Menschenrechtslage in der Elfenbeinküste

Langer Weg zum Frieden

An diesem Mittwoch jährt sich der Sieg von Staatspräsident Ouattara über den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Gbagbo in der Elfenbeinküste zum zweiten Mal. Die anschließende massive Gewalt hat sich inzwischen gelegt. Doch der Weg zum Frieden ist lang, und die größte Bedrohung für die Stabilität könnte von innen kommen: in Gestalt der eigenen Armee.

Autor/in:
Markus Schönherr
 (DR)

Nach Einschätzung der International Crisis Group (ICG) handelt es sich bei den Streitkräften um eine tickende Zeitbombe. Die Organisation veröffentlichte zu Wochenbeginn ihren Bericht "Cote d"Ivoire: Spannungen abbauen", laut dem das Militär tief gespalten ist. Auf der einen Seite stehen jene Soldaten, die dem ehemaligen Gbagbo-Regime Treue geschworen hatten, und auf der anderen Seite ehemalige Rebellen, die verschiedenen Ideologien anhängen. "Die Überzahl der Letzteren bildet ein großes Hindernis für eine richtige Versöhnung", sagt Gilles Yabi, Westafrika-Direktor der ICG. Berichte von Menschenrechtsvergehen der Armee hätten gezeigt, wie wenig Fortschritte es bislang gebe.



Im November 2010, als Gbagbo gegen Oppositionsführer Ouattara verlor, bestätigten internationale Wahlbeobachter seine Niederlage. Gbagbos Weigerung zurückzutreten führte jedoch zu einem Blutbad, das über Monate 3.000 Menschenleben forderte. Im April 2011 wurde Gbagbo festgenommen und später an den Haager Internationalen Strafgerichtshof ausgeliefert, wo er sich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verantworten soll. Tausende seiner Unterstützer flüchteten ins Ausland. Seitdem findet die Elfenbeinküste langsam zur Ruhe. Anschläge und Kämpfe zwischen den politischen Lagern zeigen jedoch, wie unausgereift die Versöhnung noch ist.



Viele fliehen nach Ghana

Kürzlich beschuldigte auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) die Armee Dutzender Menschenrechtsvergehen. "Razzien in Restaurants, Busstationen und Privatwohnungen" seien an der Tagesordnung. Im Visier habe der rebellische Teil der Armee vor allem Gbagbo-Anhänger. HRW berichtet von Festnahmen, bei denen die Gefangenen "geschlagen, ausgeraubt und in überfüllte Zellen gedrängt" würden.



Viele Unterstützer des früheren Präsidenten flohen nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen nach Ghana. Das Ghana Refugee Board zählt rund 1.000 von ihnen allein in der Hauptstadt Accra. Die meisten Ivorer in Ghana leben als "urbane Flüchtlinge" außerhalb der Flüchtlingscamps. In den vergangenen Monaten berichteten afrikanische Medien jedoch, dass sie zunehmend auch in Lager an der Grenze strömten.



Immer wichtiger werdende Jäger

Menschenrechtsorganisationen beschuldigen radikale Gbagbo-Treue, Unterstützer zu suchen, mit denen sie die Rebellion in ihrer Heimat fortführen wollten. 43 von ihnen nahmen die ghanaischen Sicherheitskräfte im Oktober fest, als sie Flüchtlingslager durchsuchten. Die ivorische Regierung lastet den Exil-Partisanen an, seit August mindestens zehn Anschläge auf Polizei- und Militärstützpunkte in der Elfenbeinküste verübt zu haben. Mehrere Soldaten kamen dabei ums Leben.



Noch komplizierter werde das angespannte Verhältnis durch sogenannte Dozos, berichtet die ICG. Diese traditionellen Jäger stammen aus verschiedenen Ethnien in Westafrika. In der Elfenbeinküste spielten sie in den vergangenen 50 Jahren eine zunehmend politische Rolle.



Früher wurden Dozos mystifiziert; die Bevölkerung schrieb ihnen besondere Stärke und Weisheit zu. Dieses Bild erlosch spätestens, als sich in Mali 22.000 traditionelle Jäger in einer Art Gewerkschaft zusammenfanden. Hoch geschätzt für ihre kämpferischen Fähigkeiten, wurden Dozos im Bürgerkrieg, der von 2002 bis 2007 in der Elfenbeinküste wütete, als Söldner angeheuert. Spätere Präsidenten, darunter Gbagbo, versuchten bis heute vergebens, die Kämpfer zu entmachten.