Ganz Neuss scheint auf den Beinen. Wie eigentlich schon die ganze Woche. Denn das Pontifikalamt mit dem Kölner Erzbischof bildet den feierlichen Schlusspunkt eines einwöchigen Festprogramms rund um das Quirinus-Münster mit regelmäßigen Gebetszeiten, besonders gestalteten Gottesdiensten, Sternwallfahrten, Pilgerwegen und Führungen.
Und so strömen aus allen Stadtteilen und den 20 Gemeinden die Menschen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – an diesem Sonntagabend in die Kirche. Sie wollen dabei sein, wenn am Schrein des Heiligen Quirinus mit dem Entzünden von zwei großen Kerzen ein Gelübde erneuert wird, das auf die Zeit der Belagerung der Stadt in den Jahren 1474/75 durch Karl den Kühnen zurückgeht, als Neuss in großer Not war und auf die Fürsprache von Quirinus wie durch ein Wunder verschont blieb. Seitdem wird er in besonderer Weise als Stadt- und Pfarrpatron von den Neussern verehrt.
Und dass diese damals begonnene Verehrung Jahrhunderte später immer noch nachwirkt – ja, die Menschen an diese lokale Glaubenstradition anknüpfen, sie sich mit ihrem Stadtpatron bis auf den heutigen Tag identifizieren – zeigen die Vielen, die den Abschlussgottesdienst mit Kardinal Woelki mitfeiern.
Bevor sie sich im Anschluss in die lange Prozession um das Gotteshaus einreihen, das Fest liturgisch schließlich mit dem Te Deum ausklingt, es danach auf dem Münsterplatz selbst aber noch lange nicht vorbei ist und sich der Erzbischof und Pfarrer Andreas Süß bei Würstchen, Bier und Blasmusik zu Begegnung und Gespräch unter die zahlreichen Gläubigen aus Nah und Fern mischen.
Über den Heiligen Quirinus eng miteinander verbunden
Die dunklen Wolken hängen tief. Doch die Stimmung vor der Kirche ist heiter, fast ausgelassen. Hier kennt man sich, weiß umeinander. Stadtgesellschaft und Kirche geben sich ein Stelldichein, sind über den Heiligen Quirinus eng miteinander verwoben. Gekommen ist, wer Rang und Namen hat. Oder auch, wer im Haupt- und Ehrenamt zu den tragenden Säulen dieses kirchlichen Gemeindelebens zählt.
Und dann die Unzähligen, die sich einfach nur freuen, dass Kirche noch was los macht und hier im Herzen der Stadt ein großes Gemeinschaftserlebnis von Strahlkraft miteinander geteilt wird, das alle einbezieht.
Quirinus gilt als einer der Märtyrer des frühen Christentums. Allerdings gibt es über das historische Leben des Heiligen kaum gesicherte Fakten. Und dennoch ist seine Wirkungsgeschichte in Liturgie, Kunst und Volksfrömmigkeit bis heute spürbar. Laut einer Überlieferung soll er ein römischer Tribun während der Christenverfolgungen unter Kaiser Hadrian im zweiten Jahrhundert nach Christus gewesen sein.
Dann die Wende: Den römischen Soldaten soll unter anderem die Heilung der Christin Balbina so tief beeindruckt haben, dass er selbst den christlichen Glauben annahm. Später bezahlte er dieses Bekenntnis mit seinem Leben, da er sich weigerte, den heidnischen Göttern Roms zu opfern.
Quirinus wurde enthauptet und vermutlich um das Jahr 130 n. Chr. in Rom bestattet. Laut einer Legende sollen seine Reliquien im 11. Jahrhundert nach Neuss überführt worden sein, was die Stadt zu einem wichtigen Wallfahrtsort für die gesamte Umgebung machte und das Quirinus-Münster, das eigens zur Aufbewahrung seiner Gebeine errichtet wurde und ihm zu Ehren seinen Namen erhielt, zu einer bedeutsamen Pilgerstätte.
Bis ins 21. Jahrhundert stehe Quirinus von Neuss exemplarisch für die frühe Verbindung von römischer Geschichte, christlichem Glauben und regionaler Identität, heißt es.
Wie sehr das Glaubenszeugnis dieses frühchristlichen Märtyrers in die Gegenwart hineinwirkt, sich die Menschen bei ihm bis heute Rat und Kraft für das eigene Leben holen, sie bei ihm Halt und Orientierung finden, versucht auch Kardinal Woelki in seiner Predigt aufzuzeigen.
Berührend zeichnet er das Glaubenszeugnis des Heiligen Quirinus nach, der – so Woelki wörtlich – "bereit gewesen war, alles für Gott zu geben, was er hatte: nämlich das Kostbarste, sein Leben". Um dann die Frage in den Raum zu stellen: Können auch wir wie Quirinus für Jesus Christus unser Leben geben? "Für unsere Kinder würden wir das sicher tun – bis zum Letzten eintreten für etwas, das einen ganz hohen Wert in unserem Leben hat", beantwortete der Kardinal seine eigene Frage.
"Aber für Jesus Christus?" Dieser aber sei dazu bereit gewesen, sein Leben hinzugeben: "für dich und mich", spricht der Gast aus Köln seine Zuhörer direkt an. Und der Heilige Quirinus sei ihm darin ähnlich gewesen, "weil er Jesus von Herzen liebte, ihn kannte und erkannte – wie wir im Tiefsten Menschen erkennen, die wir lieben".
Aus dem Geist des Evangeliums leben
Und wieder fragt Woelki nach: "Ist mir Gott so vertraut, dass ich ihn wirklich erkannt habe?" Oder fehle für dieses Erkennen am Ende nicht doch die letzte Tiefe? "Eigentlich müssten wir uns doch jeden Tag aufmachen, Jesus zu entdecken, ihn in seinen Worten und Taten zu lesen. Und erst, wenn wir zu seinem Kern vorgedrungen sind, seine Identität erkannt haben, haben wir einen Weg gefunden, der uns zu seinem Vater führt."
Woelki mahnt zu einer neuen Jesus-Frömmigkeit und erteilt jeder Form der Halbherzigkeit und Mittelmäßigkeit eine Absage. "Erst wenn wir den Weg mit Jesus mitgehen, die Einladung annehmen, ihm nachzufolgen, werden wir immer wieder neue Seiten an ihm entdecken und", das wiederholt er eindringlich, "den Weg finden, der zum Vater führt. Nur dann können wir überprüfen, ob unser Leben am Evangelium ausgerichtet ist oder lediglich ein humanes Verhalten mit christlichen Zusätzen. Wenn wir anfangen, aus dem Geist des Evangeliums zu leben, können wir immer mehr das Geheimnis erahnen, das in ihm verborgen liegt."
Auch Pfarrer Andreas Süß schlägt im Rückblick auf die Quirinus-Oktav eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. "Das feierliche Erfüllen des Neusser Gelübdes hat uns erneut tief mit unserer Geschichte verbunden", sagt er.
"Wenn die großen Kerzen vor dem Schrein des heiligen Quirinus entzündet werden, dann spüren wir: Wir stehen in einer langen Kette von Glaubenden, die in Not auf Gottes Beistand vertraut haben." Und so sei diese Woche rund um das Quirinus-Münster immer auch "ein lebendiges Zeugnis unseres Glaubens und unserer Gemeinschaft".
Mit "großer Dankbarkeit" und "echter Begeisterung" schaue er auf alles Erlebte. Von einer "Glaubensfeststimmung" spricht der leitende Neusser Seelsorger. "Vom ersten Moment an war spürbar: Diese Oktav trägt. Die Jugendmesse zum Auftakt hat mit ihrer ehrlichen Frage nach der eigenen Berufung viele Herzen berührt. Und beim anschließenden Nightfever wurde unser Münster zu einem Ort der offenen Tür für Menschen aller Generationen. Kerzenlicht, Gespräche, Gebet und stille Momente vor Gott – das alles hat eine Atmosphäre geschaffen, die man nicht planen kann, sondern Geschenk ist."
Hubertus- und Scheibenschützen tragen Quirinus-Schrein
Besonders bewegt habe ihn, erklärt Süß, wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene diese Tage aktiv mitgestaltet hätten. "In den Gottesdiensten mit unseren Kindergärten, Grundschulen und weiterführenden Schulen wurde der Glaube jung, lebendig und voller Freude erfahrbar." Ebenso eindrucksvoll sei die Mitwirkung der Sozialverbände, von Caritas, SKF und SKM sowie des Edith-Stein-Hauses gewesen, "die den Blick für die Menschen am Rand unserer Gesellschaft wachgehalten haben".
Er betont: "Auch die Begegnungen mit der Bürgergesellschaft und der St. Quirinus-Schötzejeselle haben unserer Oktav eine ganz eigene, unverwechselbare Prägung gegeben." Mit "großer Würde und Hingabe" hätten zudem die Hubertus- und Scheibenschützen den Quirinus-Schrein durch die Straßen getragen haben: "ein sichtbares und bewegendes Zeugnis unseres Glaubens mitten in der Stadt".