Kolping-Chef Ukraine besucht Deutschland

"Wir haben kein anderes Land"

Das erste Mal seit Kriegsbeginn ist der Geschäftsführer von Kolping Ukraine in Deutschland. Er spricht über eine schwierige Reise, den bevorstehenden Winter in seiner Heimat und warum er hier besser schlafen kann.

Vasyl Savka (Kolping International)

DOMRADIO.DE: Sie sind für den Generalrat und den Aktionstag von Kolping International nach Deutschland gereist. Das war sicher eine aufregende und schwierige Reise von Czernowitz in der Ukraine nach Bensberg bei Köln, oder?

Vasyl Savka / © Ina Rottscheidt (DR)
Vasyl Savka / © Ina Rottscheidt ( DR )

Vasyl Savka (Vorsitzender des Kolpingwerkes Europa und Geschäftsführer von Kolping Ukraine): Ja, das war aufregend und auch zum Teil unerwartet für mich. Wie sich Menschen, die mich schon seit Jahren kennen, gefreut haben, mich wiederzusehen. Für mich war das, wie wenn ein der Traum, den ich schon seit Kriegsbeginn habe, in Erfüllung geht, meine Kolpinggeschwister wieder umarmen zu dürfen. Das hat geklappt.

DOMRADIO.DE: Wie schwierig war für Sie die Ausreise, weil Männer im wehrpflichtigen Alter die Ukraine regulär nicht verlassen dürfen?

Savka: Es ist nicht unmöglich, das Land zu verlassen. Zu humanitären Zwecken darf man ausreisen. Außer meinem Ziel, dass ich natürlich viele Hilfsgüter mit nach Hause nehmen werde, hatte ich auch die Möglichkeit, mit den Partnern Ideen auszutauschen, wie der Ukraine und dem ukrainischen Volk weiterhin geholfen werden kann.

DOMRADIO.DE: Was brauchen die Menschen im Moment am dringendsten?

Savka: Am dringendsten ist jetzt die Vorbereitung auf den Winter: Wir erwarten – und das ist realistisch – neue Raketenangriffe auf unsere Energieinfrastruktur durch die Russen. Da müssen wir uns schon vorbereiten, indem wir Generatoren, Powerbanks, warme Kleidung und Konserven besorgen. Das wird zurzeit gebraucht.

DOMRADIO.DE: Der Hauptsitz von Kolping Ukraine ist in Czernowitz, im Westen des Landes. Wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen? Ist der Krieg allgegenwärtig oder geht das normale Leben irgendwie weiter?

Savka: Es ist keine dauernde Gefahr. Die Zentrale des Verbandes befindet sich in einer mehr oder weniger ruhigen Region nahe der rumänischen Grenze. Bei uns gibt es selten Raketenangriffe. Die letzte Rakete wurde circa 100 Kilometer von uns entfernt abgeschossen, aber ansonsten gab es keine Explosionen. Es ist relativ ruhig, aber deswegen kommen viele Geflüchtete zu uns. Die haben natürlich große Probleme. Sie brauchen ein Dach über dem Kopf und Essen.

Es ist sehr schwer, weil so viele Leute kommen und weil wir außerdem noch Transporte in den Osten schicken müssen, wo die Menschen besonders leiden. Dazu kommt noch unsere alltägliche Arbeit mit Menschen mit Behinderung, mit alten Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Die Entwicklung der Gemeinden, wo die Geflüchteten aufgenommen wurden, sind noch zusätzliche Aufgaben.

DOMRADIO.DE: Gerät diese "normale" soziale Arbeit in Kriegszeiten nicht manchmal in den Hintergrund, weil alles von akuten Problemen überlagert ist?

Savka: Ich muss leider beobachten, dass der Staat diese Menschen fast total vergessen hat. Wir haben in den ersten sechs Monaten des Krieges auch einige Bereiche vernachlässigt. Aber jetzt funktioniert es so fast so wie vor dem Krieg. Ich würde sagen, wir sind bei 75 Prozent.

DOMRADIO.DE: Sie sind nach Deutschland gereist, um die anderen Kolpingsmitglieder aus aller Welt zu treffen. Was ist Ihre Botschaft an die Leute hier?

Savka: Wir hatten gerade ein Treffen mit der Ukraine-Hilfe, interessierten Verbänden und Kolping-Mitgliedern. Ich habe ihnen erzählt, wie ihre Hilfe ankommt, aber ich habe leider noch eine andere Botschaft. Ich glaube, wir müssen uns auf einen Marathon vorbereiten. Das ist kein Sprint, wo das Ende des Krieges absehbar ist. Wir müssen uns weiterhin anstrengen, um den Menschen zu helfen.

DOMRADIO.DE: Wie blicken Sie auf die Diskussionen in Europa und vor allem auch in Deutschland um Waffenlieferungen an die Ukraine?

Savka: Ich sehe das so ähnlich wie unser Präsident. Wir haben viele Schritte unternommen, bei denen man im Vorfeld versucht hat, uns einzuschüchtern. Putin hat mit Atomwaffen und einer Eskalation des Krieges gedroht. Ein ukrainischer Politiker hat einmal gesagt, man dürfe Putin nicht vertrauen und man dürfe vor Putin keine Angst haben. Es ist eindeutig, Angst zu haben, wird nichts nutzen.  

DOMRADIO.DE: Wie schafft es ein so vergleichsweise kleines Volk, sich so lange gegen Putin und seine hochgerüsteten Armeen zu wehren?

Savka: Es ist die Motivation. Wir haben kein anderes Land, wir haben keine andere Heimat. Wir müssen uns wehren, weil es um unsere Existenz geht, ums Überleben. Dass wir uns verteidigen, ist für uns keine Frage. Für die Russen ist das ein aggressiver Krieg, den wir nicht provoziert haben.

DOMRADIO.DE: Wie ist es jetzt für Sie, in Deutschland zu sein? Das erste Mal seit Kriegsbeginn?

Savka: Ich muss sagen, ich schlafe hier viel besser, als in der Ukraine. Es gibt viele Emotionen. Dass ich jeden Tag mit so vielen Schwestern und Brüdern sprechen kann, sie umarmen kann, dass ich von ihnen tröstende Worte höre, Unterstützung spüre und diese Kolping-Solidarität erlebe, ist einmalig, das muss ich ehrlich sagen.

Deshalb bin ich am Ende des Tages immer so müde, dass ich gut schlafen kann.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

Quelle:
DR