Kirchen gehen mit Formaten für das Internet neue Wege

Mondlandung, Pest und Erster Weltkrieg

Viele junge Menschen haben wenig Bezug zu den Kirchen. Dies soll sich auch unter Einbeziehung von neuen Medien wandeln. Ein konkretes Beispiel arbeitet mit einer Mischung aus Video- und Rollenspiel.

Youtube nutzen viele junge Menschen / © Monika Skolimowska (dpa)
Youtube nutzen viele junge Menschen / © Monika Skolimowska ( dpa )

Ohrenbetäubend geht der Alarm los: Rote Lichter flimmern über die Gesichter von vier Kosmonauten. Sie fliegen in einer sowjetischen N1-Rakete durch den Weltraum, als ein Fremdkörper die Raumkapsel schwer beschädigt. Jetzt ist Schnelligkeit bei der Reparatur gefragt, denn die Vier wollen unbedingt den Mond erreichen.

Aber eigentlich sitzen die Kosmonauten an einem Tisch in der Schaltzentrale eines früheren E-Werks in Leipzig. Vor ihnen auf dem Tisch lauter Zettel, Würfel und Landkarten. Drei von ihnen sind Redakteure, einer ist ein katholischer Priester. Sie spielen fiktive Charaktere in einem sogenannten Pen and Paper. Die Aufgabe der Spieler bei diesem analogen Videospiel ist es, 1969, im Jahr der ersten Mondlandung, für die Sowjets auf dem Erdtrabanten zu landen.

Bislang vier Events

Das Live-Event produziert funk, das Medienangebot von ARD und ZDF für junge Menschen. Unterstützt wird funk dabei von den beiden großen Kirchen und der Firma Rocket Beans. Insgesamt vier Mal veranstalteten sie bislang solche Events. Mit unterschiedlichen thematischen Settings: die Zeit der Pest, der Erste Weltkrieg, der Westfälische Frieden oder eben die erste Mondlandung.

Sabine Winkler ist funk-Beauftragte der katholischen Kirche. Sie entwickelt zusammen mit ihrem evangelischen Kollegen Thomas Dörken-Kucharz Formate, die die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen ansprechen sollen. Dabei suchen sie ausdrücklich nach unkonventionellen Ansätzen: "Bei funk funktionieren Formate anders als im linearen Programm, deswegen haben wir uns bei dem aktuellen Kooperationsformat für einen spielerischen Ansatz mit Zuschauerinteraktion entschieden."

Die Kirchen sollten bei den Events natürlich vertreten sein, und die Wahl fiel auf Hanno Rother. Der Priester leitet die Jugendburg Gemen, eine Jugendbildungsstätte westlich von Münster. Rocket Beans gab Rother den Spitznamen "Kirchendude". Der ist inzwischen so bekannt, dass er ihn auch für sich selbst übernommen hat und unter "Kirchendude" auf seinen Social-Media-Kanälen zu finden ist.

Rother erzählt, dass die Skepsis der Rocket-Beans- und funk-Fans gegenüber den Kirchen und ihm anfangs sehr groß war. Der Kaplan sagt: "Ich will mit meiner Beteiligung Vorurteile brechen." Dass es solche Formate wie Pen and Paper kirchlicherseits überhaupt gibt, wüssten dort nur wenige. Im Gegensatz zu der Zielgruppe - Jugendliche erkennen ihn häufig. Er wird als der identifiziert, der mit den Rocket Beans Pen and Paper spielt. Diesen Leuten aufzeigen, wie Kirche ist, "das ist für mich echte Verkündigung".

Aber was genau machen Rother und die anderen bei dem Spiel? Bei einem Pen and Paper schlüpfen Spieler in die Haut fiktiver Figuren. Sie bestimmen auf einem vorgegebenen Charakterbogen selbst ihre Stärken und Schwächen. Manche Figuren haben enorme physische Kräfte, während andere besonders pfiffig sind. Ein Spielleiter ist die Schnittstelle zur imaginären Umgebung: Alles, was in der Geschichte passiert, was die Charaktere sehen oder hören, erfahren sie vom Spielleiter.

Wird ein Spieler aktiv, muss der Spieler würfeln, um seine Aktion erfolgreich ausführen zu können. Ist die Augenzahl niedrig, klappt der Plan, ist sie hoch, scheitert er. Mit Gehirnschmalz und etwas Würfelglück kämpfen sich die Spieler so durch ihre Abenteuer. Wichtig ist auch Teamwork, denn alleine bestehen sie ihre Abenteuer kaum. Auf diese Weise schafften es die Kosmonauten auch auf den Mond - wenn auch mit Verlusten.

Produktion läuft nur auf YouTube

So analog der Spielablauf ist, umso digitaler läuft die Übertragung: Die Produktion läuft nur auf YouTube. Für die Zuschauer ist das fünfstündige Live-Event attraktiv, weil sie interaktiv ins Geschehen eingreifen können. Über ein Abstimmungstool, das in den YouTube-Chat integriert ist, können sie mitbestimmen, was als nächstes in der Geschichte passiert. Auch im Nachhinein kann jeder das Video online angucken. Das letzte Pen and Paper sahen im Schnitt 13.000 Menschen live und etwa 430.000 Menschen in Nachhinein.

Winkler zufolge war ein Anreiz für das Format, moralische Fragen aufzuwerfen, bei denen Zuschauer mitdenken können. Außerdem versucht das Planer-Team, immer einen geschichtlichen Bezug und einen Ort zu finden, der mit den Kirchen zu tun hat. Für die Show zum Thema Westfälischer Frieden etwa zogen die Teilnehmer in den Kapitelsaal direkt neben dem Dom in Münster.

"Ich sehe das nicht als klassische Verkündigung", sagt Winkler. Vielmehr sei sie indirekt, indem Werte angesprochen würden. Dass die Pen and Papers in ihrer Zielgruppe erfolgreich sind, zeigen Winkler zufolge die Reaktionen in den sozialen Medien. Die User diskutieren live bei YouTube oder über Twitter mit. "Wir sind sehr zufrieden mit dem Format." Auch deshalb soll es Ende des Jahres ein weiteres Pen and Paper geben. Ähnliche Formate sind in Entwicklung. Welche das genau sind, bleibt natürlich vorerst geheim.

Autor/in:
Maren Breitling
Quelle:
KNA
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