Viele moderne Protestformen wären ohne christlichen Hintergrund nicht denkbar. Darauf weist die Bochumer Philosophin Maria-Sibylla Lotter in der Karwoche im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) hin.
Opfer von Gewalt würden oftmals in ausdrücklich christlichen Motiven gezeigt. So habe die Ikonenmalerin Kelly Latimore den 2020 getöteten George Floyd "in der Pose des toten Christus in den Armen seiner trauernden Mutter" gezeigt. Floyd war zuvor von einem auf ihm knienden Polizisten getötet worden.
Diese Sakralisierung habe womöglich dazu beigetragen, dass die internationale Protestbewegung "Black Lives Matter" massive Unterstützung erhalten habe. "Andererseits ist es nicht so, dass es zuvor kein Unrechtsbewusstsein für ähnliche Fälle gab", sagte Lotter, deren Buch "Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild" am Dienstag erscheint.
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Eine breite Identifizierung mit dieser Opfervorstellung könne langfristig zur Polarisierung beitragen, fügte die Wissenschaftlerin hinzu. "Die Demokraten haben Floyd im Repräsentantenhaus geehrt, die Republikaner waren erzürnt, dass selbst Plünderungen als politischer Protest legitimiert wurden." Menschen suchten stets nach konkreter Anschauung; dies habe sich zuletzt auch bei den Protesten in Minneapolis gezeigt.
Eine solche Personalisierung sei nicht problematisch, solange sie nicht in "säkularisierte Heiligenverehrung" kippe, fügte Lotter hinzu. So gehöre es in der Politik dazu, dass einzelne Personen im Fokus stünden, dass man mit ihnen bestimmte Positionen verbinde oder ihren Stil schätze.
"Wenn jedoch ein eher zufälliges Opfer von Polizeigewalt zum Heiligen gemacht wird, löst sich diese Verehrung von der konkreten Rolle, die diese Person tatsächlich im Kampf gegen Ungerechtigkeit gespielt hat."
Im Christentum erscheine Jesu Tod "sowohl als erlittenes Unrecht als auch als selbstbestimmte Hingabe", erklärte die Philosophin. Dieses Muster habe sich bei Floyd umgekehrt: Die Aufmerksamkeit habe sich nicht auf sein Leben und Handeln gerichtet, "sondern allein auf das, was ihm angetan wurde".