Militärbischofsamt zum Weißbuch der Bundesregierung

Ethische Soldatenausbildung

Wie definiert Deutschland seine Sicherheitspolitik? Antworten gibt das sogenannte Weißbuch der Bundesregierung, das diese Woche erschienen ist. Neben der Flüchtlingshilfe steht auch die ethische Ausbildung der Soldaten im Fokus.

Bundeswehrsoldaten / © Maurizio Gambarini (dpa)
Bundeswehrsoldaten / © Maurizio Gambarini ( dpa )

domradio.de: Was hat sich in den letzten zehn Jahren geändert, seit das letzte Weißbuch erschienen ist?

Monsignore Reinhold Bartmann (Leiter des katholischen Militärbischofsamtes in Berlin): Wir alle spüren, erfahren und sehen, gleich an welcher Stelle wir im Alltag stehen, was in der Welt vor sich geht. Wir sehen leider, dass es an vielen Orten und in vielen Regionen zu Konflikten kommt, die ganz unterschiedliche Ursachen haben. Die Welt ist in Unruhe. Es gibt Gewalt. Es gibt durch Gewalt hervorgerufene Katastrophen, die für viele Menschen zu Hunger und Elend führen. Wir sehen aber auch durch die Bilder, die uns erreichen, dass sich Menschen aus unterschiedlichen Gründen auf den Weg machen, um ihre persönliche Lebenssituation zu verbessern oder gar das nackte Leben zu sichern. Wir sehen auch, dass es im engsten Umfeld unseres Landes zu Konflikten und Auseinandersetzungen kommt.

domradio.de: Wo?

Bartmann: Man denke nur an die Ukraine. So ist, denke ich, für jeden nachvollziehbar, dass sich in den letzten zehn Jahren sehr viel verändert hat. Wenn wir es auf einen ganz einfachen Fakt herunterbrechen, dann gab es vor zehn Jahren bei uns in Deutschland noch die Wehrpflicht. Die haben wir nun auch nicht mehr. Deshalb ist es aus meiner Sicht gut, dass als Grundlagendokument deutscher Sicherheitspolitik dieses neue Weißbuch veröffentlicht wurde.

domradio.de: Wie schätzen Sie denn die versuchten Antworten und Perspektiven ein, die auf die Veränderungen in der Welt gegeben werden?

Bartmann: Das neue Weißbuch stellt aus meiner Sicht zunächst einmal klar, was die sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands sind. Damit wird auch deutlich, dass es nicht nur um die Zukunft und die Ausrichtung der Bundeswehr geht, sondern um die Frage, was Deutschland als seine Aufgabe betrachtet. Da ist eindeutig festgeschrieben, dass sich Deutschland für alle Fragen verantwortlich sieht, die in Zusammenhang mit Sicherheit in dieser Welt derzeit auf der Tagesordnung stehen. Deutschland möchte dieser Verantwortung gerecht werden. Es möchte gegebenenfalls auch Verantwortung zur Lösung von Fragen und Konflikten übernehmen, um so einen Beitrag für die Weltgemeinschaft zu leisten. Dies ist natürlich ein Zusammenspiel aller, die am Kabinettstisch mit der Bundeswehr dieses Weißbuch beschlossen haben.

domradio.de: Sie persönlich kommen beim Stichwort "Militärseelsorge" ins Spiel. Welche Effekte und Auswirkungen hat das, was in dem Weißbuch steht und als Auftrag formuliert ist, für Ihre Arbeit?

Bartmann: Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass sich der Auftrag und das Anliegen der Militärseelsorge durch das neue Weißbuch nicht ändert. Wir werden weiterhin versuchen im Rahmen der inneren Führung die Soldaten ethisch zu bilden. Das ist im übrigen im Weißbuch auch ganz klar festgeschrieben. Denn Soldaten brauchen, um ihren Beruf bei internationalen Konflikten oder im Alltag auszuüben, ein festes ethisches Fundament. Darin möchte die Militärseelsorge wie bisher durch das Erteilen des lebenskundlichen Unterrichts auch ihren Beitrag leisten. Zum anderen wird die Militärseelsorge die Soldaten auch weiterhin bei den Einsätzen im Inland und Ausland seelsorglich begleiten. Zudem wird sich Militärseelsorge auch weiter engagieren und um die Soldaten und deren Familien kümmern, die besonders belastet sind.

domradio.de: Es gibt ja auch Stimmen von den Grünen, die danach verlangen, im Mittelmeer zivile Seenotrettung ins Spiel zu bringen und anregen, dass die Bundeswehr in diesem Fall ein wenig zurücktritt. Wie blicken Sie auf die derzeitige Rolle der Bundeswehr in der Flüchtlingskrise?

Bartmann: Die Flüchtlingskrise, die im Herbst vergangenen Jahres für jeden an unseren Grenzen und in unserem Land sichtbar geworden ist, hat gezeigt, dass die Bundeswehr in diesen Fällen helfen kann, wenn sie gerufen wird. Sie hat es in Aufnahmelagern, bei der Unterstützung anderer staatlicher und nicht-staatlicher Institutionen getan, so dass der Beitrag der Bundeswehr hier im Inland geleistet wurde. Die Bundeswehr leistet auch bei der Flüchtlingshilfe im Mittelmeer, in der Seenotrettung und in der Schlepperbekämpfung ihren Dienst. Wenn zivile Hilfsorganisationen ebenfalls die Seenotrettung tatkräftig unterstützen, sehe ich hier kein Ausschlusskriterium. Die Bundeswehr wird ihren Beitrag leisten. Wenn andere diesen Beitrag auch leisten oder sogar einen Beitrag der Bundeswehr überflüssig machen könnten, ist dem nichts zu entgegnen.

Das Interview führte Daniel Hauser.


Monsignore Reinhold Bartmann / © Markus Nowak (KNA)
Monsignore Reinhold Bartmann / © Markus Nowak ( KNA )

Bischof Overbeck mit Militärseelsorgern / © KS / Doreen Bierdel
Bischof Overbeck mit Militärseelsorgern / © KS / Doreen Bierdel
Quelle:
DR