DOMRADIO.DE: 120 Personen waren es vor vier Jahren, die die Initiative #OutInChurch gegründet haben. Wie viele sind es denn heute?
Rainer Teuber (Mitinitiator von #OutInChurch): Wir müssen da unterscheiden. Mittlerweile haben wir einen eingetragenen Verein gegründet, also die Initiative auch in feste Strukturen überführt. Da sind rund 200 Personen inzwischen Mitglied geworden. Nach wie vor gibt es noch ein internes, lockeres Netzwerk von queeren Personen. Das ist eine Initiative, die den Verein unterstützt. Da sind über 600 Personen angemeldet. Mit denen stehen wir im regelmäßigen Austausch.
DOMRADIO.DE: #OutInChurch hat einiges erreicht. Das katholische Arbeitsrecht wurde geändert. Sie haben das als einen katholischen Quantensprung bezeichnet. Warum?
Teuber: Weil diese Änderung des Arbeitsrechtes, welches nun doch deutlich diskriminierungsfreier gestaltet ist, für katholische Verhältnisse sehr, sehr schnell ging. Wir sind am 24. Januar 2022 an die Öffentlichkeit gegangen und bereits im November 2022 ist die neue Grundordnung für den kirchlichen Dienst verabschiedet worden. Für kirchliche Verhältnisse ist das eine Lichtgeschwindigkeit.
DOMRADIO.DE: Ging mit der Änderung des Arbeitsrechtes auch ein Mentalitätswandel in der Kirche einher? Zum Beispiel auch eine Aufarbeitung der Homophobie in der Kirche?
Teuber: In meinen Augen und auch in vielen Augen anderer queerer Personen fehlt dieser Mentalitäts- und Kulturwandel. Denn es bleibt nach wie vor paradox, weil ich auf der einen Seite als schwuler Mitarbeiter für das Bistum Essen mit meiner Arbeitskraft willkommen bin, aber laut Katechismus nach wie vor in ungeordneten Verhältnissen lebe.
Mit meinem homosexuellen Partner lebe ich weiterhin in schwerer Sünde. Der Katechismus lehnt queere Personen nach wie vor ab. Das bleibt schon ein Knackpunkt. Was hat sich also geändert? Bis eine wirkliche Bewusstseinsänderung stattfindet und der von uns auch geforderte Kulturwandel, ist es noch ein weiter Weg.
DOMRADIO.DE: Sie bezweifeln auch, dass die Reform des Arbeitsrechtes auf einem echten Erkenntnisgewinn der Ortsbischöfe beruhe. Wieso das?
Teuber: Wenn die Ortsbischöfe diesen Erkenntnisgewinn aus eigener Kraft erlangt hätten, dann hätten sie das Arbeitsrecht auch ohne #OutInChurch und andere Reformgruppen ändern können. Letztendlich ist es nur dem aufgebauten Druck von außen zu verdanken, dass so schnell gehandelt wurde, weil die Öffentlichkeit im Jahr 2022 auch durch die Kombination mit der ARD-Dokumentation “OutInChurch” über dieses diskriminierende Arbeitsrecht entsetzt gewesen ist. Der Druck der Öffentlichkeit war so groß, dass die Bischöfe gar nicht mehr anders konnten, als das Arbeitsrecht zu ändern.
DOMRADIO.DE: Aber immerhin haben eine große Anzahl von Ortsbischöfen eine Handreichung zu Segensfeiern für homosexuelle Partnerschaften verabschiedet. Sie bezeichnen diese Handreichungen aber als Mogelpackung. Warum?
Teuber: Im März 2023, noch vor dem vatikanischen Papier “fiducia supplicans” (Erklärung des vatikanischen Glaubensdikasteriums von Dezember 2023, die katholischen Priestern erlaubt, auch nicht-liturgische, spontane Segnungen für Paare in "irregulären Situationen" zu spenden, einschließlich homosexueller Paare, ohne deren Lebensführung zu billigen oder die kirchliche Lehre zu Ehe und Sexualität zu ändern, Anm. d. Red.), ist aus dem Synodalen Weg heraus abgeleitet der Arbeitsauftrag ergangen, Formularvorschläge zu erarbeiten, also liturgische Vorschläge für Segnungen von homosexuellen Paaren.
Die Handreichung “Segen gibt der Liebe Kraft” wurde dann 2025 veröffentlicht und bleibt weit hinter den Beschlüssen des Synodalen Weges zurück. Ein liturgisches Formular, wie vom Synodalen Weg gefordert, ist jetzt nicht mehr vorgesehen.
Letztendlich lässt man sowohl die seelsorgenden Personen als auch die Paare, um die es eigentlich geht, allein. Diese Handreichung ist lediglich eine Empfehlung, die bis heute noch nicht in allen 27 Diözesen umgesetzt ist. Da bleibt noch deutlich Luft nach oben.
DOMRADIO.DE: Man muss aber auch den Vatikan und die Perspektive der Weltkirche verstehen. Der Vatikan muss die Weltkirche zusammenhalten. Wir wissen, dass zum Beispiel in Afrika ein Schisma drohen würde, wenn die katholische Kirche homosexuelle Partnerschaften mit heterosexuellen Partnerschaften gleichstellt.
Teuber: Ich sehe dieses Dilemma und ich sehe da auch die große Herausforderung für die Bischöfe, vor der auch der Papst steht. Aber dieses Weltkirchen-Argument ist manchmal auch ein Totschlagargument, weil wir auf die Weltkirche bezogen in einer Ungleichzeitigkeit leben.
Es ist doch ganz klar, dass wir als europäische oder gerade auch als deutsche Katholikinnen und Katholiken andere Fragen an Rom haben als beispielsweise Gesellschaften in Afrika. Wir können doch nicht immer auf die Letzten warten, wenn es um Fortschritte und Reformen geht. Da muss doch irgendjemand vorangehen.
Wir sehen auch an anderen Beispielen, dass es in unterschiedlichen Ländern und auf unterschiedlichen Kontinenten unterschiedliche Regelungen gibt. Deswegen wäre da durchaus mehr möglich gewesen als das, was wir bisher erreicht haben.
DOMRADIO.DE: Wie schätzen sie da Papst Leo XIV. ein? Erwarten Sie von ihm Impulse zur weiteren Anerkennung homosexueller Partnerschaften in der Kirche?
Teuber: Ich habe zunächst eine Menge erwartet und war da auch sehr offen. Aber dann kam eine relativ lange Zeit gar nichts. In dem ersten größeren Interview hat Papst Leo XIV. dann ganz klar zu verstehen gegeben, dass er die Polarisierung in der Kirche, auch in der Weltkirche, nicht weiter vorantreiben möchte. Er hält baldige Änderungen der kirchlichen Lehre zur Sexualität für unwahrscheinlich. Das klingt für mich schon eher nach “Roma locuta, causa finita” (Rom hat gesprochen, der Fall ist erledigt, Anm. d. Red.), als sei die Debatte erst einmal abgeräumt.
Er geht da gleich auch noch einen Schritt weiter und bezieht das Ganze auf das Diakonat der Frau. Die Öffnung der Ämter für alle Geschlechter war auch ein Teil der #OutInChurch-Forderung.
Da gibt es eine Ambivalenz. Leo betont auf der einen Seite, dass natürlich alle Menschen gesegnet werden können. Aber es geht ihm eben nicht um ein Segnungsritual, weil das der Lehre der Kirche widerspräche, wie er sagt. Es bleibt eine pontifikale Unverbindlichkeit, gepaart mit pastoraler Freundlichkeit. Aber das reicht auf Dauer nicht.
Erschreckt hat mich seine Äußerung, man müsse die Entscheidung, die LGBTQ+-Personen getroffen haben, akzeptieren. Queer zu sein oder schwul zu sein, ist doch keine Entscheidung. Das geht wieder weit hinter humanwissenschaftliche Erkenntnisse zurück. Da bin ich sehr gespannt, wie sich das weiterentwickeln wird.
DOMRADIO.DE: Wie erklären Sie sich denn, dass dieses Thema so emotionalisiert ist? Das ist ja nicht die Ur- und Grundbotschaft von Jesus oder der Bibel. Wie erklären sie sich, dass es da so einen Zoff um die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften gibt?
Teuber: Die Fokussierung auf Sexualität, auf Homosexualität, auf Queer-Sein geht ja nicht von den queeren Personen aus, sondern sie geht eigentlich vom römischen Lehramt aus, das sich immer und immer wieder in die Sexualität der Menschen eingemischt hat – nicht nur in die der queeren Personen, sondern auch in die Schlafzimmer von heterosexuellen Paaren, in die es lange Zeit hineinregiert hat.
Ich weiß nicht, woher diese Fixierung kommt, aber es ist ganz klar, dass wir gegen solche Diskriminierungen vorgehen müssen. Alles, was wir erreichen konnten, ist aus einer Selbstermächtigung hervorgegangen. Wir sind Störfaktoren im gesamten Getriebe der katholischen Kirche, weil wir die Deutungshoheit über queere Sexualität nicht mehr den kirchlichen Amtsträgern überlassen.
Wir stören allein schon durch unsere Existenz, da wir als queere Personen das vermeintlich gottgewollte, dieses heteronormative Ordnungsmodell in Frage stellen. Wir stören, wenn wir solche Aussagen aus dem Vatikan als Mogelpackungen entlarven, wenn wir auf logische Brüche hinweisen. Wir stören, wenn die Umdeutungsversuche von Bischöfen zu “fiducia supplicans“ durchkreuzt werden.
Und wir stören auch, wenn wir den Applaus, den man von uns erwartet hat, jetzt gerade nach den Ermöglichungen von einer Art Segnung oder auch nach der Änderung des Arbeitsrechtes, verweigern. Es gibt für uns keinen Grund, dankbar zu sein.
DOMRADIO.DE: Die Initiative #OutInChurch feiert am 24. Januar ihren vierten Geburtstag. Wenn man Geburtstag hat, darf man sich etwas wünschen. Was wünschen Sie sich?
Teuber: Ich wünsche mir, dass die Verantwortungsträger in der katholischen Kirche als Nächstes an die Aufarbeitung der Schuldgeschichte herangehen. Das können die deutschen Bischöfe, auch ohne den Katechismus zu ändern. Sie müssen schauen, wo die systemischen Ursachen liegen. Es wäre mein Wunsch, dass wir gerade mit der Schuldgeschichte in diesem Jahr einen großen Schritt weiterkommen.
Das Interview führte Johannes Schröer.