Moskaus letztes Aufbäumen gegen die baltische Unabhängigkeit

 (DR)

Anfang 1991 versucht die sowjetische Führung noch einmal, den Zerfall zu verhindern. Bei dreitägigen Konflikten mit sowjetischem Militär sterben Mitte Januar im litauischen Vilnius 13 Menschen; es gibt 700 Verletzte. Kurz darauf kommen auch in Riga sechs Menschen ums Leben. Boris Jelzin, damals Parlamentssprecher Russlands, erklärt sich solidarisch mit den baltischen Parlamenten und erkennt ihre staatliche Souveränität an - ein Affront auch gegen Michail Gorbatschow.

Als Jelzin im August den Putsch gegen Gorbatschow niederschlägt und de facto die Macht in Russland übernimmt, ist der Weg für die Unabhängigkeit der baltischen Republiken frei - zwei Jahre nach dem "Baltischen Weg", der großen Menschenkette zwischen Vilnius, Riga und Tallinn.

Nun konnten sie eine eigene Gesellschaft mit freier Marktwirtschaft aufbauen - aber wie? Keines der drei Schwesterländer hatte einen finanziell potenten "großen Bruder" wie die DDR mit der Bundesrepublik. Estland suchte Orientierung beim benachbarten Finnland, das erst kurz zuvor den Aufbau einer Informationsgesellschaft ausgerufen hatte.

Die junge Generation in Estland sprang auf diesen Zug auf - und erreichte bei der Informationstechnologie schnell internationales Niveau: Kabinettssitzungen online, Internetbanking, Parkgebühren per Mobiltelefon, die Erfindung von Skype: Für seine enormen Fortschritte wurde Estland als erste der baltischen Republiken zur EU-Mitgliedschaft eingeladen. (KNA / 21.8.19)