Kölner Caritas begrüßt Mindestrente ab 2017

Lohnende Maloche

Die Bundesregierung will offenbar eine Mindestrente für Geringverdiener bis zum Jahr 2017 einführen. "Ein richtiger Schritt, aber alleine wird er das Problem von Altersarmut nicht lösen", sagt Michaela Hofman von der Caritas.

Azubi für Fassadenbau (dpa)
Azubi für Fassadenbau / ( dpa )

domradio.de: Wenn die Rente nicht ausreicht, greifen bislang andere Mechanismen des Sozialstaates, nämlich die Grundsicherung mit der Hilfe zum Lebensunterhalt. Warum ist das Ihrer Meinung nach zu wenig?

Michaela Hofmann (Referentin für Armutsfragen bei der Caritas im Erzbistum Köln): Man muss erst noch einmal unterscheiden: Grundsicherung im Alter ist unser letztes Auffangsystem und daraus haben Sie einen Rechtsanspruch. Das steht auch so im Grundgesetz. Jeder, der sich nicht selbst versorgen kann, hat einen Anspruch darauf, wenn er bedürftig ist.

Die Mindestrente ist eher aus einer Versicherungsleistung. Darauf haben Sie nur einen Anspruch, wenn Sie auch gearbeitet haben. Deshalb kann man beide Systeme nicht ganz miteinander vergleichen. Man kann nur sagen, und das sieht das Grundgesetz ja vor, dass wir immer ein Auffangnetz für Menschen haben müssen, die auch nicht gearbeitet haben.

Die Mindestrente ist anderes System, wo man feststellt, dass man in der Vergangenheit politische Fehler begangen hat und möchte das jetzt etwas aufbessern.

domradio.de: Dann gucken wir mal auf die Erwerbstätigkeit. Eine geringe Rente trotz 35 bis 40 Jahren Arbeiten ist häufig auf eine geringe Qualifizierung des ehemaligen Arbeitnehmers zurückzuführen. Tut die Bundesregierung genug gegen diesen Missstand?

Hofman: Nein, gegen die Wurzel wird ja nichts getan - wobei es nicht unbedingt an der Qualifizierung liegt. Ich habe noch einmal nachgeguckt, wenn Sie jetzt zurzeit 35 Jahre gearbeitet haben bei einem Rentenniveau von 51 Prozent, dann haben Sie bei einem Stundenlohn von 10,80 Euro 620 Euro Rente und wenn Sie 16,48 Euro Stundenlohn haben 946,77 Euro. Alles, was also über dem Mindestlohn liegt. (Seit 2015 gilt der flächendeckende gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro, Anm.d.Red.)

Es gibt ja Ausbildungsberufe über drei Jahre, die kommen noch nicht einmal an die zehn Euro und da kann man jetzt nicht sagen, dass sie gering qualifiziert sind. Die Probleme liegen eher an der Absenkung und an den Rentenreformen. Es liegt daran, dass wir viele Teilzeitbeschäftigte haben. Es liegt daran, dass wir auch viele Jahresverträge haben und die Leute nicht durchgängig arbeiten können. Und das sind politische Entscheidungen, die man auch rückgängig machen kann und wo auch im Rahmen von Arbeitsmarktreformen noch viel mehr von der Bundesregierung getan werden könnte, damit Menschen in Arbeit kommen, in Arbeit bleiben und man dann auch eine höhere Rente erhält.

domradio.de: Der Mindestlohn ist das Produkt der Großen Koalition für gerechtere Löhne. Glauben Sie, der Mindestlohn wird die Mindestrente irgendwann wieder überflüssig machen?

Hofman: Dann müssen Sie wirklich diesen Mindestlohn sehr anheben. Ich habe es ja gesagt, selbst bei 16,48 Euro kommen Sie nur auf 946,77 Euro und das ist nicht besonders viel. Da liegen Sie zwar gerade über der Mindestrente, aber Sie müssten dann schon den Mindestlohn auf 16 Euro erhöhen und wir haben ihn gerade bei 8,50 Euro.

domradio.de: Das Ganze kostet also Geld. Kritiker sehen in der Mindestrente eine große finanzielle Mehrbelastung für die Rentenkasse.

Hofman: Das ist immer so ein Totschlagargument. Ich finde, dass das immer ganz schwierig ist, wenn es um Menschen geht und um ein menschenwürdiges Leben auch im Alter, dann zu sagen: wer soll das bezahlen? Ich finde, dass man das überhaupt nicht miteinander in Bezug setzen kann. Sicherlich ist Geld ein Problem und da muss man sich Gedanken machen. Ich glaube, dass es eher noch einmal angebracht wäre, einen politischen Diskurs mit vielen Akteuren zu führen, was heißt den menschenwürdiges Leben auch im Alter? Was heißt es, wenn man 35 oder 40 Jahre gearbeitet hat, was soll man dann dafür erhalten? Was sollen auch andere dafür erhalten.

Eher auch noch einmal danach zu gucken, wo kann man denn Gelder einsparen. Ich denke an die öffentlichen Bauten. Da sieht man immer, dass da ein Preis gesetzt ist und nach fünf Jahren hat er sich verdoppelt und dieses Geld zahlen wir ja auch und da fragt kein Mensch danach, wer das bezahlen kann.

domradio.de: Unterm Strich: Sehen Sie die Entscheidung zur Mindestrente bis 2017 als ein positives Signal?

Hofman: Menschen, die lange gearbeitet haben, haben ein Recht auf Grund dieser Erwerbstätigkeit und der Einzahlung ins Rentensystem auch menschenwürdig leben zu können. Von daher ist das ein richtiger und wichtiger Schritt. Aber alleine wird er das Problem von Altersarmut nicht lösen.

Das Interview führte Verena Tröster.

Quelle:
DR