Kulturkampf zwischen Katholiken und Bismarck beginnt 1871

"Nach Canossa gehen wir nicht"

Reichskanzler Bismarck wollte Kirche und Staat trennen. Seinen Kulturkampf gegen die katholische Kirche und die Zentrumspartei begann er vor 150 Jahren mit dem Kanzelparagraphen.

Otto von Bismarck / © ANAB_Photo (shutterstock)

"Es handelt sich hier um einen großen Kulturkampf." Es war der Mediziner Rudolf Virchow, der dem erbittert geführten Großkonflikt zwischen katholischer Kirche und der Regierung in Preußen-Deutschland seinen Namen gab.

Trennung von Staat und Kirche

Startschuss für den Versuch von Reichskanzler Otto von Bismarck, Staat und Kirche zu trennen und den politischen Arm des Katholizismus - die Zentrumspartei - zu schwächen, war der sogenannte Kanzelparagraph, der am 10. Dezember 1871, vor 150 Jahren, in das Strafgesetzbuch des gerade gegründeten Deutschen Reiches eingefügt wurde: Geistliche konnten "mit Gefängniß oder Festungshaft bis zu zwei Jahren" bestraft werden, wenn sie die Ausübung ihres Amtes für politische Äußerungen missbrauchten.

Konflikt war vorhersehbar

Keineswegs kam der Konflikt aus heiterem Himmel: In ganz Europa wurden im 19. Jahrhundert die Machtverhältnisse zwischen Kirche und dem modernen Staat neu bestimmt. Verfügte die Kirche seit dem Mittelalter über großen Einfluss auf Schulsystem, soziale Einrichtungen und gesellschaftliche Institutionen, versuchte der liberale Staat, seinen Einfluss auszudehnen. 1864 verurteilte Papst Pius IX. im "Syllabus Errorum" vermeintliche Irrlehren der Moderne, darunter Sozialismus, Liberalismus und Menschenrechte. Das Erste Vatikanische Konzil (1869-1870) erklärte die Unfehlbarkeit des Papstes - unter engen Voraussetzungen - in "Religion und Sitten".

Angriff auf den Staat

In diesem Versuch, die päpstliche Autorität in ganz Europa zu festigen, sahen Bismarck und viele Liberale einen Angriff auf den Staat. Das umso mehr, als die Katholiken sich seit 1870 in der Zentrumspartei organisierten und verlangten, die Rechte der Kirchen gegen den Staat zu schützen.

Gefährlich war nach Bismarcks Meinung auch die Zusammenarbeit des Zentrums mit den katholischen Minderheiten der Polen, Elsaß-Lothringer und Dänen. Der Reichskanzler, der sich der Unterstützung durch die evangelischen Kirchen sicher sein konnte, deklarierte die Partei zum verlängerten Arm des Papstes und zum Reichsfeind. Sie sei Rom-hörig und nicht loyal zu Berlin.

Staat übernimmt alleinige Schulaufsicht

Beim Kanzelparagraphen blieb es nicht: Ein Jahr später übernahm der Staat die alleinige Schulaufsicht in Preußen und verbot den Jesuitenorden reichsweit. Außerdem wurden die Beziehungen zum Vatikan abgebrochen. Im Reichstag bekräftigte Bismarck polemisch: "Nach Canossa gehen wir nicht."

Staatliche Abschlussprüfung für Geistliche

1873 wurde in den preußischen "Maigesetzen" eine staatliche Abschlussprüfung für Geistliche eingeführt. Kirchenaustritte wurden gesetzlich geregelt und erleichtert. Darüber hinaus behielt sich der Staat ein Einspruchsrecht bei der Vergabe geistlicher Ämter vor. Es kam zu einer regelrechten Verwaisung kirchlicher Posten. 1874 wurde zunächst in Preußen, 1875 im ganzen Reich, die Zivilehe bindend eingeführt. 1875 wurden alle geistlichen Orden und ordensähnlichen Gemeinschaften verboten. Außerdem verfügte das «Brotkorbgesetz», alle staatlichen finanziellen Zuwendungen an die Kirche einzustellen.

Sanktionen gegen Vertreter der katholischen Kirche

Gleichzeitig nahmen die Sanktionen gegen Vertreter der katholischen Kirche zu. Allein innerhalb der ersten vier Monate des Jahres 1875 wurden 136 katholische Zeitschriftenredakteure zu Geldstrafen verurteilt oder inhaftiert. Im  selben Zeitraum wurden 20 katholische Zeitungen konfisziert, 74 katholische Gebäude durchsucht, 103 katholische politische Aktivisten ausgewiesen oder interniert. 55 katholische Organisationen und Vereine wurden geschlossen. Über die Hälfte der katholischen Bischöfe Preußens befand sich 1878 entweder im Exil oder im Gefängnis. Der Papst sprach von Kirchenverfolgung.

Politik wird zum Bumerang

Letztlich wurde diese Politik für Bismarck zum Bumerang: Der Druck schweißte die Katholiken zusammen; das Zentrum gewann Wähler. Zwar wurden mit der Zivilehe und der Staatsaufsicht über die Schulen bis heute geltende Reformen eingeführt. Doch der Eiserne Kanzler vergiftete die politische Atmosphäre nachhaltig. Katholiken empfanden sich lange als Bürger zweiter Klasse.

Bismarck ruderte zurück. 1878 war er bereit, sich mit den Katholiken zu arrangieren, weil er ihre Zustimmung zu den Sozialistengesetzen benötigte. Die SPD wurde Reichsfeind Nummer eins. Die Aussöhnung wurde erleichtert, als Pius IX. starb und mit Leo XIII. ein kompromissbereiterer Papst folgte. 1882 nahm Preußen wieder Beziehungen zum Vatikan auf. Mehrere Milderungsgesetze legten den Konflikt offiziell bei. Am 23. Mai 1887 erklärte Papst Leo XIII. den "Kampf, welcher die Kirche schädigte und dem Staat nichts nützte", für beendet.

Jesuitengesetz erst 1953 aufgehoben

Das Jesuitengesetz allerdings wurde erst 1917, der Kanzelparagraph erst 1953 aufgehoben. Eines seiner Opfer wurde im nationalsozialistischen Deutschland Martin Niemöller, der zu den prominenten evangelischen Geistlichen der Bekennenden Kirche gehörte. Auch katholische Geistliche wurden im Dritten Reich wegen dieses Paragraphen belangt: 1942 wurde der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg zu zwei Jahren Gefängnis wegen Kanzelmissbrauchs und Vergehens gegen das Heimtückegesetz verurteilt, weil er öffentlich für Juden und KZ-Gefangene gebetet hatte. Lichtenberg starb 1943 nach Gefängnishaft auf dem Weg ins KZ Dachau.

Autor/in:
Christoph Arens
Quelle:
KNA
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