Ordensschwester gibt Tipps für Neujahrsvorsätze

"Man darf Neuanfänge auch zelebrieren"

Naturkatastrophe in Japan, die Angst vor dem Rechtsruck in Europa und in den USA. Wie soll man da trotzdem zuversichtlich bleiben und noch gute Vorsätze fassen? Darüber spricht die Franziskanerin und Psychologin Katharina Kluitmann.

Gute Vorsätze / © Arno Burgi (dpa)
Gute Vorsätze / © Arno Burgi ( dpa )

DOMRADIO.DE: Haben Sie sich etwas Konkretes für das neue Jahr vorgenommen? 

Katharina Kluitmann / © Julia Steinbrecht (KNA)
Katharina Kluitmann / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Sr. Katharina Kluitmann (Ordensfrau und Psychologin ): Ich habe mir tatsächlich etwas vorgenommen. Und zwar einen von diesen super Vorsätzen, den ich mir nicht das erste Mal vornehme: mehr Sport, mehr frische Luft. Aber ich bin nicht ganz so gefrustet, weil es  gibt Vorsätze, die ich mir jahrelang vorgenommen habe und die ich mittlerweile umgesetzt habe und bei denen ich denke: "So läuft das Leben, es geht also doch."

DOMRADIO.DE: Da hätte ich gerne ein Beispiel für. 

Sr. Katharina: Ich habe zum Beispiel im letzten Jahr gelernt, mir mehr Zeit für mich zu nehmen und auch mal zu etwas 'Nein' zu sagen. Wenn dann DOMRADIO.DE anruft und spontan sagt: 'Hast du Zeit?', dann mach ich das natürlich trotzdem.

DOMRADIO.DE: Die Aussicht, dass man trotz der guten Vorsätze doch wieder an den Verbesserungsplänen scheitert, kann für den einen oder die andere auch schon mal lähmend wirken. Was raten Sie den Menschen? 

Sr. Katharina: Zum einen rate ich ihnen, darauf zu schauen, was schon mal geklappt hat. Und dann darf man sich nicht zu viel vornehmen. Es gibt diesen alten Spruch: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Den mag ich nicht so gerne, weil ich das mit der Hölle nicht mag. Erich Kästner schrieb:

„Man soll das Neue Jahr nicht mit Programmen,
beladen wie ein krankes Pferd,
wenn man es all zu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,
um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich schrecklich zu bemüh’n
und schließlich hat man den Salat.

Es nützt nicht viel, sich rot zu schämen,
es nützt nichts und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm und bessert euch drauflos.“

DOMRADIO.DE: Was sagt denn der christliche Blick auf diese Gefühls-Gemengelage? Dass Gott jetzt immer wieder mit uns anfängt und auch uns immer wieder Neuanfänge zugesteht? 

Sr. Katharina: In der Tat ist es eine super Botschaft unseres Glaubens, dass man diese Neuanfänge nutzen kann. Ein Jahr ist lang. Da darf man die Neuanfänge auch zelebrieren und sich einmal in der Woche oder im Monat kleine Reflexionsphasen nehmen. Früher lief das über die Beichte, über den Herz-Jesu-Freitag am ersten Freitag im Monat, dass man sich die Zeit nahm um sie die Fragen zu stellen: Wo stehe ich? Wo will ich hin? Wie kann es weitergehen? 

Sr. Katharina Kluitmann

"Man darf sich diese Fragen auch mit der christlichen Barmherzigkeit stellen."

Man darf sich diese Fragen auch mit der christlichen Barmherzigkeit stellen. Man sollte sich dabei nicht fertig machen, weil man schon wieder die ganze Zeit nur am Schreibtisch gesessen und kein Sport gemacht hat. Teresa von Avila hat so ein schönes Wort, die nennt das "entschiedene Entschiedenheit". Man muss schon mal seinen Schweinehund überwinden, aber auf der anderen Seite darf man auch barmherzig mit sich sein, wenn etwas nicht geklappt hat.

DOMRADIO.DE: Hoffnung und Zuversicht sind notwendig, damit Menschen sich trauen und auch was zum Guten zu bewegen. Wo nehmen Sie persönlich diese Zuversicht und Hoffnung her?

Sr. Katharina Kluitmann

"Auf der anderen Seite aktiviert es meine Selbstwirksamkeit, wie ich als Psychologin sagen würde."

Sr. Katharina: Ich nehme sie sicher aus meinem Glauben, aber er muss sich auch in kleiner Münze auszahlen. Mir hilft es nicht so viel, wenn ich mir jetzt einfach nur Gedanken über das Erdbeben in Japan mache. Ich kann aber was tun. Ich kann mich informieren, ich kann beten. Ich kann in anderen Fragen konkret helfen. Ich kann bei bestimmten Dingen, zum Beispiel beim Thema Antisemitismus meine Meinung deutlich sagen oder sie mal jemandem schreiben. Mir hilft das. Auf der einen Seite zu spüren, dass Gott mit uns ist. Auf der anderen Seite aktiviert es meine Selbstwirksamkeit, wie ich als Psychologin sagen würde.

DOMRADIO.DE: Und das kann man auch tun, wenn man zu Gott und Glauben gar keinen Draht hat. 

Sr. Katharina: Genau diese Immanuel-Geschichte, 'Gott mit uns', ist, selbst wenn man nicht an Gott glaubt, ein super Bild. Wichtig finde ich aber, auch wenn man nicht an Gott glaubt, zu gucken was mich trägt. An irgendwas glaubt jeder, sonst wäre er nicht mehr da. Wie habe ich es bisher geschafft, Krisen zu meistern? Wie habe ich es bisher geschafft, durchzuhalten, auch wenn es mal schwierig war? Und wo ist es gut gegangen? 

DOMRADIO.DE: Kann man denn, trotz der düsteren Aussichten auf das neue Jahr und den multiplen Krisen überall, positiv ins neue Jahr reingehen?

Sr. Katharina Kluitmann

"Vor allem sollte man seine Grenze kennen."

Sr. Katharina: Ich glaube ja. Und zwar mit der großen Hoffnung und mit den kleinen konkreten Schritten. Vor allem sollte man seine Grenze kennen. Die allermeisten ihrer Leser sind keine Bundeskanzler. Von daher muss man sich die Frage stellen: Wo hört meine Verantwortlichkeit auf? 

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

Quelle:
DR