ich habe den Verdacht, dass Erzbischof Li, die Chinesische Patriotisch-Katholische Vereinigung und das Regime in Peking die Visite als Gelegenheit sehen, die Diözese Hongkong auf subtile und heimtückische Weise weiter in die Arme der staatliche kontrollierten 'patriotischen' Bewegung und die 'Einheitsfront' der Kommunistischen Partei Chinas zu zwingen."

Erzbischof Li wird während seiner fünftägigen Visite mehrere Vertreter der Diözese Hongkong treffen. Rogers hält es aber für "sehr unwahrscheinlich", dass es eine Begegnung zwischen dem chinakritischen ehemaligen Hongkonger Kardinal Joseph Zen Ze-kiun und Li kommen wird. "Aber wenn doch", so Rogers, "dann wäre das ein explosiver Zusammenstoß zwischen Wahrheit und Lüge."

Zahlen zur katholischen Kirche in China

Das kommunistisch regierte Riesenland China ist multireligiös. Laut dem China-Zentrum in Sankt Augustin bei Bonn sind seine fünf offiziell anerkannten Religionsgemeinschaften der Buddhismus, Daoismus, Islam, Protestantismus und Katholizismus. Von den 1,4 Milliarden Chinesen sind rund 185 Millionen Buddhisten, etwa 23 Millionen zählen sich zum Islam, zum Protestantismus ca. 38 bis 60 Millionen; ca. 10 Millionen sind Katholiken. Die Zahl der Anhänger des Daoismus ist nicht feststellbar.

Zwei junge Männer, ein Seminarist und ein Sängerknabe, sitzen auf Stühlen während einer Messe am 13. Januar 2019 in der Kirche Xishiku in Peking. / © Gilles Sabrie (KNA)
Zwei junge Männer, ein Seminarist und ein Sängerknabe, sitzen auf Stühlen während einer Messe am 13. Januar 2019 in der Kirche Xishiku in Peking. / © Gilles Sabrie ( KNA )
Quelle:
KNA