Teilhabe und Selbstbestimmung in der Altenpflege

Mehr als "satt und sauber"

Wie viel Platz ist im durchgetakteten Alltag eines Pflegeheimes für individuelle Wünsche der Bewohner? Die Caritas im Erzbistum Köln hat das untersucht. Das Ergebnis: Die alten Menschen sind zufriedener - und die Pfleger auch.

Maria Matthey im Wohnhaus An St. Georg, Köln / © Rottscheidt (DR)
Maria Matthey im Wohnhaus An St. Georg, Köln / © Rottscheidt ( DR )

Wie ein Verkaufsraum sieht der Eingang des Altenpflegeheimes "An St. Georg in Köln" aus: Regale mit Schuhen reihen sich aneinander. Gemächlich schlendert Maria Matthey mit ihrem Rollator daran vorbei; ab und zu angelt sie sich einen Schuh heraus, schaut ihn sich näher an, biegt prüfend die Sohle. Die Frisur und Schuhe: Das sei ihr als junge Frau immer wichtig gewesen, sagt die 83-Jährige und lacht. Aber heute müssten die Schuhe nicht mehr so schick sein, fügt sie hinzu, eher bequem. Darum ist sie froh, dass im Wohnhaus an St. Georg in Köln regelmäßig ein mobiler Schuhändler vorbeischaut. "Das ist schon sehr praktisch, hier findet man immer etwas", sagt sie.

Kleine Freiheiten und individuelle Wünsche sind ganz wichtig im durchorganisierten Alltag des Pflegeheimes: So dürfen die Bewohner beispielsweise ihre Zimmer mit ihren privaten Dingen einrichten, die Aufsteh- und Zubettgehzeiten sind flexibel, wer Geburtstag hat, darf sich ein Menü wünschen. Teilhabe und Selbstbestimmung seien schließlich Menschenrechte, sagt die Einrichtungsleiterin Anna Christine Wagner: "Und die gelten auch für alte oder kranke Menschen!"

Funktioniert Teilhabe in der Altenpflege?

Wie das in die Arbeitsabläufe von Pflegeeinrichtungen integriert werden kann, hat die Caritas im Erzbistum Köln jetzt in Zusammenarbeit mit der Hochschule Düsseldorf ermittelt: "STAP" ist der Titel des Projektes, er steht für "Selbstbestimmt teilhaben in Altenpflegeeinrichtungen". Immer noch gibt es das Image vom "satt und sauber" – dem wolle man entgegenarbeiten, erklärt Helene Maqua, Leiterin der Abteilung Gesundheits-, Alten- und Behindertenhilfe im Dözesancaritasverband. "Unsere Bewohner entscheiden selbst, wann sie aufstehen und gepflegt werden, an welchen Aktivitäten sie teilnehmen und mit wem sie Kontakt haben – so wie im ganz normalen Leben", erklärt sie. Personeller Mehraufwand sei das nicht, es verlange nur eine andere Organisation. Und die Ergebnisse seien positiv, so Helene Maqua: "Die Bewohner sind zufriedener und das Pflegepersonal ist es auch." Als Ergebnis hat die Caritas ein so genanntes "Musterrahmenkonzept" erstellt: Einen Leitfaden, mit 151 Kriterien für Selbstbestimmung und Teilhabe, der jetzt in allen katholischen Altenhilfeeinrichtungen im Erzbistum Köln ausgegeben wird.

Bedürfnisse oder Bedarfe?

Die finanzielle Unterstützung kam von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW. Das Projekt mache deutlich, dass es einen Unterschied zwischen objektiv festgelegten Bedarfen und Bedürfnissen gebe, erklärt der Referent Stefan Juchems: "Es gibt einen objektiven Bedarf, dass der Hunger gestillt wird, das ist eine definierte Kalorienzahl. Die sagt aber nichts über meine Bedürfnisse aus, wenn ich zum Beispiel heute Lust auf Pizza habe", erklärt er. "Da müssen wir sensibler werden und schauen, was sich die Menschen wünschen, denn das ist letzten Endes das Kriterium, dass es ihnen gut geht." Mehr auf die Bedürfnisse der Bewohner eingehen - darum bemüht man sich im Wohnhaus "An St. Georg in Köln" schon lange. Das macht die Bewohner zufriedener und Pflegerinnen und Pfleger auch - denn die leiden häufig darunter, nicht genug Zeit für den Menschen zu haben. Maria Matthey fühlt sich auf jeden Fall wohl im Wohnhaus "An St. Georg". Und passende Schuhe hat sie an diesem Mittag auch gefunden.

Helene Maqua, Altenhilfe der Caritas im Erzbistum Köln / © Rottscheidt (DR)
Helene Maqua, Altenhilfe der Caritas im Erzbistum Köln / © Rottscheidt ( DR )
Quelle:
DR
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