Missbrauchsbeauftragte Claus fordert besseren Kinderschutz

"Kein Kind kann sich alleine schützen"

Deutschland ist das einzige EU-Land, das eine Missbrauchsbeauftragte hat. Kerstin Claus hat diese Woche mit EU-Botschaftern beraten, wie sich das ändern kann. Sie fordert einen größeren Fokus auf Prävention – auch an deutschen Unis.

Kerstin Claus / © Bernd von Jutrczenka (dpa)
Kerstin Claus / © Bernd von Jutrczenka ( dpa )

DOMRADIO.DE: 2010 wurde Ihr Amt in Deutschland eingerichtet. Missbrauchsskandale gab es auch in anderen europäischen Ländern, von Irland über Frankreich bis nach Polen. Warum gibt es solche Einrichtungen wie Ihre nicht in den anderen EU-Staaten? 

Kerstin Claus (Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs/UBSKM): Deutschland hat hier etwas Einmaliges geschaffen in zweierlei Richtung. Das eine ist die strukturelle politische Verankerung mit einem klaren politischen Auftrag, sich um eine Stärkung von Prävention, aber auch der Intervention, also der Strafverfolgung wie der Unterstützung von betroffenen Kindern und Jugendlichen oder auch der Aufarbeitung zu kümmern. 

Einmalig daneben ist auch, dass Deutschland entschieden hat, sich alle Tatkontexte gleichermaßen anzuschauen, also nicht stehen zu bleiben bei der katholischen Kirche oder anderen Institutionen, sondern auch sexuelle Gewalt in der Vergangenheit, zum Beispiel im größten Risikofeld, nämlich der eigenen Familie, in den Blick zu nehmen. 

 

Königin Silvia von Schweden / © Daniel Karmann (dpa)
Königin Silvia von Schweden / © Daniel Karmann ( dpa )

Europäisch gab es das in Teilen nicht, weil man sich entweder schnell auf Institutionen fokussiert hat und quasi Kommissionen zum Erforschen dieser Institutionen eingerichtet hat. Oder aber, weil es so starke Persönlichkeiten gibt wie in Schweden Königin Silvia, die sich sehr stark macht für den Schutz auch insbesondere von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt. Dann empfindet man das gar nicht als Leerstelle. Das heißt, es sind sehr unterschiedliche Voraussetzungen, warum es europäisch nicht so stark ist. 

Kerstin Claus

"Das Thema Missbrauch ist ressortübergreifend."

DOMRADIO.DE: Darüber haben Sie diese Woche in Rom gesprochen, mit Botschaftern von verschiedenen EU-Staaten. Sie haben Ihre Aufgabe vorgestellt. Welche Aspekte sind da bei den Gesprächspartnern besonders auf Interesse gestoßen? 

Claus: Das war ganz sicher einmal die Frage: Braucht es so eine strukturelle politische Verantwortung und das gemeinsame Verstehen? Das Thema Missbrauch ist ressortübergreifend. Das interessiert den Bereich eines Innenministeriums genauso wie Justiz, wie Familie, wie aber auch zum Beispiel das Gesundheitsministerium, wenn es um die Versorgung von komplex traumatisierten Menschen geht. Das war sehr schnell Konsens.

Bernhard Kotsch, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl / © Paolo Galosi/Romano Siciliani (KNA)
Bernhard Kotsch, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl / © Paolo Galosi/Romano Siciliani ( KNA )

Dann ist tatsächlich die Frage: Wie können wir dafür Räume schaffen oder eine Debatte darüber auslösen? Das auch mit dem Blick, dass dann der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt eine stärkere Stimme im Kontext der Europäischen Union bekäme. 

Insofern bin ich sehr froh, dass der deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl, Herr Dr. Bernard Kotsch, zu diesem Treffen eingeladen hat und so den Sprechraum für diesen Austausch ermöglicht hat. 

DOMRADIO.DE: Dabei ist es ja nicht unbedingt naheliegend, dass das von der deutschen Botschaft am Heiligen Stuhl initiiert wird. Das ist ja noch nicht mal eine EU-Einrichtung. Was steckt dahinter? Was ist das für eine Initiative? 

Hans Zollner / © Francesco Pistilli (KNA)
Hans Zollner / © Francesco Pistilli ( KNA )

Claus: Zum einen war unterstützend Pater Hans Zollner dabei, der ja auch in Rom eine anerkannte Größe ist, aufgrund seiner langjährigen Expertise im Bereich Schutz vor sexueller Gewalt im katholischen Raum. Er leitet in Rom zwei Studiengänge, die ich mir auch angeschaut habe. Das heißt, hier gibt es natürlich auf katholischer Ebene ein Netzwerk. 

Auch wir haben in Deutschland mit Pater Zollner schon vielfältig zusammengearbeitet. Er war auch Mitglied beim Runden Tisch 2010, also dem Auftakt der Bearbeitung des deutschen Missbrauchsskandals. Manchmal braucht man genau solche Netzwerke, um das Thema auf eine gute europäische Ebene zu bringen. 

Der deutsche Botschafter hat auch zugesagt, weiter dranzubleiben und denkt über eine größere Veranstaltung in diesem Themenfeld nach. Das ist immens wichtig, wenn wir uns anschauen, dass Europa zum Beispiel der größte Markt für Missbrauchsdarstellungen, also sexueller Gewalt an Kindern im Bild, in Videos usw. ist. Deswegen braucht es ein starkes europäisches Agieren in diesem Themenfeld. 

Kerstin Claus

"Professionalisierung im Themenfeld Prävention ist immens wichtig."

DOMRADIO.DE: Die Studiengänge an der Gregoriana haben Sie schon erwähnt. Dort wird auf einer universitären Ebene ausgebildet, dass Menschen eine fachliche Kompetenz bekommen. Wie finden Sie denn diese Idee, das explizit als Universitätsstudiengang anzubieten? 

Claus: Professionalisierung im Themenfeld Prävention ist immens wichtig. Viel zu häufig agieren selbst Fachkräfte in einem Spannungsfeld von Hilflosigkeit und Überforderung, wenn es um sexuelle Gewalt geht. Das führt dazu, dass Risikofaktoren nicht erkannt werden, die sexuelle Gewalt ermöglichen, und dass nicht schnell genug und nicht kompetent genug reagiert wird, wenn der Verdacht von sexueller Gewalt im Raum steht. 

Ich arbeite politisch in den letzten Monaten intensiv daran, zumindest für den Bereich der Sozialen Arbeit ein verpflichtendes Modul an den Hochschulen zu initiieren, wo man sich mit Kinderschutz, aber insbesondere auch sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen beschäftigt und professionell aufstellt. Denn das sind die Menschen, die später in Jugendämtern arbeiten. Und hier braucht es diese Professionalisierung. 

Im Idealfall würden wir über ähnliche Studiengänge, wie es dieser Studiengang an der Gregoriana ist, tatsächlich Kompetenzen aufbauen. Verankert bei Personen, die dann auch in Kommunen, in Strukturen das Thema gut voranbringen können. Das ist das, was wir brauchen, um der Hilflosigkeit und auch der Überforderung etwas entgegenzusetzen. 

DOMRADIO.DE: Warum gibt es denn solche Studiengänge eigentlich noch nicht in Deutschland? Es ist ja nicht so, dass es bloß im Bereich der katholischen Kirche diese Präventionskompetenz braucht. 

Claus: Das ist eine gute Frage. Vielfältig haben wir uns im Kinderschutz mit bestimmten Spezifika der Kindeswohlgefährdung beschäftigt. Vielfach wurde zu wenig verstanden, wie sehr sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen auf dem Boden von Täterstrategien möglich wird und dass diese Täterstrategien nicht nur auf das Kind oder den jungen Menschen abzielen, sondern eben auch auf das Umfeld. 

Das ist im Bereich der Kirchen so, dass vielfältig gesagt wurde: "Gerade bei dieser Person hätte ich mir das nie vorstellen können." Gleiches hören wir aus dem Sport. Auch wenn es um den Bereich der Familie oder des sozialen Nahfelds geht, berichten sowohl Betroffene als auch das erwachsene Umfeld immer wieder: "Das war der, der besonders gut mit Kindern konnte. Wäre ich nie auf die Idee gekommen." Das heißt, wir müssen mehr über Täterstrategien wissen und das müssen wir in den Kinderschutz implementieren. Und das sind in Teilen tatsächlich neue Perspektiven. 

Jetzt geht es darum, klarzumachen: Kinderschutz ohne diesen spezifischen Blick wird uns auch in Zukunft nicht gelingen. Kein Kind kann sich alleine schützen. Wir müssen kompetent sein. Deswegen fordere ich solch einen Fokus auch in deutschen Studiengängen. Wenn es sogar einen Studiengang gäbe, der ausschließlich den Bereich Kinderschutz inklusive sexueller Gewalt beleuchten würde, hielte ich das für eine Bereicherung. 

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Das Amt des Missbrauchsbeauftragten

Das Amt des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten sowie den Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch hat die Bundesregierung 2010 eingerichtet. Es war eine Reaktion auf das damals bekannt gewordene Ausmaß des sexuellen Kindesmissbrauchs in Einrichtungen und Institutionen. Das Amt wurde zunächst von der ehemaligen Bundesfamilienministerin Christine Bergmann ausgeübt. Seit Dezember 2011 war Johannes-Wilhelm Rörig Missbrauchsbeauftragter, am 30.03.2022 wurde er von Kerstin Claus abgelöst. (www.bundesregierung.de)

Symbolbild Missbrauch / © somkhana (shutterstock)
Quelle:
DR