Konflikte um christliches Kulturerbe in Berg-Karabach

Wer setzt sich durch?

Die Ankündigung Aserbaidschans, von Kirchen in Berg-Karabach vermeintliche "armenische Fälschungen" zu entfernen, lässt in Armenien die Alarmglocken läuten. Die Sorge ist, dass das christliche Erbe von Berg-Karabach zerstört wird.

Fahnen von Armenien (l.) und Karabach (r.) / © Andrea Krogmann (KNA)
Fahnen von Armenien (l.) und Karabach (r.) / © Andrea Krogmann ( KNA )

Jüngste Ankündigungen Aserbaidschans, wonach man vermeintliche "armenische Fälschungen" von Kirchen entfernen will, sorgen einmal mehr für Entrüstung - und dringliche Appelle an den Westen, sich endlich auch dieser Sache anzunehmen, wie der Nachrichtendienst Östliche Kirchen (NÖK) in seiner aktuellen Ausgabe berichtet.

Berg-Karabach: Die Kathedrale des Heiligen Erlösers, die durch Artilleriebeschuss beschädigt wurde (dpa)
Berg-Karabach: Die Kathedrale des Heiligen Erlösers, die durch Artilleriebeschuss beschädigt wurde / ( dpa )

Ein großer Teil Berg-Karabachs ging im Herbst 2020 im Krieg an Aserbaidschan verloren. Das restliche, noch unter armenischer Herrschaft verbliebene Gebiet mit der Hauptstadt Stepanakert ist nurmehr über einen wenige Kilometer breiten Korridor mit Armenien verbunden. Bedeutende christliche Stätten wie die Kathedrale von Sushi oder das Kloster Dadivank stehen nicht mehr unter armenischer Kontrolle.

Armenische Arbeitsgruppe

Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region im Südkaukasus besteht bereits seit über drei Jahrzehnten und führte auch in der Vergangenheit immer wieder zu kämpferischen Auseinandersetzungen. Völkerrechtlich gehört Bergkarabach zu Aserbaidschan. Bewohnt wurde das Gebiet bis Oktober 2020 von rund 150.000-Einwohner*innen. Die Mehrzahl fühlt sich kulturell und politisch Armenien zugehörig. Beide Seiten beanspruchen die Region für sich. Dies führte seit dem 1994 vereinbarten Waffenstillstand immer wieder zu militärisch ausgetragenen Konflikten.

Konflikt in Berg-Karabach (Archiv) (dpa)
Konflikt in Berg-Karabach (Archiv) / ( dpa )

Anfang Februar verkündete Aserbaidschans Kulturminister Anar Karimov die Gründung einer Arbeitsgruppe für die zurückeroberten Gebiete Berg-Karabachs, um "fingierte Spuren der Armenier an albanischen religiösen Stätten" zu entfernen. Wer Teil der Arbeitsgruppe ist, legte Karimov nicht offen; sie solle aus "lokalen und internationalen Fachleuten" bestehen.

Karimovs Aussagen beziehen sich auf eine Theorie, wonach antike Bauten auf dem Gebiet Aserbaidschans und Berg-Karabachs das Erbe des Kaukasischen Albanien seien; eines antiken Königreiches, das bis ins frühe 9. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Aserbaidschan existierte. Laut dieser Theorie, die in den 1950er Jahren von dem aserbaidschanischen Historiker Ziya Buniyatov entwickelt wurde, sind die armenischen Inschriften auf Kirchen in Aserbaidschan spätere Ergänzungen und Folge einer "Armenisierung" im Zuge armenischer Emigration des frühen 19. Jahrhunderts in das Gebiet.

Die Mehrheit der Historiker lehnt diese Theorie ab; sie wird aber von nationalistischen aserbaidschanischen Historikern und der aktuellen Regierung propagiert. So erklärte Präsident Ilham Aliyev im März 2021 bei einem Besuch einer armenischen Kirche aus dem 12. Jahrhundert in der Stadt Hadrut in Berg-Karabach, "all diese Inschriften sind gefälscht, sie wurden später angebracht".

Und Kulturminister Karimov behauptete nach dem Waffenstillstandsabkommen vom November 2020, das mittelalterliche armenische Kloster Dadivank sei eines "der besten Zeugnisse der antiken kaukasischen albanischen Zivilisation". Im Mai 2021 begannen die Behörden Aserbaidschans zudem, die Kathedrale von Schuschi aus dem 19. Jahrhundert, die im Krieg beschädigt worden war, zu renovieren - um ihr ihre "ursprüngliche Form" zurückzugeben.

Kirche ruft Weltgemeinschaft zum Handeln auf

Die armenisch-apostolische Kirche verurteilte das Vorgehen als "antizivilisatorischen Akt" und beklagte "Feindseligkeit und Hass" gegenüber Armenien, Berg-Karabach und dem armenischen Volk. Die "armenische Identität" der christlichen Heiligtümer dort sei wissenschaftlich bewiesen. Die Kirche rief die internationale Gemeinschaft und internationale Organisationen auf, energisch auf diesen "offenen kulturellen Genozid durch Aserbaidschan" zu reagieren.

Immer wieder hat ihr Oberhaupt, Katholikos Karekin II., die Weltgemeinschaft zum Handeln aufgefordert. Die armenische Seite verweist auch auf die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan, wo Tausende historische christliche Stätten in den vergangenen Jahren dem Erdboden gleichgemacht wurden. "Und weil die Welt weggesehen hat, glaubt Aserbaidschan nun, dass es solche Aktionen nochmals durchführen kann", so Karekin II.

Internationale Aufmerksamkeit für Anliegen

Die internationale Aufmerksamkeit für den "Kulturkampf" um Berg-Karabach ist freilich überschaubar. Immerhin: Im Dezember erklärte der Internationale Strafgerichthof, Aserbaidschan müsse "alle nötigen Maßnahmen ergreifen", um "Vandalismus und Entweihung armenischer Kulturstätten zu verhindern und zu bestrafen". Auch die Unesco brachte ihre Sorge um Kulturstätten zum Ausdruck; Bemühungen, um eine UNESCO-Inspektion in Berg-Karabach blieben aber bislang erfolglos. Die Kommission für Internationale Religionsfreiheit der USA zeigte sich auf Twitter "zutiefst besorgt" über die jüngsten Pläne Aserbaidschans. Sie drängte die Regierung Aliyev, religiöse und kulturelle Stätten zu bewahren und zu schützen.

Dieser Tage reagierte das aserbaidschanische Kulturministerium auf "Berichte in voreingenommenen ausländischen Massenmedien" und betonte, Aserbaidschan sei immer "respektvoll mit seinem historischen und kulturellen Erbe umgegangen, ungeachtet seines religiösen und ethnischen Ursprungs". Das Ministerium bestätigte die Schaffung der Arbeitsgruppe, die die Stätten untersuchen und allfällige Fälschungen dokumentieren und der internationalen Gemeinschaft präsentieren solle. Von einer Entfernung armenischer Spuren war dort keine Rede mehr.

Armenien bereits früh christianisiert

Berg-Karabach gehört seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. zu Armenien, wurde im 4. Jahrhundert christianisiert und spielte für die kulturelle Autonomie der Armenier zwischen dem 10. und 19. Jahrhundert unter iranischer und russischer Herrschaft eine tragende Rolle. Bereits Mitte des 5. Jahrhunderts wurde in Karabach ein eigenständiges Katholikosat gegründet, das nicht nur die bedeutendste armenische Kirche im Osten, sondern bis anfang des 19. Jahrhunderts autokephal und die am längsten unabhängige armenische Kirche war.

Konfliktregion Berg-Karabach / © Damian Pankowiec (shutterstock)
Konfliktregion Berg-Karabach / © Damian Pankowiec ( shutterstock )

Vor dem Ersten Weltkrieg zählte das dem russischen Zarenreich einverleibte Karabach 222 Kirchen und Klöster. Mit der sowjetischen, atheistischen Indoktrination und der stalinistischen Unterbindung nationaler Kultur ging die armenische Kirche 1930 unter und erwachte erst wieder im Zuge des ersten Karabach-Kriegs (1992-1994) und der Auflösung der Sowjetunion.

1991 erklärte sich die armenisch besiedelte "autonome Republik Artsach" (Berg-Karabach) innerhalb Aserbaidschans für unabhängig. Der folgende erste Karabach-Krieg endete 1994 mit einem Waffenstillstand. Die Milizen von Artsach konnten den größten Teil der kleinen Republik mit der historisch bedeutsamen Hauptstadt Stepanakert bewahren und im Zusammenwirken mit der armenischen Armee auch sieben aserbaidschanische Provinzen zwischen Berg-Karabach und Armenien unter Kontrolle bringen und so die Verbindung zwischen Artsach und der armenischen Republik sicherstellen.

Bis November 2020 unterhielt die Diözese Karabach mehr als 30 aktive Kirchen und Klöster. Das Denkmalamt der Republik Karabach listete 4.403 christliche Kulturdenkmäler auf: von prähistorischen und antiken archäologischen Stätten über mittelalterliche Kirchen, Klöster und Festungen bis hin zu Fürstenpalästen und reich verzierten Grabsteinen.

Autor/in:
Georg Pulling
Quelle:
KNA