epd: Befürchten Sie, dass die militärischen Auseinandersetzungen die Gräben zwischen den Religionen im Nahen Osten weiter vertiefen?
Romina Elbracht (Projektkoordinatorin bei Missio Aachen): Ich gehe davon aus, dass – wie bereits 2024 – auch jetzt wieder eine Solidarität zwischen unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zu erwarten ist, insbesondere im Libanon.
Viele Menschen unterstützen sich unabhängig von Konfession oder Herkunft. Gleichzeitig führen die aktuellen Fluchtbewegungen – vor allem in christlich und sunnitisch geprägte Viertel und Orte – zwangsläufig zu zusätzlichen Belastungen vor Ort. Wo Ressourcen ohnehin knapp sind, können auch Spannungen entstehen.
Zudem ist zu berücksichtigen, dass nach Einschätzungen vor Ort rund 80 bis 85 Prozent der libanesischen Bevölkerung die Linie der Hisbollah nicht mittragen und in Frieden leben möchten. Die militärischen Auseinandersetzungen erschweren diese jedoch erheblich. Gerade deshalb bleiben interreligiöse Programme und Dialoginitiativen essenziell, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
epd: Sie betreuen für Missio Aachen Projekte im Libanon sowie in Syrien, Irak, Gaza und dem Westjordanland. Inwieweit können diese Projekte vor dem Hintergrund der aktuellen Kriegssituation noch fortgesetzt werden?
Elbracht: Zum jetzigen Stand gibt es keine grundlegenden Einschränkungen bei der Fortführung unserer Projekte. Unsere Partner arbeiten vor Ort, die laufenden Maßnahmen sind derzeit umsetzbar. Wir beobachten die Lage sehr genau. Neue Fluchtbewegungen sind bereits erkennbar.
Nach einem vergleichsweise milden Winter ist im Libanon nun eine Kälteperiode eingetreten. Gerade mit Blick auf die Bekaa-Ebene stellt sich die Frage, welche Straßen witterungsbedingt passierbar bleiben, um Geflüchtete zu erreichen und Hilfsgüter zu transportieren.
Dienstreisen sind teilweise betroffen, eine geplante Projektbegutachtung im Irak nächste Woche wird voraussichtlich nicht stattfinden können. Zudem bleibt abzuwarten, inwieweit eine weitere Eskalation Zahlungswege oder Überweisungen in die Region beeinträchtigen könnte. Es ist davon auszugehen, dass wir unser Angebot kurzfristig um zusätzliche Nothilfe ergänzen werden.
epd: Sehen Sie die Arbeit von Missio in der Region mittel- oder langfristig infrage gestellt?
Elbracht: Unsere Arbeit zielt auf ganzheitliche Unterstützung: psychosoziale Begleitung, Frauenförderung, Bildungs- und Ausbildungsprogramme, Gesundheitsversorgung sowie die Stärkung kirchlicher Sozialstrukturen.
Diese Einrichtungen bilden vielerorts ein gesellschaftliches Rückgrat – gerade vor dem Hintergrund rückläufiger internationaler Unterstützung, etwa durch Kürzungen bei US-Hilfsprogrammen. Infrage gestellt sehen wir unsere Arbeit deshalb nicht - im Gegenteil: Der Bedarf wächst, und kirchliche Partner sind für viele Menschen oft die letzten verlässlichen Anlaufstellen.
Das Interview führte Michael Bosse.