Papst beklagt vor Diplomaten Verletzung der Religionsfreiheit von Christen

Kein Grundrecht zweiter Klasse

Attentate auf Christen in Ägypten, im Irak, in Nigeria. Blasphemiegesetze in Pakistan und ein anhaltender Exodus von Christen aus Nahost. Die Lagebeschreibung war düster, die Papst Benedikt XVI. beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps vortrug. Mit Nachdruck appellierte er an die 178 beim Vatikan akkreditierten Botschafter, sich für Religionsfreiheit einzusetzen.

Autor/in:
Johannes Schidelko
 (DR)

Es ist die "politischste" Rede des Jahres, in der sich der Papst jeweils Anfang Januar vor den Botschaftern über aktuelle Fragen und Probleme von Kirche und Welt äußert. In manchen Jahren beschränkte er sich bei dem feierlichen Empfang in der Sala Regia unter den Fresken Michelangelos auf eine "tour d"horizon" der Weltpolitik aus vatikanischer Sicht. Diesmal zog sich die Bedrohung und Gefährdung der Religionsfreiheit wie ein Roter Faden durch den päpstlichen Diskurs.



Ausgangspunkt waren die blutigen Anschlägen auf die Kopten in Ägypten, auf Katholiken in Nigeria und vor allem die anhaltende Gewaltserie gegen Christen im Irak. Eindringlich appellierte Benedikt XVI. "an die Verantwortungsträger und die islamischen Religionsführer dieses Landes, sich dafür einzusetzen, dass ihre christlichen Mitbürger in Frieden leben und weiterhin ihren Beitrag zu der Gesellschaft leisten können". Und mit Blick auf Drohungen von El Kaida forderte er die Regierungen der ganzen Region auf, trotz aller Schwierigkeiten "wirksame Maßnahmen zum Schutz der religiösen Minderheiten ergreifen". In einer Region, in der die Christen nicht Fremde und Zuwanderer sondern "ursprüngliche, vollwertige und loyale Bürger" seien.



Religionsfreiheit sei kein Grundrecht zweiten Grades, stellte der Papst klar. Leider würden Akte von Diskriminierungen gegenüber Christen mitunter als weniger schwerwiegend angesehen. Es gehe nicht nur um eine bloße Proklamation von Kultfreiheit. Christen müssten - in Übereinstimmung mit internationalen Normen und Standards - alle Rechte der Staatsbürgerschaft, der Gewissensfreiheit, der Freiheit im Erziehungs-,Bildungs- und Medienbereich genießen.



Eine "politische" Papstrede

Gefahren für die Religionsfreiheit sieht Benedikt XVI. nicht nur in Nahost oder in Teilen Afrikas und Südostasiens. Ausdrücklich verwies er auf die Katholiken in Kontinental-China, die "eine Zeit von Schwierigkeiten und Prüfungen" erlebten. Auf der Arabischen Halbinsel erhofft er sich geeignete pastorale Strukturen für die christlichen Immigranten. Für Pakistan wünscht er sich eine Abschaffung des Blasphemie-Gesetzes. Positive Signale registrierte der Papst unterdessen aus Vietnam, wohin er nach Zustimmung der Regierung demnächst einen Gesandten entsenden könne.



Aber auch im Westen sieht der Papst eine Bedrohung der vollen Religionsfreiheit. Im Namen von Pluralismus und Toleranz würde Religion mitunter ausgegrenzt, beklagt er. Ihr gesellschaftlicher Einfluss werde zurückgedrängt; Religion erscheine als Fremdkörper, als destabilisierendes Element in der modernen Gesellschaft. Konkret nannte Benedikt XVI. Bestrebungen, religiöse Feste und Symbole aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, insbesondere das Kruzifix. Lobend erwähnte er daher den Rekurs der italienischen Regierung gegen eine entsprechende EU-Initiative - dem sich etliche Staaten und auch das Moskauer Patriarchat angeschlossen hätten.



Es war eine "politische" Papstrede, die sich jedoch nicht in technische Fragen der Tagespolitik einmischte. Benedikt XVI. konzentrierte sich auf Fragen der Religionsfreiheit. Er äußerte sich, anders als in früheren Jahren, weder zu Friedensperspektiven für Nahost noch zum Umgang mit Flüchtlingsströmen - Fragen, die der vatikanischen Diplomatie stets am Herzen liegen. Er ging auch nicht detaillierter auf die aktuellen kirchenpolitischen und diplomatischen Probleme mit Peking ein. Aber sicher wird das Kirchenoberhaupt auf diese Themen im Laufe des Jahres noch intensiver zu sprechen kommen - spätestens beim internationalen Friedenstreffen der Religionen im Oktober in Assisi.