Laut Philosophin Lotter prägen christliche Motive moderne Proteste

"Über Verwundbarkeit als Selbstbild"

Die Darstellung politischer Opfer folgt nach Worten der Philosophin Maria-Sibylla Lotter oft christlichen Bildtraditionen. Vor allem die Karwoche wirkt bis in heutige Debatten. Dies könne allerdings auch kippen.

Poster mit dem Bild von George Floyd während Protesten in den USA / © Tverdokhlib (shutterstock)
Poster mit dem Bild von George Floyd während Protesten in den USA / © Tverdokhlib ( shutterstock )

Viele moderne Protestformen wären ohne christlichen Hintergrund nicht denkbar. Darauf weist die Bochumer Philosophin Maria-Sibylla Lotter in der Karwoche im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) hin.

Opfer von Gewalt würden oftmals in ausdrücklich christlichen Motiven gezeigt. So habe die Ikonenmalerin Kelly Latimore den 2020 getöteten George Floyd "in der Pose des toten Christus in den Armen seiner trauernden Mutter" gezeigt. Floyd war zuvor von einem auf ihm knienden Polizisten getötet worden.

Diese Sakralisierung habe womöglich dazu beigetragen, dass die internationale Protestbewegung "Black Lives Matter" massive Unterstützung erhalten habe. "Andererseits ist es nicht so, dass es zuvor kein Unrechtsbewusstsein für ähnliche Fälle gab", sagte Lotter, deren Buch "Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild" am Dienstag erscheint.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Eine breite Identifizierung mit dieser Opfervorstellung könne langfristig zur Polarisierung beitragen, fügte die Wissenschaftlerin hinzu. "Die Demokraten haben Floyd im Repräsentantenhaus geehrt, die Republikaner waren erzürnt, dass selbst Plünderungen als politischer Protest legitimiert wurden." Menschen suchten stets nach konkreter Anschauung; dies habe sich zuletzt auch bei den Protesten in Minneapolis gezeigt.

USA, Minneapolis: Porträt von George Floyd / © Henry Pan/ZUMA Wire (dpa)
USA, Minneapolis: Porträt von George Floyd / © Henry Pan/ZUMA Wire ( dpa )

Eine solche Personalisierung sei nicht problematisch, solange sie nicht in "säkularisierte Heiligenverehrung" kippe, fügte Lotter hinzu. So gehöre es in der Politik dazu, dass einzelne Personen im Fokus stünden, dass man mit ihnen bestimmte Positionen verbinde oder ihren Stil schätze.

"Wenn jedoch ein eher zufälliges Opfer von Polizeigewalt zum Heiligen gemacht wird, löst sich diese Verehrung von der konkreten Rolle, die diese Person tatsächlich im Kampf gegen Ungerechtigkeit gespielt hat."

Im Christentum erscheine Jesu Tod "sowohl als erlittenes Unrecht als auch als selbstbestimmte Hingabe", erklärte die Philosophin. Dieses Muster habe sich bei Floyd umgekehrt: Die Aufmerksamkeit habe sich nicht auf sein Leben und Handeln gerichtet, "sondern allein auf das, was ihm angetan wurde".

Heiligenverehrung in der Kirche

Nach katholischem Verständnis sind die Heiligen Fürsprecher vor Gott, die von den Gläubigen angerufen werden können. Die evangelische Kirche kennt keine Heiligenverehrung in diesem Sinne. Für sie sind die Heiligen Vorbilder im Glauben.

Der Gedenktag jeder und jedes Heiligen ist der Todestag, nicht etwa der Geburtstag. Man "feiert" das Ende eines irdischen Lebens und den Übergang in das ewige Leben. Zusätzlich gedenkt die katholische Kirche all ihrer Heiligen am Fest Allerheiligen, am 1. November. (DR)

Eine Frau im Gebet / © Jantanee Runpranomkorn (shutterstock)
Eine Frau im Gebet / © Jantanee Runpranomkorn ( shutterstock )
Quelle:
KNA