Nigeria steht langes Warten auf Wahlergebnis bevor

Eine Wahl, die das Land einen soll

In Afrikas Riesenstaat Nigeria ist die zukunftsweisende Präsidentenwahl beendet. Ersten Einschätzungen zufolge lief sie überwiegend friedlich und mit hoher Beteiligung ab - doch auch mit großen logistischen Problemen.

Autor/in:
Katrin Gänsler
Stimmauszählung nach Wahlen in Nigeria: Wahlhelfer zählen die Stimmen aus in einem Wahllokal nach der Wahl des neuen Präsidenten sowie Senat und Repräsentantenhaus in Lagos / © Katrin Gänsler (KNA)
Stimmauszählung nach Wahlen in Nigeria: Wahlhelfer zählen die Stimmen aus in einem Wahllokal nach der Wahl des neuen Präsidenten sowie Senat und Repräsentantenhaus in Lagos / © Katrin Gänsler ( KNA )

In Nigeria hat das angespannte Warten auf die Wahlergebnisse begonnen. Für die Wahl am Samstag hatten sich 93,4 Millionen Menschen registrieren lassen, so viele wie nie zuvor. Neben dem Wahl zum neuen Staatsoberhaupt - Amtsinhaber Muhammadu Buhari darf nach acht Jahren an der Macht nicht erneut antreten - wurde über Senat und Repräsentantenhaus abgestimmt.

Beobachter sehen großes Interesse an der Wahl

Hochrechnungen und Prognosen über die Wahlbeteiligung gibt es zwar nicht. Beobachtern zufolge ist das Interesse jedoch groß gewesen. Vor allem junge Menschen - knapp 40 Prozent der Wähler sind jünger als 35 Jahre - hatten im Vorfeld betont, ihre Stimme abgeben zu wollen. Viele wollten so ein Zeichen gegen die alten, reichen Eliten setzen, die Nigerias Politik seit Jahrzehnten bestimmen.

Goodluck Onyekwere ist eine dieser jungen Stimmen. Stundenlang wartete sie am Samstag vor ihrem Wahllokal in Ikoyi, einem Viertel in der Megacity Lagos, mit Dutzenden anderen darauf, dass Vertreter der Wahlkommission (INEC) es endlich öffnen. Landesweit ging es zahlreichen Menschen ähnlich. 

Mitunter öffneten die Wahllokale erst Stunden später. Yiaga - eine nichtstaatliche Organisation zur Stärkung von Demokratie und Zivilgesellschaft, die 3.836 Wahlbeobachter entsandt hatte - forderte INEC auf, die Öffnungszeiten zu verlängern und die Ursachen für die verspätete Bereitstellung der Unterlagen zu untersuchen.

Erstwählerin Goodluck Onyekwere hat trotzdem geduldig gewartet: "Ich bin sehr aufgeregt", so die 27-Jährige, die Anhängerin von Labor-Kandidat Peter Obi ist. "Wir sind hier, um unser Land zurück zu holen." Der 61-Jährige Obi, der bis 2014 Gouverneur in Anambra war, hat sich als Kandidat der jungen Generation etabliert, hat ihr Jobs zugesagt, aber vor allem betont, ein Land einen zu wollen.

Religionen und ethische Gruppen

In Nigeria leben mehr als 250 verschiedene ethnische Gruppen. Etwa die Hälfte der 220 Millionen Einwohner bekennen sich zum Islam, die andere Hälfte zum Christentum. Religionszugehörigkeit und Ethnie waren lange wichtige Faktoren bei der Kandidatenwahl, weil Staat und staatliche Strukturen vielerorts abwesend sind.

Mittlerweile haben alle Regionen des Landes eigene Konflikte, so Stanley Achonu, Landesdirektor der US-amerikanischen Lobby-Organisation zur Bekämpfung von Armut und vermeidbaren Krankheiten, One Campaign. Im Nordosten sind islamistische Gruppierungen präsent, im Nordwesten bewaffnete Banden. 

Seitdem Obi, Christ und Angehöriger der Igbo aus dem Südosten, aussichtsreicher Kandidat ist, hat sich die Gewalt dort etwas gelegt. Zuvor hatte der militante Flügel der Separatistenbewegung Indigene Menschen von Biafra (IPOP) Büros von INEC sowie Polizeistationen angegriffen. Die Region sieht sich seit Jahrzehnten benachteiligt.

Bischöfe forderten eine friedliche Wahl

Obi ist es auch gelungen, den traditionellen Zweikampf der großen Parteien All Progressives Congress (APC), deren Kandidat Bola Tinubu - Yoruba, Muslim und früherer Gouverneur von Lagos - ist, und People's Democratic Party (PDP) mit Atiku Abubakar - Fulani, Muslim ehemaliger Vizepräsident - an der Spitze zu durchbrechen. Deswegen ist die Wahl umkämpft wie nie zuvor, und eine Stichwahl, die binnen drei Wochen stattfinden muss, gilt als möglich.

Die katholischen Bischöfe hatte im Vorfeld vielfach eine friedliche Wahl gefordert. Die Wahlentscheidung solle unabhängig von Religion und ethnischer Zugehörigkeit getroffen werden. Stattdessen solle man sich für den kompetentesten Bewerber entscheiden. Am Freitag forderte der Erzbischof von Abuja, Ignatius Kaigama, zudem dazu auf, die Ergebnisse ohne Bitterkeit zu akzeptieren.

Vor allem in Lagos, APC-Hochburg, hatte es am Nachmittag im Viertel Surulele mehrere Vorfälle von Gewalt gegeben. Menschen wurden bedroht, und in mehreren Wahllokalen wurde versucht, Wahlurnen und Unterlagen zu stehlen. Damit sollten Wähler eingeschüchtert werden.

Ergebnis innerhalb von zwei Wochen

Dabei gilt ein friedlicher Ausgang für den ganzen Kontinent als richtungsweisend und Bekenntnis zur Demokratie. Einerseits haben alleine in Westafrika drei Länder nach Staatsstreichen keine gewählte Regierung mehr. Andererseits ist Nigeria die größte Volkswirtschaft Afrikas sowie nach Angola der zweitgrößte Ölproduzent. 

Dennoch leben 133 Millionen Menschen in Armut. Die Inflation liegt bei knapp 22 Prozent. Gerade junge Menschen wollen das Land zunehmend verlassen. Jaba heißt das Phänomen. Das Wort aus der Sprache Yoruba bedeutet: "sein Glück woanders suchen".

Das Ergebnis muss innerhalb von zwei Wochen bekannt gegeben werden. Prognosen werden frühestens für Montag oder Dienstag erwartet.

Nigeria in Zahlen und Fakten

Nigeria ist der bevölkerungsreichste Staat Afrikas. Was dort passiert, hat oft Auswirkungen auf den ganzen Kontinent und darüber hinaus. 

Es besteht zu etwa gleichen Teilen aus Muslimen und Christen. Der Norden ist stark islamisch geprägt; in zahlreichen Bundesstaaten gilt das islamische Recht, die Scharia. Im Süden leben überwiegend Christen.

In Nigeria versorgt Malteser International Geflüchtete unter anderem mit sauberem Trinkwasser / © Emily Kinskey (Malteser International)
In Nigeria versorgt Malteser International Geflüchtete unter anderem mit sauberem Trinkwasser / © Emily Kinskey ( Malteser International )
Quelle:
KNA