Missbrauchsexperte sieht internationalen Aufklärungsbedarf

"Solche Berichte kommen noch über Jahrzehnte"

Nach der Vorstellung des Münchner Missbrauchsgutachtens ist der Schock in Kirche und Öffentlichkeit groß. Der Bericht ist aber längst nicht der erste. Wie reiht er sich ein in die Aufklärungsbemühungen in Deutschland und international?

Banner mit der Aufschrift "Missbrauch aufklären"  / © Julia Steinbrecht (KNA)
Banner mit der Aufschrift "Missbrauch aufklären" / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: München ist nicht das erste Missbrauchsgutachten. Schlagzeilen kamen die letzten Monate aus Köln, Aachen oder auch Frankreich, wo man sogar von über 300.000 potentiellen Opfern spricht. Sie beraten auch international kirchliche Institutionen. Wie reiht sich da das neue Gutachten aus München ein?

Hans Zollner SJ (Leiter "Institut für Anthropologie - Interdisziplinäre Studien zu Menschenwürde und Sorge für schutzbedürftige Personen" (IADC)): So wie die Anwälte ja gestern selber gesagt haben:. In vielen Dingen sind die Ergebnisse gleich oder sehr ähnlich zu dem, was man aus anderen Berichten kennt. Über die Zahl von Missbrauchstäterm in Proportion zur Gesamtpriesterschaft, in Proportion von Opferzahlen, in einigen anderen Aspekten. Dass zum Beispiel der Höhepunkt der Missbrauchstaten, von denen wir wissen, zwischen 1960 und 1980 stattgefunden hat, dass die Großzahl der Opfer damals Jungen waren. Das ist alles sehr ähnlich oder gleich zu anderen Berichten.

Hans Zollner / © Francesco Pistilli (KNA)
Hans Zollner / © Francesco Pistilli ( KNA )

Die Methode, die eine Anwaltskanzlei natürlich anwenden muss, ist, dass man auf das sogenannte "Hellfeld" blickt, dass man also schaut, wie viele Anklagen gab es, wie viele Verurteilungen gab es und wie viele Opfer haben sich gemeldet. Das ist jetzt ganz anders als in Frankreich. Diese Studie ist bisher einzigartig insofern, als sie eben auch auf das "Dunkelfeld" geschaut hat, also auf die vermutliche Dunkelziffer von Betroffenen, die im kirchlichen Kontext missbraucht wurden, entweder durch Priester oder durch Laienangestellte. Und da sind wir ja alle erschrocken über diese wirklich großen Dimensionen, die aber auch erwartbar waren, wenn man sich die Statistiken von solchen Dunkelfeldern für alle Sektoren der Gesellschaft anschaut.

Dann war natürlich auch sehr ähnlich bzw. gleich das, was die Anwaltskanzlei als Konsequenzen formuliert. Vor allem dieser sogenannte systemische Ansatz und die Frage der Verantwortlichkeit und der Rechenschaftspflicht durch jene, die in der Diözese München und Freising ihre Rollen ausgefüllt haben über die Jahrzehnte hinweg. Und das sieht man auch, dass ein Schwerpunkt der Untersuchung darauf lag, wie diese Personen in den Verantwortlichkeiten, in denen sie standen, nachgekommen sind oder eben nachlässig waren oder sogar Strafen vereitelt haben. Das ist sehr ähnlich.

Natürlich ist der große Unterschied jetzt bei München, dass mit Papst Benedikt XVI., dem früheren Erzbischof von München, Kardinal Ratzinger, eine Persönlichkeit besonders im Fokus des Interesses stand und steht, die eine weltkirchliche Bedeutung hat.

DOMRADIO.DE: Das Münchner Gutachten spricht von den meisten Fällen zwischen 1960 und 1980. Hat denn das Bistum seitdem dazugelernt? Was hat sich verändert im Umgang mit Missbrauch?

Zollner: Die Situation von 1960 oder 1980 ist sehr unterschiedlich zu dem, wie wir heute über sexualisierte Gewalt insgesamt reden, in der Kirche und in der Gesellschaft, das lässt sich wirklich auch für alle Gesellschaften weltweit so sagen. Wir sind heute deutlich mehr sensibilisiert. Wobei man dazu sagen muss, dass auch in Deutschland die Öffentlichkeit erst auf dieses Thema im Januar 2010 kam. Das ist noch nicht so lange her und die Fälle, von denen wir sprechen, sind ja in großer Mehrzahl geschehen, wie gesagt, vor diesem Datum. Oder um es genau zu sagen bis ungefähr ins Jahr 2000 hinein. Dann gehen die Zahlen eigentlich drastisch zurück. Das liegt auch daran, dass man sicherlich mehr über das Thema gesprochen hat, dass mehr dazu auch die öffentlichen Nachrichten kam, dass man eine größere Aufmerksamkeit und Sensibilität entwickelt hat für Betroffene, speziell natürlich auch in der Öffentlichkeit, weniger im kirchlichen Raum. Und dass man sich der Konsequenzen für Betroffene stärker bewusst wurde, also dass die ganzen Traumata, die früher nicht so gesehen und nicht so eingeschätzt wurden, in ihrer Wirkkraft dann deutlicher hervortraten.

Was seit 2010 insgesamt geschehen ist in München und in Deutschland, ist sicherlich eine Stärkung der Präventionsarbeit. Da ist die Kirche auch nach Ausweis von zum Beispiel Herrn Rörig, dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung, wirklich sehr weit vorne.

Missbrauchsgutachten: Schwere Vorwürfe gegen Benedikt XVI. und Kardinal Marx

Das lange erwartete Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München-Freising belastet amtierende und frühere Amtsträger schwer, darunter auch den emeritierten Papst Benedikt XVI.

Joseph Ratzinger habe sich in seiner Amtszeit als Münchner Erzbischof (1977-1982) in vier Fällen fehlerhaft verhalten, heißt es in der am Donnerstag in München vorgestellten Untersuchung der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW). Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, werfen die Anwälte unter anderem vor, sich nicht ausreichend um Fälle sexuellen Missbrauchs gekümmert zu haben.

Münchner Missbrauchsgutachten / © Sven Hoppe/DPA-Pool (KNA)

Was eigentlich erst seit 2019/2020 stattfindet, ist auch die Bemühung um eine mindestens juristische oder juristisch geleitete und kirchenrechtliche Analyse dessen, was über die letzten 70 bis 80 Jahre fast in Deutschland geschehen ist, also das, was man Aufklärung nennen kann, was meines Erachtens nach nur ein Teil dessen ist, was Aufarbeitung meint. Bei Aufarbeitung geht es ja auch darum, dass den Opfern auch viel mehr Raum eingeräumt wird. Das ist jetzt bei dieser Studie zu einem guten Teil geschehen. Und es macht sicherlich auch einen wesentlichen Wert dieses Gutachtens aus, dass man viele Betroffene auch gewinnen konnte, auch über das Erlebte zu sprechen und da auch die Möglichkeit mit eingeräumt wurde, auf die Art und Weise, wie Betroffene mitarbeiten wollten, das auch zu tun.

DOMRADIO.DE: Wie wird das Gutachten im Vatikan aufgenommen? Vom Heiligen Stuhl heißt es, man will sich den Bericht genau anschauen. Nun gibt es ja viele Bistümer weltweit, die solche Berichte abliefern. Ist München da eines oder vielen, oder bekommt es mehr Aufmerksamkeit, weil Benedikt XVI. darin vorkommt?

Zollner: Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich nicht im Vatikan bin und kein Vatikan-Angestellter bin. Ich bin mir sicher, dass es große Aufmerksamkeit erregt hat und dass das auch begleitet wird mit sehr viel Interesse. Ich glaube, dass man bei einem 1.900 seitigen Bericht tatsächlich auch einige Zeit braucht, um das durchzuarbeiten. Ich hoffe, dass die Reaktionen, auch konkretere Reaktionen, in den nächsten Tagen kommen werden. Nachdem was ja gestern schon als Statement kam, sowohl von Papst Benedikt als auch vom Pressebüro des Heiligen Stuhls. Heute früh war Papst Franziskus bei der Glaubenskongregation und hat auch noch mal dort auch diesen Punkt verstärkt, dass wir bei allen Reformen des Kirchenrechts, die wir ja in den letzten Jahren gesehen haben, die zu einer Verschärfung des Kirchenrechts geführt haben, noch nicht am Ende sind. Und dass es auch eben nicht das einzige Element ist, wenn es darum geht, was Aufarbeitung tatsächlich meint.

DOMRADIO.DE: Setzen wir das Gutachten noch in den internationalen Kontext. In Ländern wie den USA, Irland oder Frankreich haben solche Berichte in den letzten Jahrzehnten für großes Aufsehen gesorgt, in anderen Ländern wie Italien oder in Afrika spielt das Thema Missbrauch noch keine große Rolle. Wird es auch dort diese Entwicklung geben?

Zollner: Ja, ich habe seit vielen Jahren gesagt, dass das die gesamte Kirche betrifft und dass solche Berichte auch über Jahre und Jahrzehnte noch kommen werden, weil, wie Sie selber sagen, der Bewusstseinsstand und die Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, in breiten Teilen der Welt noch gar nicht vorhanden ist. Ich habe kürzlich einen Artikel veröffentlicht mit einem Mitbruder aus Afrika über die Situation in Afrika und wir hatten da eine kleine Umfrage gemacht bei Leuten, die in diesem Bereich arbeiten, in verschiedenen afrikanischen Ländern. Bei allen Unterschieden hatten sie alle einen Satz in ihren Rückmeldungen stehen, und der lautete: Über das Thema Sexualität wird in unseren Gesellschaften, in unseren Stämmen, in unseren Regionen, Städten und Dörfern nicht gesprochen. Wenn man über Sexualität in der Öffentlichkeit nicht spricht, dann kann man sich ja vorstellen, wie schwer es ist, über missbräuchliche Sexualität zu sprechen, geschweige denn, wenn es um Missbrauch durch Autoritätsfiguren geht, die in diesen Ländern immer noch eine sehr große Autorität haben. Die Stammeshäuptlinge, wie Politiker oder wie Priester oder andere Kirchenvertreter.

Hans Zollner SJ

"Das ist ein Thema, das die gesamte Kirche betrifft."

Also insofern habe ich immer darauf hingewiesen, dass das ein Thema ist, das die gesamte Kirche betrifft. Ich bin noch immer der Hoffnung, dass sich Bischofskonferenzen und andere, auch Ordensgemeinschaften in anderen Teilen der Welt, ein Beispiel nehmen an dem, was man tun kann. Denn es gibt ja auch positive Beispiele, vor allem auch im Bereich der Prävention. Es ist ja auch etwas, was unser Institut hier an der Gregoriana befördern will und speziell auch abzielt auf Weltgegenden, in denen noch keine kompetenten Personen dafür da sind, dass wir dort Leute auch ausbilden, die dann auch in entsprechender Weise auf Diözesanleitungen nicht nur einwirken können, sondern die auch beraten und dann auch entsprechende Untersuchungen durchführen und vor allem auch dafür sorgen, dass Missbrauch, der jetzt passiert, endet und dass man alles tut, damit in Zukunft dieser Missbrauch sich nicht wiederholt.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.