Klaus Modick über "Keyserlings Geheimnis"

Er war der bessere Fontane

"Bei Keyserling wird Ereignis, was zu verschwinden droht", sagt Klaus Modick, "das Land der Kindheit, der Vergangenheit, der Jugend und der Liebe. Das macht die schöne Wehmut aus, die das Werk des Schriftstellers prägt". In seinem Roman ´Keyserlings Geheimnis´ läßt Modick den baltischen Autor auf sein Leben blicken. Er findet Trost im Einsammeln der vergangenen Lichtblicke, "eine Laterne, deren Schein verzaubernd und tröstlich sein kann".

Klaus Modick / © Peter Kreier
Klaus Modick / © Peter Kreier

Für Literaturexperten ist der Autor Eduard Graf von Keyserling der bessere Fontane, weil seine Bücher impulsiver und, wie Thomas Mann im Nachruf sagte, frei von Behäbigkeiten und nervöser seien. "Die Romane Keyserlings pulsieren", sagt Modick, "sie sind lebendig. Er ist der einzige Autor in Deutschland, auf den das Etikett Impressionismus zutrifft. Das, was die impressionistischen Maler in ihren Bildern nervös, pulsierend, impulsiv umsetzten, macht Keyserling mit der Sprache." Inhaltlich verbindet den Autor aus dem Kurland mit Theodor Fontane, dass es in seinen Romanen auch um die verschwindende alte Welt des Adels geht. "Es ist ein märchenhaft oder erträumtes Kurland, von dem der baltische Autor Keyserling erzählt", sagt Modick. "Die Großgrundbesitzer verloren im Kurland mit der Industrialisierung immer mehr an Bedeutung. Mit den Wäldern des baltischen Adels werden die Hochöfen im deutschen Reich geheizt."

Ein Autor in einer Umbruchzeit

In seinem Roman ´Keyserlings Geheimnis´ erzählt Klaus Modick auch vom Wandel. Alte Gesellschaftsformen zerfallen um 1900. Die Industrialisierung krempelt die Gesellschaft um. Da gibt es viele Parallelen zur jetzigen Zeit. "Wir haben es im Moment ja auch mit einem technologischen Umbruch zu tun", sagt Modick, "Stichwort Digitalisierung, den es in dieser Form überhaupt noch nicht gegeben hat." Damals um 1900 sorgten die Umbruchzeiten dafür, dass Kunst und Kultur wild experimentierten und viele neue Impulse gaben. Die Literatur blühte auf, Künstler sammelten sich an bestimmten Orten. In Worspwede oder in München, in Schwabing. "Die Boheme Schwabings um die Jahrhundertwende war berühmt und zog aus dem ganzen deutschsprachigen Reich Künstler und Intellektuelle an". Zum Freundeskreis von Keyserling gehörten damals unter Anderen der Autor Frank Wedekind und der Maler Lovis Corinth.

Genau da beginnt der Roman von Klaus Modick über Eduard Graf von Keyserling. Im Jahr 1901 lädt der Dramatiker Max Halbe einige seiner Schwabinger Freunde zu einem Sommerurlaub an den Starnberger See ein. Keyserling war damals schwer gezeichnet. Er war krank, hatte Syphilis. Belegt ist, dass er sich während dieses Sommerurlaubs vom Maler Lovis Corinth malen ließ. "Corinth hat Keyserling in einer faszinierenden Häßlichkeit gemalt", erzählt Modick. "Als Keyserling das fertige Gemälde gesehen hat, soll er gesagt haben: ´Es mag ja gut gemalt sein und das Lovischen hat mich auch gut unterhalten dabei, aber so aussehen möchte ich lieber doch nicht´."

Was ist Keyserlings Geheimnis?

Keyserling sieht sich auf dem Bild krank und verwelkt. Wehmütig erinnert er sich zurück - an die Jugend, an seine Blütezeit, an das wilde Studentenleben und an ein Geheimnis. Als Student hatte er damals Geld unterschlagen, eher geliehen und flog deswegen von der Uni. Von der Familie geächtet musste er aus dem Kurland fliehen, aber "dieses Geld leihen, weil man Spielschulden hat, konnte unmöglich zu diesen drastischen Konsequenzen geführt haben", sagt Klaus Modick, "es musste etwas viel einschneidenderes passiert sein, und das war sein Geheimnis."Von diesem Geheimnis erzählt Klaus Modick in seinem Buch. Dabei geht es um Liebe und vermutlich um die Ehre eines betrogenen hochadeligen Ehemanns, die Keyserling verletzt hat. Klaus Modick erzählt, wie es gewesen sein könnte, denn genau wissen wir es nicht. Eduard Graf von Keyserling hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Er musste aus seiner Heimat fliehen, was im Nachhinein ein großes Glück war, denn so wurde aus ihm ein großer Schriftsteller. Klaus Modick gelingt ein faszinierendes Portrait eines Autors und einer Umbruchzeit, die uns in seinem Roman ganz nah kommt. Nach der Lektüre von ´Keyerlings Geheimnis´ hat der Leser gar keine andere Möglichkeit, als sofort nach einem Roman von Eduard Graf von Keyserling zu greifen, um die schöne Wehmut des großen Autors in seinen Büchern zu erleben.

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