Misereor-Geschäftsführer Bröckelmann-Simon über Eritrea nach dem Friedensabkommen

"Man spürt eine wachsende Ungeduld"

​2018 war ein historisches Jahr für Eritrea. Das Friedensabkommen mit dem Nachbarn Äthiopien bietet neue Perspektiven. Das Hilfswerk Misereor zu Veränderungen und künftigen Herausfordeurngen.

Kind mit den Flaggen von Äthiopien und Eritrea / © Mulugeta Ayene (dpa)
Kind mit den Flaggen von Äthiopien und Eritrea / © Mulugeta Ayene ( dpa )

Katholische Nachrichten-Agentur (KNA): Herr Bröckelmann-Simon, Eritrea und Äthiopien haben 2018 ihre Grenzstreitigkeiten beigelegt und sogar ein Friedensabkommen geschlossen. Wie ist die Stimmung im Land nach der Grenzöffnung?

Martin Bröckelmann-Simon (Geschäftsführer des Hilfswerks Misereor): Aus der Perspektive der Eritreer muss man diesen Friedensschluss schon als etwas Historisches betrachten. Er kam sehr überraschend und hat unglaubliche Freude im Land ausgelöst. Und er hat die Hoffnung geweckt, dass der Grenzöffnung und dem Frieden mit dem Erzfeind tatsächlich weitere Schritte folgen, die auch innenpolitisch einen weitergehenden Wandel einleiten können.

KNA: Sie haben Eritrea kürzlich besucht. Zeigen sich Veränderungen durch die Grenzöffnung?

Bröckelmann-Simon: In Eritrea hat sich materiell manches dadurch zum Positivem verändert. Das Warenangebot ist deutlich ausgeweitet, die Läden sind voll. Das waren sie vor drei Jahren bei meinem letzten Besuch nicht. Zudem sind die Preise deutlich gesunken. Die Versorgung mit Alltagsgütern ist heute viel einfacher möglich. Und auch Familien und Freunde konnten wieder zusammengeführt werden. Das freut die Menschen.

Es gibt aber auch die klare Erwartung, dass noch mehr passiert. Man spürt eine wachsende Ungeduld, weil dies bisher nicht der Fall ist. Außenpolitisch hat sich viel getan und Äthiopien spielt den Motor dafür, geht mit immer wieder neuen Vorschlägen und Ideen voran. Aber innenpolitisch hat sich in Eritrea nichts getan.

KNA: Wie reagieren die Eritreer auf diesen Zustand?

Bröckelmann-Simon: Die äußere Bedrohung, der Krieg mit dem Nachbarn Äthiopien, ist zu Ende. Viele fragen sich daher, warum die Zwangsmaßnahmen, die es deswegen im Land gab - das militarisierte Klima, das immer herrschte - nicht aufgehoben werden. Warum die Menschen weiterhin mit diesem Mangel an Freiheit und diesen Zwangsmaßnahmen leben müssen, wenn es doch eigentlich keine militärische Bedrohung mehr gibt.

KNA: Ist die für die Eritreer überraschende Grenzöffnung mit dem neuen Ministerpräsidenten in Äthiopien in Zusammenhang zu bringen?

Bröckelmann-Simon: Eindeutig ist der auslösende Faktor die politische Veränderung in Äthiopien gewesen. Vorher waren die Fronten zwischen beiden Ländern verhärtet und festgefahren. Mit dem neuen Premierminister Abiy Ahmed in Äthiopien ist sehr viel Bewegung in diese Beziehung gekommen. Durch die Veränderungen ist dieser Frieden erst möglich geworden.

KNA: Was muss denn nun noch geschehen, damit sich die beiden Staaten weiter annähern können?

Bröckelmann-Simon: Es werden dazu immer wieder neue Vorschläge von Seiten Äthiopiens gemacht. Der letzte war, dass Äthiopien, Eritrea und Dschibuti eine Staatenunion bilden könnten mit offenen Grenzen, freiem Warenverkehr, mit einer gemeinsamen Armee, mit gemeinsamen diplomatischen Vertretungen. Also sehr weitreichend. Das würde in der Tat auch in Eritrea vieles verändern. Entscheidend wird sein, dass und wie diese Gedanken auch aufgegriffen werden.

Die Menschen tappen jedoch momentan im Dunkeln, was die Strategien, Ziele und auch das konkrete Handeln ihrer eigenen Regierung angeht. Das macht die Menschen zunehmend unruhig. Das Volk in Eritrea wird im Ungewissen gelassen. Das erzeugt wachsende Unzufriedenheit und Unruhe. Darauf muss man möglichst bald auch eine Antwort geben.

KNA: Viele Eritreer verlassen das Land, fliehen in Nachbarländer oder nach Europa. Was vertreibt die Menschen?

Bröckelmann-Simon: Etwa die Hälfte der Eritreer lebt heute nicht mehr in ihrem Heimatland. Das hatte bislang mit fehlenden Perspektiven und der schwierigen ökonomischen Lage des Landes zu tun, aber auch mit dem Mangel an Freiraum. Als die Grenzen im letzten Sommer geöffnet wurden, sind viele auch nach Äthiopien gegangen, mit der Absicht erst mal nicht wieder zurückzukommen. Sie warten nun ab, was innenpolitisch in ihrer Heimat passiert.

KNA: Welchen Herausforderungen muss sich das Land noch stellen?

Bröckelmann-Simon: Ich sehe eine große Herausforderung für das Land, den Übergang so zu gestalten, dass er nicht in Gewalt und Chaos mündet. Das ist eine reale Gefahr. Man weiß nicht, wie die Regierung auf die Vorschläge, die im Raum stehen, reagiert. Man darf auch nicht vergessen, dass es sich um eine kollektiv traumatisierte Gesellschaft handelt, die seit den 1960er Jahren, seit der Unabhängigkeitskampf für Eritrea begann, eigentlich nur Gewalt und eine Militarisierung aller Beziehungen kannte. Zum ersten Mal ist jetzt offiziell Frieden erklärt worden im vergangenen Sommer.

Aber diese Militarisierung und das damit verbundene Misstrauen gegenüber anderen haben sich über verschiedene Generationen hinweg in die sozialen Beziehungen hineingefressen. Es geht jetzt darum, einen Versöhnungsprozess zu gestalten, damit Vertrauen wieder wächst, das die Gesellschaft auch stabilisieren kann. Da können die Religionen, die Kirchen, die katholische Kirche eine wichtige Rolle spielen. Und es gibt weiterhin die reale Bedrohung des Landes durch den fortschreitenden Klimawandel am gesamten Horn von Afrika mit immer häufigeren Dürrekatastrophen.

 Martin Bröckelmann-Simon / © Wolfgang Radtke (KNA)
Martin Bröckelmann-Simon / © Wolfgang Radtke ( KNA )
Autor/in:
Lisa Konstantinidis
Quelle:
KNA