Missbrauch durch Priester und Ordensfrauen in Berlin

Betroffene und Zeugen können sich melden

Im Erzbistum Berlin hatte sexuelle Gewalt an Kindern wohl größere Dimensionen als bisher angenommen. In den 1960er-Jahren sollen Priester und Ordensschwestern sexuellen Missbrauch an Kindern gemeinsam geplant und durchgeführt haben.

Autor/in:
Gregor Krumpholz
Leerer Stuhl in einer Kirche / © Harald Oppitz (KNA)
Leerer Stuhl in einer Kirche / © Harald Oppitz ( KNA )

Wie das Erzbistum am Freitag in einer Pressemitteilung erklärte, geht es davon aus, "dass in den 1960er-Jahren Priester und Ordensschwestern in Neukölln und Charlottenburg-Wilmersdorf gemeinsam sexuellen Missbrauch an Kindern planten und durchführten und ein Zusammenhang zwischen bereits veröffentlichten Fällen besteht".

Dies hätten Aussagen von Betroffenen ergeben. Die Beschuldigungen wurden nach Angaben des Erzbistums auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft und der zuständigen Staatsanwaltschaft gemeldet. Wie viele Kinder und Jugendliche demnach betroffen waren, sei noch nicht absehbar.

Bislang zwölf Täter identifiziert

Bisher seien sechs beschuldigte Priester und sechs Ordensschwestern identifiziert worden, so das Erzbistum. Sie seien überwiegend bereits gestorben. Zwei noch lebende, hochbetagte Beschuldigte wurden oder werden laut Erzbistum mit den Vorwürfen konfrontiert.

"Die Beschuldigten kannten sich untereinander und vernetzten sich", heißt es in der Mitteilung. Beteiligt gewesen seien neben Priestern des Erzbistums Berlin auch Ordensfrauen der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau und der Schwestern von der heiligen Elisabeth (graue Schwestern). Sie seien gegenüber den Kindern als Gruppe aufgetreten.

Die neuen Erkenntnisse ergaben sich nach Angaben des Erzbistums, nachdem das Gutachten über Missbrauch durch Priester, Diakone und Ordensmänner auf dem Gebiet des Erzbistums seit 1945 vor zwei Jahren veröffentlicht worden war. Die in kirchlichem Auftrag verfasste Studie der Anwaltskanzlei Redeker Sellner Dahs führt die Fälle von 61 beschuldigten Geistlichen auf. Sie ist mit teilweise geschwärzten Angaben auf der Homepage des Erzbistums abrufbar.

Suche nach Zeugen geht weiter

Nach dessen Angaben wurde durch Veranstaltungen in Pfarrgemeinden und Aussagen Betroffener ein Zusammenhang zwischen den Gutachtenfällen 21, 26 und 27 erkennbar. Darin berichten Betroffene von sexueller Gewalt durch Priester, die als Gemeindepfarrer und Religionslehrer tätig waren, sowie von körperlichen Misshandlungen durch Ordensschwestern.

Erzbischof Heiner Koch (Erzbistum Berlin)

Nach Einschätzung der Gutachter wurden die teilweise damals schon bekannt gewordenen Beschuldigungen von kirchlichen Personalverantwortlichen zumeist nicht überprüft und Vergehen nicht angemessen geahndet.

Das Erzbistum ruft weitere Betroffene sowie Zeugen für mutmaßlichen planvollen Missbrauch auf, sich bei Ansprechpersonen für sexuellen Missbrauch oder bei der Interventionsbeauftragten des Erzbistums zu melden.

Zudem halten Erzbischof Heiner Koch und der Generalvikar des Erzbistums, Pater Manfred Kollig, am 3. Mai ab 18.00 Uhr erneut eine digitale Sprechstunde zum Thema sexualisierte Gewalt sowie zu deren Aufarbeitung und Vorbeugung. Dazu ist eine Anmeldung unter www.erzbistumberlin.de/anmeldung/sprechstunde erforderlich.

Chronik der Missbrauchs-Aufarbeitung bundesweit und in Freiburg

Januar 2010: Der Jesuit Klaus Mertes macht öffentlich, dass es an seiner Schule in Berlin sexualisierte Gewalt und Missbrauch gab - und die Fälle lange verschleiert wurden. Der Skandal löst eine Welle von Enthüllungen in der Kirche und in anderen Institutionen aus.

Februar 2010: Die katholischen Bischöfe bitten bei ihrer Vollversammlung in Freiburg um Entschuldigung. Ein Sonderbeauftragter (Bischof Stephan Ackermann aus Trier) wird benannt, eine Hotline für Betroffene eingerichtet.

Blick auf ein Wandkreuz während der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens im Erzbistum München und Freising / © Sven Hoppe (dpa)
Blick auf ein Wandkreuz während der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens im Erzbistum München und Freising / © Sven Hoppe ( dpa )
Quelle:
KNA