Knobloch sieht keine Normalität für Juden in Deutschland

"Traum nach Normalität wird ein Traum bleiben"

Normalität für die jüdische Bevölkerung in Deutschland werde es nicht mehr geben, glaubt die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch. Der Judenhass habe in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen.

Autor/in:
Christiane Ried
Ein jüdischer Mann mit einer Kippa / © Nelson Antoine (shutterstock)
Ein jüdischer Mann mit einer Kippa / © Nelson Antoine ( shutterstock )
Charlotte Knobloch / © Dieter Mayr (KNA)
Charlotte Knobloch / © Dieter Mayr ( KNA )

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, glaubt nicht mehr an eine Normalität für die jüdische Bevölkerung in Deutschland. "Diesen Traum nach Normalität, den ich hatte, der wird sicherlich ein Traum bleiben", sagte die 89-Jährige dem Evangelischen Pressedienst (epd). Viele Menschen würden immer noch reflexhaft die jüdische Bevölkerung "für alles verantwortlich machen, was die Gesellschaft in Schock und Angst versetzt".

Judenhass habe zugenommen

Der Judenhass habe in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen, sagte Knobloch, die auch Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist. So würden Juden von vielen Menschen für die Corona-Pandemie verantwortlich gemacht. Ihre Sorge sei, dass Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker noch mehr Zulauf bekommen und der Antisemitismus weiter wächst.

Keine Normalität in naher Zukunft

Zentralrat der Juden

Der Zentralrat der Juden ist die Spitzenorganisation der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik. Unter seinem Dach sind 23 Landesverbände mit 105 Gemeinden und ihren rund 100.000 Mitgliedern organisiert. Der Rat wurde 1950 in Frankfurt am Main gegründet. Damals lebten noch etwa 15.000 Juden in Deutschland. Vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust waren es bis zu 600.000.

Zentralrat der Juden in Deutschland vergibt Leo-Baeck-Preis / © Christian Ditsch (epd)
Zentralrat der Juden in Deutschland vergibt Leo-Baeck-Preis / © Christian Ditsch ( epd )

Sie könne sich daher nicht vorstellen, dass für jüdische Menschen in Deutschland in der nahen Zukunft Normalität einkehre. "Ich habe es mir gewünscht, dass wir das hinkriegen, dass dem anderen nicht seine Religion vorgeworfen wird", sagte Knobloch. Viele ältere Menschen in den jüdischen Gemeinden hätten resigniert, viele jüngere aber dächten über Auswanderung nach. Dennoch gibt sich Knobloch optimistisch: "Das Judentum ist schon immer bekämpft worden, und es hat immer wieder eine Zukunft gefunden."

Charlotte Knobloch ist eine der führenden Vertreterinnen des Judentums in Deutschland. Als Kind musste sie sich vor den Nationalsozialisten verstecken, ihre Großmutter starb im Konzentrationslager, ihr Vater überlebte. Seit 1985 ist sie Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, von 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Quelle:
epd