Nahost-Christen verschwinden auf Raten

Die Früchte des Zorns

Die Einnahme von Aleppo und der Anschlag auf Kairos Kathedrale werfen Schlaglichter auf die verzweifelte Lage der Christen in Nahost. Die Rechnung des Westens, Diktaturen durch Demokratien zu ersetzen, ging nicht auf.

Autor/in:
Alexander Brüggemann
Christenverfolgung im Nahen Osten / © Katharina Ebel (KNA)
Christenverfolgung im Nahen Osten / © Katharina Ebel ( KNA )

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat sich zu dem Anschlag auf die koptische Markus-Kathedrale in Kairo bekannt. Ein IS-Selbstmordattentäter habe 80 "Kreuzfahrer" getötet und verletzt, heißt es in einem Bekennerschreiben. Bei dem Bombenanschlag nahe dem Amtssitz des koptischen Papstes wurden am Sonntag mindestens 25 Menschen getötet und 49 verletzt.

Unterdessen wurde das christliche Viertel im Westen Aleppos noch am Dienstag erneut von Raketen beschossen. Unter anderem sei eine Rakete im Jesuitenkonvent eingeschlagen, berichtet der katholische Pfarrer von Aleppo, der Franziskaner Ibrahim Al-Sabagh. Rund 500 Rebellenkämpfer haben sich nach seinen Angaben auf einem Gebiet von rund einem Quadratkilometer verschanzt. Die syrische Armee habe dagegen den Beschuss eingestellt.

Verzweifelte Lage der Christen im Nahen Osten

Aleppo und Kairo: zwei Schlaglichter dieser Woche auf die verzweifelte Lage der Christen im Nahen Osten. Der sogenannte Arabische Frühling 2011 ging im Westen mit der Illusion einher, allein die Beseitigung jahrzehntealter Diktaturen werde quasi automatisch für demokratische Strukturen sorgen. Deshalb konnte es nicht schlecht sein, Milizen im Aufstand gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad zu unterstützen.

Warnungen syrischer Kirchenführer wurden beiseite gewischt. Dabei trieb sie nicht vermeintlicher Anteil am Machterhalt – sondern die Sorge vor dem noch größeren Übel. Auch in Ägypten warnten die koptischen Kirchenführer ihre Gläubigen davor, sich zu sehr politisch zu exponieren. Auch dies wurde im Westen nicht gerade als Bekennermut ausgelegt.

Destabilisierung, Unordnung und Terror statt Demokratisierung. Die Lektion der Fehleinschätzung schmeckt bitter, und die Klage gegen den Ansturm von Flüchtlingen in Europa ist groß. Rückblende: Der "Arabische Frühling" wurde von Tunesien aus zum Flächenbrand.

Langjährige Despoten und Regime fielen wie Dominosteine: Tunesiens Zine el-Abidine Ben Ali, Libyens Muammar al-Gaddafi, Ägyptens Hosni Mubarak.

Christen zwischen den Fronten zerrieben

Die kleingehaltenen Christen der Region erlangten damit allerdings nicht wirklich Freiheit. Im Gegenteil: Sie und andere Minderheiten verloren mit den Diktatoren auch ihre Schutzmacht gegen den radikalen Islam. In den Nachfolgekriegen erstarkten die Islamisten; die Christen werden an vielen Orten zwischen den Fronten zerrieben.

In Syrien dauert der zerstörerische Krieg zwischen der Regierung Assad, IS-Milizen und anderen Rebellengruppen seit Jahren an. Allen Kriegsparteien werden Menschenrechtsverbrechen zugeschrieben. Gewalt und Terror treiben Hunderttausende Christen zum Verlassen des Landes.

Von den 150.000 Christen, die vor dem Krieg in Aleppo lebten, sind nur noch rund 30.000 übrig, wie der Franziskaner Firas Lutfi berichtet. Von den rund 21 Millionen Syrern vor dem Krieg gelten inzwischen 9 Millionen als Flüchtlinge oder Binnenflüchtlinge. 6 bis 10 Prozent der Syrer waren einst Christen unterschiedlichster Konfessionen. Nun steht die Zahl von bis zu 700.000 christlichen Flüchtlingen im Raum.

Es ist, historisch gesehen, ein vierter massiver Aderlass für das Christentum, das sich, lange bevor es auch nach Europa kam, von Jerusalem aus nach Kleinasien, Mesopotamien und Nordafrika ausbreitete. Dass es gerade im Nahen Osten eine verwirrende Vielfalt christlicher Denominationen gibt, liegt – wie später auch im Islam - an den streitvollen Findungsprozessen der eigenen Lehr- und Glaubenssätze.

Im Zuge der spätantiken ökumenischen Konzilien entstanden vier Kirchenfamilien mit je eigener Liturgie: die sogenannten Kirchen des Ostens; die frühen orthodoxen Kirchen der Syrer, Kopten, Äthiopier und Armenier; die spätere griechische und georgische Orthodoxie; und die diversen mit Rom verbundenen katholischen Kirchen, darunter die Maroniten im Libanon, die Chaldäer im Irak, die Melkiten oder die "Lateiner", wie die römischen Katholiken im Heiligen Land bezeichnet werden.

Einen ersten historischen Rückschlag erlitt das Christentum mit der islamischen Expansion des 7. Jahrhunderts. Ganz Nordafrika und die Arabische Halbinsel gingen dauerhaft für das Christentum verloren.

Der Fall des "Heiligen Landes" an die Muslime läutete im 11. Jahrhundert das Zeitalter der Kreuzzüge ein. Das christliche Byzanz, Sitz des oströmischen Kaisers und des Patriarchen von Konstantinopel, fiel 1453. Die Osmanen herrschten bald bis hinauf nach Bosnien.

Minderheit – trotz zahlenmäßiger Mehrheit

Über all diese Jahrhunderte jedoch blieben die Christen in vielen Regionen eine namhafte Minderheit, teils sogar die zahlenmäßige Mehrheit. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts machten sie in Istanbul, im Irak oder in Syrien 30 oder mehr Prozent der Bevölkerung aus.

Der Zerfall des Osmanischen Reiches brachte jedoch eine Pogromstimmung islamischer Neo-Nationalisten mit sich. Diese "dritte Welle" im Zuge des Ersten Weltkriegs führte zum Völkermord an den Armeniern und den Aramäern im Gebiet der heutigen Türkei, Syriens und des Irak. Hunderttausende, womöglich über eine Million Christen wurden getötet. Mit dem 1923 vereinbarten griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch verlor Kleinasien zudem rund 1,5 Millionen orthodoxe Christen, deren Vorfahren dort teils seit der Antike lebten.

Im 21. Jahrhundert sind von der einst christlichen Prägung Syriens, des Irak und der Türkei teils nur noch verschwindende Minderheiten übrig. Und sie stehen unter stärkstem Druck. Der Westen trägt daran eine Mitschuld.


Quelle:
KNA