75 Jahre Kriegsende: Steinmeier warnt vor neuem Nationalismus

"Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben"

​Am 75. Jahrestag des Kriegsendes hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an die Opfer erinnert und zum Widerstand gegen neuen Nationalismus aufgerufen. Der geplante Staatsakt mit über 1.500 Gästen fiel wegen der Corona-Pandemie aus. 

Kranzniederlegung zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs / © Hannibal Hanschke (dpa)
Kranzniederlegung zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs / © Hannibal Hanschke ( dpa )

"Der 8. Mai 1945 war das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, das Ende von Bombennächten und Todesmärschen, das Ende beispielloser deutscher Verbrechen und des Zivilisationsbruchs der Schoah", sagte Steinmeier am Freitag bei der zentralen Gedenkveranstaltung in Berlin. Es sei "ein Tag der Befreiung" gewesen. Zugleich erinnerte er auch an Hunger, Flucht, Gewalt und Vertreibung, die noch lebende Deutsche "als Kinder durchlitten".

"Damals wurden wir befreit, heute müssen wir uns selbst befreien", mahnte der Bundespräsident: "Von der Versuchung eines neuen Nationalismus, von der Faszination des Autoritären, von Misstrauen, Abschottung und Feindseligkeit zwischen den Nationen. Von Hass und Hetze, von Fremdenfeindlichkeit und Demokratieverachtung - denn sie sind doch nichts anderes als die bösen alten Geister in neuem Gewand."  Das Staatsoberhaupt erinnerte auch "an die Opfer von Hanau, von Halle und von Kassel. Sie sind durch Corona nicht vergessen."

Keine "innere Befreiung" geleistet

Die deutsche Geschichte sei eine gebrochene Geschichte mit der Verantwortung für millionenfachen Mord und millionenfaches Leid, führte Steinmeier weiter aus. "Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben", betonte er: "Wer das nicht erträgt, wer einen Schlussstrich fordert, der verdrängt nicht nur die Katastrophe von Krieg und NS-Diktatur. Der entwertet auch all das Gute, das wir seither errungen haben - der verleugnet sogar den Wesenskern unserer Demokratie."

Der Bundespräsident dankte den früheren Kriegsgegnern für die Befreiung vom Nationalsozialismus. "Sie musste von außen kommen - so tief war diese Land verstrickt in sein eigenes Unheil, in seine Schuld." Doch auch die Deutschen selbst hätten eine "innere Befreiung" geleistet. "Sie war ein langer, ein schmerzhafter Weg. Aufarbeitung und Aufklärung über Mitwisserschaft und Mittäterschaft, quälende Fragen in den Familien und zwischen den Generationen, der Kampf gegen das Verschweigen und Verdrängen."

Staatsakt wegen Corona-Pandemie abgesagt

"Nur weil wir Deutsche unserer Geschichte ins Auge sehen, weil wir die historische Verantwortung annehmen, haben die Völker der Welt unserem Land neues Vertrauen geschenkt", so Steinmeier. Er rief die Deutschen auf, sich für die Einigung Europas einzusetzen: "Wenn wir Europa, auch in und nach dieser Pandemie, nicht zusammenhalten, dann erweisen wir uns des 8. Mai nicht als würdig."

Steinmeier sprach bei der Zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, der Neuen Wache Unter den Linden, vor Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundesratspräsident Dietmar Woidke (SPD) sowie dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. Ursprünglich war ein Staatsakt mit über 1.500 Gästen vor dem Reichstagsgebäude geplant, der wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde.


Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede während der Kranzniederlegung / © Hannibal Hanschke (dpa)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede während der Kranzniederlegung / © Hannibal Hanschke ( dpa )

Zentrale Gedenkstätte "Neue Wache" der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft / © Hannibal Hanschke (dpa)
Zentrale Gedenkstätte "Neue Wache" der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft / © Hannibal Hanschke ( dpa )

Kranzniederlegung in Berlin zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs / © Hannibal Hanschke (dpa)
Kranzniederlegung in Berlin zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs / © Hannibal Hanschke ( dpa )
Quelle:
KNA