Kinder im Sahel ohne Zukunft

Mädchen und Jungen leiden besonders

In den Sahelstaaten Mali, Niger und Burkina Faso spitzt sich die Sicherheitslage weiter zu. Besonders betroffen sind Kinder. Sie werden ermordet, von Terrorgruppen rekrutiert und verlieren ihre Zukunft.

Autor/in:
Katrin Gänsler
Trockenheit in Afrika / © Riccardo Mayer (shutterstock)
Trockenheit in Afrika / © Riccardo Mayer ( shutterstock )

Für Patrice Belem, katholischer Priester in Nigers Hauptstadt Niamey, reicht ein Wort, um die Situation vieler Kinder im Sahel zu beschreiben: "katastrophal". Besonders dramatisch seien die anhaltende Unsicherheit und Gewalt in ländlichen Regionen, die vom Terrorismus betroffen sind. Häufig operieren Terrorgruppen in entlegenen Gebieten, kaum geschützt und weit weg von den größeren Städten. "Viele Kinder sind traumatisiert", sagt er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Eine Region ist nach Einschätzung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) derzeit besonders betroffen: Tillaberi im Südwesten des Niger. Sie grenzt an Mali und Burkina Faso und wird als Region der drei Grenzen bezeichnet.

Schon 2020 gab es mehrfach schwere Angriffe, dieses Jahr noch mehr. Von Januar bis Juli wurden dort mindestens 420 Zivilisten getötet. Mindestens 60 der Opfer seien Kinder, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Amnesty-Bericht über die Region Tillaberi.

Kinder inmitten Tod und Zerstörung

Verantwortlich für die Angriffe sind meist der "Islamische Staat in der größeren Sahara" (ISGS) und die mit Al-Kaida verbundene "Gruppe für die Unterstützung des Islam und der Muslime" (JNIM), die ihre Wurzeln in Mali hat. Nach ihrer Gründung aus drei kleineren Gruppierungen 2017 breitete sie sich nach Burkina Faso und Niger aus.

Gewalt wird in der Region allerdings auch von Banditen ausgeübt, die etwa Reisende überfallen und verschleppen, um Lösegeld zu erpressen.

"Eine ganze Generation wächst inmitten von Tod und Zerstörung auf", sagt Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrika-Expertin bei Amnesty International in Deutschland. Bei den Übergriffen laufen Kinder nicht nur Gefahr, verletzt oder ermordet zu werden. Jungen werden auch zwangsrekrutiert.

Im Departement Torodi an der Grenze zu Burkina Faso habe das in diesem Jahr erheblich zugenommen. Die Jungen seien meist im Alter von 15 bis 17 Jahren. JNIM-Mitglieder böten ihnen Essen, Geld und Kleidung an. Sie würden an Waffen ausgebildet und als Spione, Späher und Kundschafter eingesetzt. Mädchen und Frauen könnten wiederum in einigen Gebieten nicht mehr ihre Häuser verlassen, weil sie sonst entführt oder mit Terroristen zwangsverheiratet würden.

Betroffen sind auch jene, die vor Terror auf der Flucht sind. Nach Zahlen des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR haben allein in Burkina Faso derzeit mehr als 1,4 Millionen Menschen ihre Dörfer verlassen.

Seit April hat sich die Zahl um rund 275.000 erhöht. Das sei ein enormer Anstieg, sagt Tom Peyre-Costa vom Norwegischen Flüchtlingsrat. Die Mehrzahl der Binnenflüchtlinge seien Frauen und Kinder. Peyre-Costa bestätigt: Kinder laufen Gefahr, rekrutiert oder Opfer von sexueller Gewalt zu werden; "sie sind im doppelten Sinne Opfer".

Viele Schulen haben geschlossen

Auch der Priester Belem sorgt sich um ihre Zukunft. "Viele gehen nicht mehr zur Schule, haben also kaum Optionen für ihre Zukunft." Im Sahel sind aktuell knapp 5.000 Bildungseinrichtungen geschlossen, mindestens 377 allein in Tillaberi. Mehr als 700.000 Kinder haben keinen Unterricht; 20.000 Lehrer können nicht arbeiten. Durch die Schließung während der Corona-Pandemie hätten viele Kinder zusätzlich ein Schuljahr verloren, sagt Peyre-Costa.

Amnesty International fordert für Tillaberi, dass die Regierung Nigers Zivilisten besser schützt. Mitunter hätten Sicherheitskräfte Bewohner willkürlich verhaftet und getötet. Auch dauere es nach Überfällen lange, bis sie am Tatort eintreffen. "Der Staat muss präsent sein", meint auch Tom Peyre-Costa über Burkina Faso.

Um die aktuelle Situation zu verbessern, brauche es dringend mehr Hilfsgelder. Der Norwegische Flüchtlingsrat veranschlagt, dass für 2021 noch allein für Burkina Faso rund 607 Millionen US-Dollar notwendig seien, um der Krise zu begegnen. Derzeit finanziert sei aber gerade mal knapp ein Viertel.


Quelle:
KNA