WunderBar

Manchmal wird nicht alles gut. Sondern besser

Stell Dir vor, unsere Kleine hat eine Arbeit. Draußen, im Grünen, mit Tieren im Streichelzoo. Unglaublich.

Michaela und Natalie Dedreux mit Bundeskanzlerin Angela Merkel / © Oliver Berg (dpa)
Michaela und Natalie Dedreux mit Bundeskanzlerin Angela Merkel / © Oliver Berg ( dpa )

Als ein Freund von mir letztes Jahr im Lockdown seinen runden Geburtstag nicht feiern konnte, verabreden wir uns beim kurzen Geburtstagsanruf zu einem ausführlichen Telefonat.

Indem der Freund aufgeregt und glücklich erzählte, dass seine Jüngste Arbeit habe. Draußen, im Grünen, mit Tieren im Streichelzoo.

Ich bin bewegt, weiß ich doch schon seit zwei Jahrzehnten um die große Sorge, was aus dem Baby mit Downsyndrom als Erwachsene wohl werden wird.

Ich frage, ob ich diese wunderbare Geschichte in meiner Kolumne „WunderBar“ erzählen dürfe?

Der Freund zögert. Es sei alles noch so frisch. Gerne im nächsten Jahr, wenn dann alles immer noch so gut laufe.

Als ich dem Freund gerade wieder gratuliere, will ich natürlich wissen, wie es seiner Kleinen geht. Der stolze Papa strahlt immer noch durchs Telefon.

Jetzt bekomme ich die Freigabe der Geschichte, gemeinsam lassen wir noch mal alles Revue passieren.

Die Geburt der Jüngsten. Beide Eltern waren sich immer einig: Wir wollen keine Tests, wir nehmen alle unsere Kinder, wie sie sind.

Mit viel Aufwand gelingt der Mutter, das Kind zu stillen. Sogar lange zu stillen.

Mit viel Aufwand überzeugten die Eltern einen normalen Kindergarten zur Aufnahme der Kleinen.

Lange lastete das Thema Schule auf den Eltern. Die Heilpädagogische Wunschschule in der Nähe hatte wenig Plätze. Dafür Berge von Bewerbungen. Zur Sicherheit engagierte sich der Vater bei einer Schulgründung.

Den Tag, als überraschend doch die Wunschschule zusagte, begeht die Familie bis heute als kleinen Feiertag.

Blieb die Sorge um die Zukunft. Die Eltern fürchteten sich vor einer stupiden, dumpfen Werkstattarbeit, wie sie sie in ihrem Umfeld mitbekamen. Träumten von einem Platz auf einem Hof, auf dem die Jüngste unkompliziert mit anpacken und leben kann.

Die Eltern träumten von einem 6er im Lotto.

Dann recherchieren die Eltern, dass Werkstätten sogenannte Außenarbeitsplätze haben können. Und finden genauso eine Arbeit bei einem Gärtner mit Streichelzoo. Die junge Frau macht ein Praktikum dort. Und überzeugt.

Seit über einem Jahr arbeitet sie jetzt draußen, hat Kontakt mit Tieren, das Team holt sie zur Weihnachtsfeier ab und ihr Chef ist hochzufrieden.

Den 6er im Lotto hat die junge Frau also ausgerechnet durch einen Arbeitsplatz in den von den so engagierten Eltern so lange, so gefürchteten Werkstätten gefunden.

Wie ironisch. Und wie wunderbar.

 

Natalie Dedreux nach einer Pressekonferenz zum Thema Bluttests auf Down Syndrom / © Britta Pedersen (dpa)
Natalie Dedreux nach einer Pressekonferenz zum Thema Bluttests auf Down Syndrom / © Britta Pedersen ( dpa )