Mertes lobt Aufarbeitung durch historische Gutachten

Besser als juristische Untersuchungen

Jesuitenpater Klaus Mertes findet historische Gutachten zum Missbrauch in der Kirche besser als juristische Untersuchungen. Rechtliche Gutachten wie in den Erzbistümern München und Köln seien eher problematisch, findet Mertes.

Pater Klaus Mertes / © Julia Steinbrecht (KNA)
Pater Klaus Mertes / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Sie seien nur "ein erster Schritt, ein Beweismittel für eine Urteilsfindung", sagte Mertes dem Online-Portal kirche-und-leben.de aus Münster.

Die vom Bistum Münster gewählte "historische Rekonstruktion" weite dagegen über das individuelle Versagen von Verantwortlichen hinaus "stärker den Blick auf die systemischen, gesellschaftlichen, kulturellen Kontexte, in denen Versagen, mangelndes Problembewusstsein oder schuldhaftes Wegsehen und Strafvereitelung stattgefunden haben".

Studie in Münster wird demnächst veröffentlicht

Mertes, der 2010 als damaliger Leiter des Canisius-Kollegs in Berlin wesentlich den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche bekannt gemacht hatte, äußerte sich wenige Tage vor Veröffentlichung einer Aufarbeitungsstudie zu sexuellem Missbrauch im Bistum Münster. Die Studie wird am Montag von Forschenden der Universität Münster präsentiert. Die Diözese hatte die am 1. Oktober 2019 begonnene Untersuchung in Auftrag gegeben. 

Pater Klaus Mertes

Pater Klaus Mertes machte 2010 als damaliger Schulleiter des Berliner Canisius-Kollegs einen Missbrauchsskandal öffentlich. Dies löste in Folge eine große Debatte über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche aus und führte zur Aufdeckung weiterer Fälle auch in nichtkirchlichen Einrichtungen. Er engagierte sich in der Folgezeit dafür, dass Missbrauch in Kirchen und anderen Einrichtungen aufgearbeitet wird und präventive Maßnahmen ergriffen werden. 

Pater Klaus Mertes / © Gordon Welters (KNA)
Pater Klaus Mertes / © Gordon Welters ( KNA )

Laut Mertes hat bereits das Zwischenergebnis der Münsteraner Studie im Dezember 2020 darauf hingewiesen, dass es Vertuschung von sexuellem Missbrauch durch Kleriker nicht nur in den Bistumsleitungen, sondern auch in Gemeinden und in der staatlichen Strafverfolgung gegeben habe.

Mertes wirbt für Reformen in der Kirche

Im Missbrauchskomplex am Berliner Canisiuskolleg habe der Haupttäter sadistische Prügelstrafen auf den nackten Hintern praktiziert und bei allen Schülern ganz selbstverständlich den Spitznamen "Pater Pavian" gehabt. "Alle wissen etwas", betonte Mertes. "Und selbst wenn das jemand begründet abstreitet, kann das dennoch nicht die Legitimation dafür sein zu meinen, man hätte nichts damit zu tun."

Symbolbild Missbrauch: Teddybär in einer Kirchenbank / © Harald Oppitz (KNA)
Symbolbild Missbrauch: Teddybär in einer Kirchenbank / © Harald Oppitz ( KNA )

Nach den Worten des Jesuiten bedarf es auch unabhängig der Missbrauchsfälle Reformen in der Kirche. Die katholische Sexualmoral sei mit Blick auf Homosexualität auch dann diskriminierend, wenn es keinen Missbrauch gäbe. Dies gelte auch für die Einführung einer disziplinarischen Verwaltungsgerichtsbarkeit, da Institutionsversagen nie auszuschließen sei.

Und die Stellung der Frau in der Kirche sei keine funktionale Frage im Missbrauchs- und Macht-Komplex, zumal es auch sexualisierte Gewalt durch Frauen gebe. "Die Gleichstellung von Mann und Frau hängt schlichtweg mit der gleichen Würde von Mann und Frau zusammen", sagte der Jesuit.

Missbrauchsgutachten im Bistum Münster wird für Juni erwartet

Die Historikerkommission der Universität Münster, die seit September 2019 den Umgang mit Missbrauchsfällen im Bistum Münster untersucht, wird voraussichtlich im Juni ihren Bericht vorlegen. Das kündigte Bischof Felix Genn nach Angaben des Bistums am Freitagabend auf der Sitzung des Diözesanrates an. Er betonte, dass die Kommission völlig unabhängig arbeite und "freien Zugang zu allen Akten hat, die sie einsehen will". Auch er selbst werde erst bei der Vorlage des Berichts die Ergebnisse der Untersuchung erfahren, sagte Genn.

Symbolbild Missbrauch / © Harald Oppitz (KNA)
Symbolbild Missbrauch / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
KNA