Mit Grüner Gentechnik gefährdet Mexiko seinen einzigartigen Sortenreichtum

Mythos Mais

Mais und Mexiko - beides gehört seit Jahrtausenden zusammen. Doch seit Kurzem fördert die Regierung vor allem gentechnisch veränderte Sorten. Kritiker sehen das Kulturerbe des Landes in Gefahr. Sie wollen dem Versprechen von weniger Hunger und Armut keinen Glauben schenken.

Autor/in:
Matthias Knecht
 (DR)

Am Fuße des schneebedeckten Popocatepetl blüht eine Bilderbuchlandschaft. 332 Maissorten wachsen im mexikanischen Tlaxcala, in weiß und gelb, blau und rot, orange und schwarz. Der 3.990 Quadratkilometer kleine Bundesstaat östlich der Hauptstadt gehört zu den Regionen, in denen Mexikos Urbevölkerung einst den ersten Mais züchtete. "Selbst der Mensch ist bei uns aus Mais gemacht", sagt Erasmo Aguilar in Anspielung auf alte Sagen. Die Götter waren es demnach, die der Menschheit den Mais schenkten und grausam straften, wer ihm nicht Respekt zollte.

Aguilar ist Ausbilder der Kleinbauernorganisation "Vicente Guerrero". Ihr gelang in Tlaxcala, was unter Mexikos drei Millionen Maisbauern selten ist: die traditionelle Landwirtschaft rentabel zu machen. Mit ursprünglichem Saatgut, Kompost und wechselnden Fruchtfolgen ernten die Bauern vier Tonnen Mais je Hektar, das Doppelte des mexikanischen Durchschnitts. Unterstützt wird die Organisation vom evangelischen Hilfswerk "Brot für die Welt".

Mexikos Regierung verfolgt mit der Förderung von Spitzentechnologie genau das Gegenmodell. 80 Prozent der Agrarsubventionen gehen darum an die Großproduzenten im Norden des Landes. Dort hat das Agrarministerium auch jüngst an zwölf Orten die experimentelle Aussaat von gentechnisch modifiziertem Mais erlaubt.

Immer wieder Monsanto
Treibende Kraft ist der US-Konzern Monsanto, globaler Marktführer bei gentechnisch modifiziertem Saatgut. Bis 2012 will Monsanto kommerziell Genmais in Mexiko anbauen, mit einem Erntewert von 280 Millionen US-Dollar jährlich. Zusätzlich will der Konzern Mexiko zum Saatgutproduzenten für Lateinamerika machen. Denn wenn im Süden Aussaat ist, ist im nordamerikanischen Mexiko Ernte, erläutert Andrés Felix, Konzerndirektor für Mexiko. Um die ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen, will Monsanto in Mexiko 200 Millionen US-Dollar investieren.

Greenpeace versucht derweil verzweifelt, das Land zu mobilisieren. Die Umweltorganisation sieht das Kulturerbe Mexikos in Gefahr. Die weltweit einzigartige Vielfalt an Mais könnte rapide verloren gehen, warnen sie. "Wir hatten Fälle von Verunreinigung, als der Genmais noch illegal war", sagt Aleira Lara, Agrarexpertin der Organisation in Mexiko-Stadt. "Jetzt, wo die Regierung grünes Licht für experimentelle Aussaaten gegeben hat, gibt es keine Möglichkeit mehr, die Verunreinigung aufzuhalten."

Lara wirft der Regierung Verantwortungslosigkeit vor. "Mexiko ist die Wiege des Mais. Er hat in Mexiko dieselbe Bedeutung wie der Weizen in Europa oder Reis in Japan. Europa hat seinen Weizen geschützt. Warum soll Mexiko den transgenen Mais akzeptieren?"

"Das ist ein großer Mythos"
Mexikos Regierung und Monsanto versprechen höhere Erträge und damit weniger Armut und Hunger. Unterstützt sieht sich die Regierung dabei von der Welternährungsorganisation (FAO). Die empfahl im März ausdrücklich die Gentechnik, um den Hunger auf der Welt zu lindern, warnte aber auch vor deren einseitiger Anwendung in Entwicklungsländern.

"Das ist ein großer Mythos", betont Lara von Greenpeace und legt eine jüngst veröffentlichte akribische Dokumentation vor. Nach 20 Jahren Experimenten und 13 Jahren Kommerzialisierung in den USA, dem größten Maisproduzenten, sei es nicht gelungen, den Ertrag transgener Aussaaten signifikant zu erhöhen. "Wir dürfen nicht den Fehler anderer Länder wiederholen."

Auch die Kleinbauerngruppe "Vicente Guerrero" wehrt sich gegen den Genmais. "Das transgene Saatgut wird uns wieder abhängig von den Saatgutkonzernen machen", ist sich Aguilar sicher. "Vor allem aber gefährdet es unsere Vielfalt an traditionellen Sorten. Indem wir diese Vielfalt schützen, wahren wir unsere Identität."

In Mexikos Öffentlichkeit werden Kleinbauern und Greenpeace bisher wenig wahrgenommen. Denn der Großteil der Bevölkerung steht dem Thema Gentechnik gleichgültig gegenüber. "Es fehlt an Information, um eine Verbraucherbewegung wie in Europa auf die Beine zu bringen", klagt Lara. Drastischer formuliert es Aguilar: "Auf dem Land gibt es immer mehr ökologisches Bewusstsein. In den Städten aber nicht. Den Leuten in den Elendsgürteln ist es egal, ob sie gesund essen. Hauptsache, es ist billig."