Kölner Opernintendantin Meyer verabschiedet sich

Domchor ist ihr ans Herz gewachsen

Als Operintendantin in Köln war es ein zentrales Anliegen von Birgit Meyer, die reiche Opernwelt allen Menschen zugänglich zu machen. Im Interview zu ihrem Abschied spricht sie über Frauenförderung und den christlichen Glauben.

Dr. Barbara Meyer / © Teresa Rothwangl (Oper Köln)
Dr. Barbara Meyer / © Teresa Rothwangl ( Oper Köln )

Zehn Jahre lang hat Intendantin Dr. Birgit Meyer das Schicksal der Kölner Oper geprägt. Es war eine herausfordernde Zeit, denn sie musste die Opernproduktionen in verschiedenen Ausweichspielstätten unter erschwerten Bedingungen auf die Bühne bringen. Die Sanierung des Kölner Opernhauses verzögerte sich Jahr um Jahr. Die Kosten explodierten.

Dr. Birgit Meyer / © Birgitt Schippers (DR)
Dr. Birgit Meyer / © Birgitt Schippers ( DR )

Um unter diesen extremen Bedingungen gute Opernproduktionen auf die Bühne zu stellen, gab es für sie nur einen Weg: mit ihrem Team ein Wir-Gefühl auf Augenhöhe schaffen. "Die Menschen, die mit mir arbeiten, sollen es gerne machen." Mit den Mitarbeitenden wie dem Einlasspersonal, der Technik oder mit den Werkstättenhat hat sie das Gespräch gesucht, um die gemeinsamen Aufgaben zu besprechen. "Sich nie ausruhen, immer wieder alles hinterfragen und zu verbessern, das ist mir wichtig," sagt die Opernintendantin.

Coronazeit mit Mehrwert

Eine besondere Herausforderung war die Zeit der Corona-Einschränkungen, als bestenfalls nur Streamings von Opernproduktionen möglich waren. Doch hatte diese Zeit auch einen positiven Effekt, stellt Meyer fest. Das Ensemble hatte mehr Zeit, sich intensiv persönlich auszutauschen. Durch diese gemeinsamen Gespräche über die Arbeit und das Leben ist das Team noch mehr zusammengewachsen: "Uns wurde bewusst, was uns fehlt." Die hohen Besucherzahlen sind für sie der Beweis, dass ihr Konzept, Oper zu machen, vom Publikum sehr gut angenommen worden ist.

Raus aus dem Elfenbeinturm – Oper für alle

Oper soll für alle da sein und die Lebensqualität bereichern, nicht nur für die traditionellen Opernfans, so Meyers Credo. "Es ist mir in meiner Arbeit immer darum gegangen, Menschen freudig zu berühren", so Meyer. Sie entwickelte ein besonderes Projekt für Menschen mit Demenz in Zusammenarbeit mit der Kölner Kinderoper, das ausgezeichnet wurde. "Es hat sich herausgestellt, dass dieses Format, eine Stunde in der Oper mit Kindern und ganz nah am Geschehen, sehr gut angekommen ist. Oper kann so viel Kraft entwickeln, dass sie Lebensqualität verbessert und den Krankheitsverlauf bei Dementen aufhält." Als ausgebildete Medizinerin war dieses Projekt für sie auch ein persönliches Anliegen.

Zu wenig Frauen in Leitungspositionen

Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie schwer es für Frauen ist, Fuß zu fassen. "Ich bin nicht als Feministin gestartet. Aber es gibt diese gläserne Decke, wenn man ganz nach oben will." In der deutschsprachigen Opernkonferenz war sie in den letzten acht Jahren die einzige Frau. Frauen müssen endlich einen festen Platz als Regisseurinnen und Intendantinnen an den Opern erhalten, fordert Meyer.

Der Brunnen vor der Kölner Oper / © Oliver Berg (dpa)
Der Brunnen vor der Kölner Oper / © Oliver Berg ( dpa )

Während ihrer Intendanz an der Kölner Oper hat sie sehr gute Erfahrungen gemacht, Frauen mit kleinen Kindern in leitenden Positionen zu engagieren. "Man muss dann auch mittragen, dass diese Frauen wegen der kleinen Kinder manchmal ausfallen. Es waren auch Regisseurinnen an der Oper, die haben gestillt während ihrer Arbeit." Es ist für sie ein Skandal, dass in der kommenden Spielzeit an großen Opernhäusern keine Regisseurinnen ein Engagement erhalten haben.

Domchor ist ihr ans Herz gewachsen

In vielen Opernproduktionen haben auch die Jungen und Mädchen des Kölner Domchors mitgesungen und -gespielt. Das hat Tradition. Meyer ist begeistert von dem "wunderbaren Gesang" und der Spielfreude der jungen Sängerinnen und Sänger.

Die Knaben des Kölner Domchores / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Knaben des Kölner Domchores / © Beatrice Tomasetti ( DR )

"Ich liebe diesen Chor," sagt sie, "sie haben einfach eine fantastische Arbeit geleistet." Gerne erinnert sie sich an die Auftritte des Domchors in den Opern "Carmen", "Turandot" oder Walter Braunfels‘ "Jeanne D’Arc". Der Abschied vom Domchor fällt ihr nicht leicht: "Ich werde sie sehr vermissen."

Oper und Kirche

Oper und die Kirche haben bei aller Verschiedenheit für Meyer auch Gemeinsamkeiten. Auch in der Oper gehe es darum, Menschen mit einer Botschaft zu erreichen. "Kunst kann ja auch etwas sehr Tröstliches haben," stellt sie fest. Es gehe darum, Menschen zu erreichen und zu berühren mit existenziellen Themen wie Verlust, Trauer und Hoffnung.

Die in der katholischen Kirche über Jahrhunderte entwickelte Liturgie, die den Gottesdiensten ihren festlichen Rahmen gibt, imponiert der evangelischen Opernintendantin. Als sie ein Pontifikalamt mit Kardinal Woelki besuchte, erlebte sie "ganz große Oper". Aber als gläubige Christin weiß sie auch, dass der Glaube den großen Unterschied ausmacht.

Die Zukunft der Kirche

Als Christin ist ihr die Verantwortung für die Menschen, die in der Oper arbeiten wie auch für das Publikum, sehr bewusst. "Die Macht als Intendantin zu haben, sehe ich nicht als Freibrief, alles zu machen, was mir gerade einfällt." Wichtig sei, immer im Dialog zu bleiben. Auch die Kirchen müssten sich mehr Gedanken machen, wie sie ihrem Auftrag, für die Menschen da zu sein, gerecht werden kann.

Dr. Birgit Meyer / © Birgitt Schippers (DR)
Dr. Birgit Meyer / © Birgitt Schippers ( DR )

Auch wenn viele Menschen die Kirchen verlassen, glaubt sie fest an die Bedeutung der Kirchen für die Gesellschaft heute und in der Zukunft, denn in der christlichen Religion werde der gute Umgang unter den Menschen thematisiert. "Die zehn Gebote bedeuten etwas," sagt sie, "und wenn es die Kirchen und die Gottesdienste nicht mehr gäbe, würde viel auseinanderfallen in unserer Gesellschaft. Es wäre ein Riesenverlust."

Birgit Meyer

Die gebürtige Kölnerin, Medizinerin und Theaterwissenschaftlerin Dr. Birgit Meyer arbeitete von 2009 bis 2012 als Chefdramaturgin und Operndirektorin an der Oper Köln. Ab der Spielzeit 2012/13 leitete sie das Haus als Intendantin. Zum Ende der Spielzeit 2021/22 verlässt sie mit Vertragsende die Kölner Oper. Sie kehrt zurück nach Wien, wo sie viele Jahre an unterschiedlichen Kulturinstitutionen mit Schwerpunkt Musiktheater gewirkt hat. (DR)

Dr. Barbara Meyer / © Teresa Rothwangl (Oper Köln)
Dr. Barbara Meyer / © Teresa Rothwangl ( Oper Köln )
Autor/in:
Birgitt Schippers
Quelle:
DR