Mit Gauck geht ein Ausnahme-Bundespräsident

"Wir bleiben gelassenen Mutes"

Bundespräsident Joachim Gauck fällt der Verzicht auf eine zweite Amtszeit schwer - und das zu einem Zeitpunkt, an dem er neue Gefahren für die Demokratie heraufziehen sieht. An diesem Freitag wird er feierlich aus dem Amt verabschiedet.

Standarte des Bundespräsidenten / © Wolfgang Kumm (dpa)
Standarte des Bundespräsidenten / © Wolfgang Kumm ( dpa )

"Es ist, das glaubte ich damals und das glaube ich heute, das beste, das demokratischste Deutschland, das wir jemals hatten." In seiner Mitte Januar gehaltenen "Abschiedsrede" im Berliner Schloss Bellevue blieb Bundespräsident Joachim Gauck dem Grundanliegen seiner Amtszeit treu: der Verteidigung der republikanischen Freiheit gegen Feinde von außen, Demagogen von innen und seiner Warnung vor jener Mischung aus Gleichgültigkeit und Anspruchsdenken, die Teile der Gesellschaft ergriffen haben.

"Demokratie ist Mitgestaltung am eigenen Schicksal"; wer sie "liebt, wird sie schützen" - diese Aussage gehört zum Vermächtnis des Staatsoberhaupts, dessen fünfjährige Amtszeit offiziell an diesem Freitag endet.

Verfechter der Demokratie

Die Liebe zur Demokratie, die er in der Rede rund 40 Mal erwähnte, erwuchs aus der Erfahrung geschenkter Freiheit nach dem Mauerfall. So fällt es ihm auch sichtlich schwer, das Amt zu einem Zeitpunkt zu verlassen, an dem "diesem demokratischen und stabilen Deutschland auch Gefahren drohen": "Die liberale Demokratie und das politische und normative Projekt des Westens, sie stehen unter Beschuss", mahnte er.

Gauck, der am 24. Januar seinen 77. Geburtstag feierte, gestand sich erst nach langem Abwägen ein, dass seine Kräfte für eine zweite Amtszeit nicht reichen könnten. Für viele Beobachter hat er sich rückblickend als Glücksfall erwiesen. Er stellt in vieler Hinsicht eine Ausnahme dar: Er stammt aus der einstigen DDR, gehört keiner Partei an und hatte keine Erfahrung als Berufspolitiker. Er ist verheiratet, lebt aber getrennt mit seiner heutigen Lebensgefährtin Daniela Schadt - die sich, über jede Kritik erhaben, mühelos in die Rolle der First Lady einfand.

Authentisch durch Emotionalität

Zu Gaucks großen Leistungen gehört, dass er dem Amt - nach dem erzwungenen Rücktritt seines Vorgänger Christian Wulff - in kurzer Zeit Würde und Respekt zurückgab. Nun verlässt er es auf dem Höhepunkt seiner Popularität und mit Anerkennung über Parteigrenzen hinweg.

Unter den bisher elf Bundespräsidenten gehört Gauck zu den politischeren. Sein stilsicheres Auftreten und rhetorisches Talent erlaubten dem früheren evangelischen Pfarrer kontroverse Einlassungen, ohne das Amt erneut zu kompromittieren. Unvergessen bleibt, wie er auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise neben dem Lob für die Willkommenskultur die wachsende Sorge vor Überforderung und Kontrollverlust des Staates artikulierte: "Wir wollen helfen, unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten sind endlich."

Das emotionale Auftreten verlieh den Worten Authentizität. Etwa beim Besuch im französischen Oradour-sur-Glane 2013 als erster Bundespräsident. Dort hatte die SS 1944 die gesamte Dorfbevölkerung massakriert. Die Fähigkeit zur Empathie machte Gaucks Bitte um Vergebung ebenso glaubwürdig wie den Zuspruch für Hinterbliebene, ob in Frankreich, Israel oder Polen.

Gauck warnt vor Diktaturen in der Welt

Mit dem Lebensthema der Freiheit verband Gauck die persönlichen Erfahrung unter dem DDR-Regime, und er behielt den sensiblen Blick für alle Opfer von Diktatur und Gewaltherrschaft. Das galt für seine auch zum Abschied wiederholte Warnung vor der "autoritären Herrschaft in Moskau", aber auch für die Bezeichnung des türkischen Massakers an den Armeniern vor rund hundert Jahren als "Völkermord".

Das Staatsoberhaupt verstand sich stets als erster Bürger oder Citoyen - wie er gerne sagte -, jene französische Bezeichnung für den aufgeklärten Staatsbürger, der aktiv und eigenverantwortlich das Gemeinwesen mitgestaltet.

Gelassen bleiben

Gauck entwickelte ein geradezu zivilpastorales Amtsverständnis, bis hinein in die Abschlussformulierung seiner Rede: "Wir bleiben gelassenen Mutes." Seinen christlichen Glauben hat er nie verborgen, das offene Bekenntnis aber hinter dem Amt zurückgenommen.

Die Überzeugung, dass der Glaube eine Haltung stärkt, auf die eine freiheitliche Demokratie angewiesen ist, bekannte er auch in seiner Abschiedsrede: "Was wir ganz besonders brauchen, ist wirksame Prävention durch politische, kulturelle und religiöse Bildung, so dass Menschen gar nicht erst in den Bann von Extremisten gleich welcher Couleur geraten."

Autor/in:
Christoph Scholz
Quelle:
KNA
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