Kölner Generalvikar zur aktuellen Debatte um kirchliches Finanzgebahren und gestiegene Kirchenaustritte

"Keine vergoldeten Wasserhähne"

Die Zahl der Kirchenaustritte in NRW soll sich nach stichprobenartigen Untersuchungen im Oktober im Vergleich zum Vormonat verdoppelt haben. Generalvikar Heße erläutert, wie das Kölner Erzbistum auf den Trend reagieren will.

Generalvikar Stefan Heße / © Michael Kasiske
Generalvikar Stefan Heße / © Michael Kasiske

domradio.de: Herr Generalvikar, die Zahlen sind ernüchternd, wie wollen Sie dem entgegensteuern?

Generalvikar Dr. Stefan Heße: Wir haben für Köln noch keine aktuellen Zahlen vorliegen, so dass ich nicht sagen kann, wie es konkret in unserem Erzbistum aussieht. Aber als die ganze Sache angelaufen ist, habe ich mir insgeheim schon gedacht, da wird einiges auf uns zukommen. Gewöhnlich sind Leute, die aus der Kirche austreten und ihren Austritt erklären, solche, die schon lange mit diesem und jenem gehadert haben und jetzt einen Anlass ergreifen, um diesen konkreten Schritt zu vollziehen. Ich bedaure das sehr, ich bin traurig darüber, dass Menschen der Kirche den Rücken kehren. Andererseits nehme ich das aber auch als einen ernsten Anruf an uns als Kirche, mit den Finanzen transparent und verantwortlich umzugehen. Wir sind nichts anderes als die Verwalter, und wir müssen gute Verwalter des Geldes sein, das andere Menschen uns anvertrauen.

domradio.de: Wie kann man das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen?

Heße: Ich bin mir im Klaren darüber, dass es ein sehr langer Weg ist. Vertrauen zu verspielen geht schnell, verloren gegangenes Vertrauen wiederzugewinnen, ist eine langwierige Angelegenheit. Trotzdem müssen wir es versuchen! Für mich ist das Wichtigste, dass wir transparent damit umgehen. Wir haben nichts zu verbergen, wir legen die Dinge auf den Tisch. Wir haben auch gleich ganz klar gesagt, wie die Verhältnisse hier aussehen. Für mich ist aber auch wichtig, dass wir mit dem Kirchensteuerrat noch einmal schärfer herangehen, uns fragen: Was braucht es in der jetzigen Situation? Ich bin froh, dass da viele Fachleute sitzen, die aus der Wirtschaft, der Verwaltung und aus dem Rechtsbereich kommen. Fachleute, die mit Geld umgehen können und oft sehr verantwortliche Positionen in Aufsichtsräten innehaben. Die schauen dem Bischof und mir auf die Finger, so dass wir da eine gute Kontrolle haben. Da bin ich sehr dankbar für, weil ich glaube, dass man mit solchen Kontrollmechanismen wirklich davor gefeit ist, dass Dinge aus dem Ruder laufen. Und mir geht es auch darum, dass wir sehr offensiv kommunizieren und alles, was wir tun, in der Öffentlichkeit vernünftig und gut darstellen können.

domradio.de: Das Erzbistum Köln ist eines der reichsten Bistümer in der Welt. Bedeutet das, dass alle Angestellten goldene Wasserhähne haben?

Heße: Meine Wasserhähne sind nicht vergoldet. Wir müssen natürlich sehen, dass dieser "Reichtum" nicht nur am Kirchensteueraufkommen hängt, sondern z.B. auch an den Kirchen. Es wurde ja mal gefragt, wie teuer der Kölner Dom sei, da wurden Rechnungen aufgemacht, was der Dom kosten würde, wenn man ihn heute bauen würde. Das sind alles gute Gedankenspiele, aber letztlich ist ja klar, der Dom ist nicht veräußerlich. Und man muss sehen, dass dieses Kircheneigentum erst einmal eine ganz große Verpflichtung darstellt. Den Dom und die vielen Kirchen zu erhalten und zu unterhalten, die in unseren Städten und Dörfern eine ganz wichtige Rolle spielen, das ist zunächst einmal eine Last, die die Kirche und die Gemeinden zu tragen haben. Mitglieder der Kirchenvorstände können oft ein Lied davon singen, was es bedeutet, z.B. eine Kirche, einen Pfarrsaal oder ein Gemeindezentrum immer wieder in Schuss zu halten und dafür zu sorgen, dass es nutzbar, wohnlich und in einem guten Zustand bleibt. Also eine hohe Verantwortung. Die ganze Limburger Debatte zeigt uns, dass es wichtig ist, dass die Amtsträger einen Lebensstil finden und praktizieren, der eben auf goldene Wasserhähne verzichtet, der ein bescheidener ist. Natürlich sind wir eine Kirche in einem reichen Land, und damit sind wir auch eine reiche Kirche. Das ist hier anders als in Afrika. Das bietet viele Möglichkeiten: Eine arme Kirche könnte viel weniger an Wirksamkeit ausstrahlen. Aber es ist eben auch die Verpflichtung, vernünftig mit den Mitteln umzugehen und die Ziele im Auge zu behalten. Man darf es nicht für sich selber benutzen, es ist uns anvertraut, um es sinnvoll zu verwalten und weiterzureichen für gute Projekte, für Menschen in Not, hier und woanders.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

Quelle:
DR